Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1910)
- Article
- Das Amsterdamer Judenviertel
- Date
- 1910-12-01
- Page
- Seite 799 - 800 (sequence 2)
- Language
- German
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799 Ernst Altkirch: Das Amsterdamer Judenviertel. 800 deutscher Juden zu besuchen, erlebte ich zunächst etwas Seltsames. Es war um die Mittagsstunde, und in den engen Gassen begegnete ich Scharen junger Mädchen, die im Leinenhandel und in der Konfektion beschäftigt s nd, und die adrett und mit Geschmack gekleidet waren. Ueber da< mit Unra bedeckte holprige Pflaster huschten sie leichtfüssig, und zu meinem grossen Erstaunen verschwanden sie in den niedrigen, garstigen Häusern, eilten die engen, unsaubern Holztreppen hinauf, und ich sah dabei zier- " liehe Schuhe und schneeweisse Unterkleidung. Und dann stieg ich selbst eine dieser stoilun Holztreppen hinauf, die fast senkrecht angelegt sind. Wie ein finstrer, rauchiger Schlot war diese Stiege, und mit Widerwillen tastete ich mich am Geländer weiter, das sich feucht und klebrig anfühlte. Endlich G. J. STALLER. stand ich auf einem kleinen Flur, der so niedrig war, dass ich mich bücken musste, und auf dem sich drei Türen befanden. Meine Begleiterin tappte nach einer Türklinke, und ein Raum öffnete sich, worin wir einen Tisch, einige durchgesessene Stühle, einen mit Geschirr angefüllten Schrank, einen kleinen eisernen Ofen und eine in die Wand eingelassene Lagerstatt, von einem grünen, verschossenen Vorhang bedeckt, erblickten. Auf einem Stuhl am Bett hockte in sich zusammengesunken eine blinde Frau. Als sie die Stimme des jungen Mädchens vernahm, flog ein leises Lächeln über ihr Gesicht. Sie drückte die ihr dargereichten Hände, und dann begann sie mit einer tränenerfülltcn Stimme zu klagen, und obgleich ich kein Wort verstand, ging mir dieses stille, monotone Klagen durch Mark und Bein. Am Fenster, dessen Scheiben fast undurchsichtig waren, sass ein Mann, ohne uns zunächst sonderlich zu beachten, und stopfte hastig aus einem Topfe, den er zwischen den Knien Hielt, Kartoffeln in den -Mund. Plötzlich fing er zu husten an, und der Husten erschütterte bald derartig seinen dürren Leib und . nahm ihm den Atem, dass er vergeblich versuchte, ein paar Worte hervorzustammeln. Er zeigte dann nur mit zitternden Händen auf seine Brust. Dieser Mann war schwindsüchtig und hatte mit seinem blinden Weibe zehn Kinder, von denen die älteste Tochter 18 Jahre alt war. Wir machten in dem Hause noch einen Besuch und stiegen in den zweiten Stock. An Stelle des Geländers befand sich an der noch steileren Treppe ein schwarzer, morscher Strick. Ihn benutzend, kletterten wir nach oben, mit Mühe nur konnten wir uns im Gleichgewicht halten. Ein Raum, der einer Höhle glich, tat sich auf. In einem Eimer, in dem Torfstücke g'übten, stand eine kupferne Teekanne. Die Tapeten hingen in Fetzen von den Wänden, auf einer wackligen Kommode, von der der Anstrich fast verschwunden war, standen zers tossene Teller mit Speiseüberresten und etliche billige Nipp figuren, denen die Köpfe abge- AMSTERDAM. schlagen waren. Hier hauste