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Ost und West · 1910-12-01 · Heft 12 (Dezember 1910) · p. Seite 795 - 796

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 12 (Dezember 1910)
Article
Geistige und soziale Strömungen im modernen Islam
Date
1910-12-01
Page
Seite 795 - 796 (sequence 3)
Language
German
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795 Dr. Arsene Cahen (Paris): Geistige und soziale Strömlingen im modernen Islam. 796 Revolution. Das ist in der wiedei*geborenen Türkei das Schlagwort der liberalen Partei. Die administrativen Reformen nach dem Sturz des alten Sultans setzten ein mit der Reorganisation des Unterrichtsministeriums. Erweiterung der intellektuellen Kultur, — das ist das Programm der neuen Männer. Zum Unterricht im Französischen will man in den Mittelschulen den des Englischen, Russischen, Deutschen und Italienischen fügen. In zwei Jahren sind drei neue Rechtfakultäten gegründet worden, und zwar in Konia und Bagdad, nach dem Muster jener von Konstantinopel, die 3000 Hörer zählt. Anfangs 1910 verlangte Trebinzonde auch eine solche Schule, aber die Presse widersetzte sich diesem Verlangen, weil sie technischen, Industrie-, Handels- und Ackerbauschulen den Vorzug gab. „Wir verlangen", schrieb der „IkdamCf, „dass die Geistlichen künftighin eine ernste allgemeine Bildung erhalten und in den Profanwissenschaften wohl unterrichtet seien". Die arabische Presse ist mehr islamitisch, befasst sich noch mit den Streitigkeiten der schafeitischen Meister, mit dem Sufismus, mit den Grundlagen des muslimischen Gesetzes, mit der Philosophie des Averroes. Aber sie beweist uns auch, „dass der Darwinismus, richtig verstanden, sich wohl mit dem Islam vereinigen lässt; denn es gibt viele muselmännische Aerzte, die die religiösen Pflichten gewissenhaft erfüllen und sich dabei zum Darwinismus bekennen." In Aegypten entstand auf Betreiben der Nationalpartei die Universität von Kairo, Stipendiaten werden nach Frankreich und England gesandt, um sich für den Lehrberuf auszubilden. Aehnliche Tendenzen herrschen in Tunis und Algier, äussern sich aber in viel schwächeren Formen. Ismail Bey Gasprinski, ein russischer Untertan und Direktor eines muslimischen Tageblattes auf der Krim, sagte in einer Rede, in der er das Projekt eines allgemein-islamitischen Kongresses auseinandersetzte, folgendes: „Die Dekadenz der Araber und der Türken ist nicht die Folge ihrer schwächeren Intelligenz, noch einer mangelnden Anpassungsfähigkeit, noch ist sie eine Folge der muslimischen Religion, die im Gegenteil der geistigen Entwicklung günstig ist. . . Aber unser Verhalten steht im Widerspruch mit den gesunden religiösen Prinzipien. Es ist notwendig, einen allgemeinen Kongress zusammenzurufen, zu keinem anderen Zweck, als um die Ursachen des Verfalls der muslimischen Welt zu erforschen, die Wege des Fortschrittes aufzusuchen, und Mittel zu finden, die uns erlauben sollen, unser Teil an der abendländischen Zivilisation zu haben!" Der Feminismus, d. Ii. das Bestreben, die Lage der muslimischen Frauen zu verbessern, bildet allenthalben einen Hauptpunkt der neuen Bewegung im Islam. Im Mai 1908 überreichten russische Musliminnen der Duma eine Petition, in der sie Mädchenschulen, einen Platz an der Moschee und das Recht, Handel und Gewerbe zu betreiben, forderten. „Unsere Männer berauben uns aller Freiheit, und halten uns zwischen den vier Wänden unserer Wohnungen gefangen^ Sie halten sich Mätressen und dürfen mehreremal heiraten; wir sind verdammt, unter dem Druck zu leben und unser Ende ist die Schwindsucht. O, ihr > mohammedanischen Abgeordneten, eure Pflicht gebietet, dass ihr euch der muslimischen Frauen annehmet." In mehreren islamitischen Zentren Russlands existieren bereits Klubs, die auch den Frauen zugänglich sind und Amateurtheater, an denen auch Damen mitwirken; etwas, wovon man sich vor kurzem noch nichts hätte träumen lassen. Bedeutsam ist es, dass auch schon einige hervorragende Führerinnen des Feminismus aufgetreten sind. Eine Tochter des grossen ottomanischen Historikers Djavdet Pascha, Madame Emine Sanieh, war in Saloniki Vorsitzende des revolutionären Frauenkomit'ees. Ihre Schwester, Fatime Alije Chanum polemisiert im „Terdjuman" für die feministischen Ideen. Ismet Hakki Chanum fordert für die Mädchen Fachschulen und wissenschaftliche Vorträge. Die Töchter Midhat Paschas und Rasim Paschas, ehemaligen Gouverneurs von Tripolis, gingen in Konstantinopel nach dem Spital, um die während der Apriltage verwundeten Soldaten zu pflegen, und die Witwe des Generals Osman Pascha hielt bei dieser Gelegenheit eine feurige Rede über die Rolle der Frau unter , dem Regime der Freiheit. Eine bekannte Schriftstellerin, Niguiar bint Osman Chanum griff im Jahr 1910 im Theater heftig die Polygamie an, die man ohnehin in besseren Kreisen nicht mehr zu verteidigen wagt. Viel rückständiger ist man in Persien. : Dort hatte der ehemalige Direktor des öffentlichen Unterrichtswesens von Azabeidschan, Seid Hussein Khan, einen Artikel publiziert, in dem er einen besseren Unterricht für die Frauen forderte, „die sich in Persien durch nichts von den Kühen, Eseln und anderen Haustieren unterscheiden". Dafür verurteilte ihn das geistliche Gericht zu 28 Monaten Gefängnis. Gerade auf diesem Gebiete ist der Fortschritt am schwierigsten, denn er hat zuviel Gewohnheiten und Vorurteile zu überwinden. Der jetzige Präsident der ottomanischen Kammer schrieb ja in seinem Brief: „La Crise de 1'Orient", es sei ein Irrtum, zu meinen, dass die Existenz des Harems und die Isolierung der Frauen den Fortschritt aufhalte! Aber trotz allen diesen Hindernissen ist die Idee im Gange und breitet sich von oben nach unten immer mehr aus. In den politischen Kreisen hat die Stellung der Frau sich derart gebessert, dass beim jüngsten Bairamfest 20 Damen der höchsten muslimischen Gesellschaft dem Sultan persönlich ihre Huldigung darbieten durften. — Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts kurierte noch der Chefarzt des Zivilspitals in Konstantinopel seine Kranken nach arabischer Methode, nämlich mit dem Koran und mit glühenden Stiften, bevor er zu Medikamenten oder zur Chirurgie Zuflucht nahm. Noch heute kurieren die Mollahs von Kurdistan gewisse in # ihrer Gegend häufige Leberkrankheiten, indem sie mit der Schneide eines Schwertes leise auf den nackten Bauch klopfen und dabei die Koransure Ja-Sin rezitieren; zwei oder drei Sitzungen ergeben ausgezeichnete Resultate. Und die „heilige Ratsversammlung" des Iman Jachia hat erst vor kurzem entschieden, dass die letzte typhöse Epidemie in Jemen eine Strafe des Himmels für den Genuss des von der Religion verbotenen Tabaks sei. — Im allgemeinen ist der türkische Islam weniger fortgeschritten, obgleich er eine euro-" päische Elite an seiner Spitze hat. Aber auch er entfernt sich, trotz der oben angeführten Tatsachen, immer mehr vom alten Mohammedanismus, und der soziale Fortschritt tritt seit dem Sturze des alten Regimes immer mehr hervor. Man braucht nur in die „Annales Medicales" des Hamidie-Kinderhospitals einen Blick zu werfen.

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