Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1910)
- Article
- Geistige und soziale Strömungen im modernen Islam
- Date
- 1910-12-01
- Page
- Seite 793 - 794 (sequence 2)
- Language
- German
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793 Dr. Arsene Cahen (Paria): Geistige und soziale Strömungen im modernen Islam. 794 die Mohammedaner von Kairo den „Moajjad" gegründet, der die Alleinherrschaft der christlichen Presse mit Erfolg bekämpft. Dieses mit Talent redigierte,.gut informierte und ausschliesslich mohammedanische, wenn auch liberale Tageblatt hat sich in wenigen Jahren zu einer grossen Zeitung im europäischen Sinne entwickelt, mit Rotationsmaschinen, ausländischen Korrespondenten und telegraphischem Nachrichtendienst. Ihr Erfolg regte zu neuen Versuchen an. Ende 1904 zählte Aegypten 117 arabische Zeitungen und Zeitschriften, gegen die zwei Dutzende von 1890, und vom Juli 1908 bis April 1909 wurden 106 neu angemeldet. Wenn man die syrischen, maronilisehen, katholischen und protestantischen abzieht, bleiben für das türkische Reich 150 periodische Publikationen arabisch-muselmännischen Charakters, darunter zwei Tageblätter von sehr grosser Auflage, die in der ganzen Welt verbleitet sind. Alle diese Blätter und Revuen sind ausgesproihen mohammedanisch, ebenso wie die Presse von Tunis, wo die Aufhebung des lästigen Kautionssystems einen grossen Aufschwung des Zeitungswesens nach sich brachte. In Persien entstand die erste Zeitung im Jahr 1851, und noch 1877 führte sie ein kümmerliches Dasein. Alier in Engliseli-lndien wie in Konstantinopcl entstanden persische Blätter, die trotz aller Polizeimassregeln im Lande eine grosse Verbreitung fanden, und in der Vorbereitung der persischen Revolution eine grosse Rolle spielten. Die Mohammedaner Englisch-Indiens besassen im Jahr 1900 etwa 200 Zeitschriften in arabischer, persischer und englischer Sprache in den indischen Dialekten Urdu und Guzerati. Ihre Zahl ist seither nur gewachsen. In Niederländisch-Indien entstand eine muselmännische Presse erst 1835; noch 1885 gab es dort ein paar Zeitungen in malaiischer Sprache, in römischen Lettern, von Europäern oder Chinesen herausgegeben. Seit einigen Jahren hat die holländische Politik eine liberale Richtung «ungeschlagen, um dem Einfluss Japans die Wagschale zu halten. Die Eingeborenenpresse hat sich daher entwickelt, ohne jedoch ihren Charakter zu ändern. Um eine malaiische Presse von echt muselmännischem Geist in arabischen Lettern zu finden, muss man nach Singapore gehen. Dort erschien schon 1858 „Die Brille für Wissenschaftssucher", und am Vorabend der türkischen Revolution gab es dort fünf oder sechs Zeitungen, zum Teil panislamitischer Tendenz. Fügen wir noch hinzu, dass die chinesischen Mohammedaner keine eigene Presse haben, und dass die syrisch-arabische Presse in den beiden Amerika Fuss gefasst hat. Erwähnen wir noch die islamitischen Zeitungen englischer Sprache „The Crescent", Organ des Seheikh-ul-lslam der englischen Kolonien, das „Journal of the Moslem Institute" zu Aligarh, endlich „L'Islamisme", in französischer Sprache, herausgegeben auf Maurizio von Achmed Ibrahim Achey. Uebersehen darf man auch nicht die arabischen, türkischen und persischen Mitarbeiter der „Revue du Monde musalman". So haben' wir eine kurze Übersicht der Tatsachen, deren positive Wichtigkeit sich in einigen Ziffern ausdrücken lässt. Es gibt also gegenwärtig mindestens 400 politische Zeitungen, die an der Arbeit sind, um dem Islam eine öffentliche Meinung zu geben. (Hierbei sehen wir von den literarischen, pädagogischen, technischen und sonstigen Fachrevuen ab.) Das ist freilich wenig für so viele Völker und Länder. Wenn man aber erwägt, dass es um die Mitte des 19. Jahrhunderts ihrer kaum 50 gegeben hat, so wird man annehmen müssen, dass ihre Zahl binnen kurzem auf 1000 oder noch mehr anwachsen wird. Von Jahr zu Jahr, von Monat zu Monat rückt der Moment näher, da die Masse der gesamten Mohammedaner ganz durchdrungen sein wird von der leitenden Energie einer Presse, die bunt und verschiedenartig, wie die islamitischen Zivilisationen, gleichwohl in dem Ganzen der islamitischen Kultur geeint und zusammenhängend sein wird. Die Hauptideen, welche diese Presse in verschiedenen Variationen, besonders seit neuerer Zeit, ihren Lesern predigt, lassen sich auf folgende Punkte zurückführen: religiöse Emanzipation, Verbesserung der Lage der Frauen, Hebung ilirer Bildung, Abhaltung volkswirtschaftlicher Kongresse, Gründung von Wohltätigkeitsgesellschaften, Gründung von Korporationen, Genossenschaften und solcher zum Zweck gegenseitiger Unterstützung, Verbesserung der öffentlichen Hygiene. Und die Presse war nur die Vorläuferin und bildet auch jetzt die Avantgarde einer Reihe von Institutionen, die die, Verwirklichung jener Forderungen auf praktischem Wege anstreben. Der berühmte Said Ahmad Khan hatte im Jahr 1875 dem islamitischen Modernismus den ersten Anstoss gegeben, durch Gründung des Anglo-orientalischen musolmanischen Kollegiums zu Aligarh. Die von hier ausgehende Lehre des sozialen Fortschrittes stiess auf heftigen Widerstand, aber sie triumphierte am Ende, und das genannte Kollegium, wo die Elite der eingeborenen Jugend einen gemischten höheren Unterricht erhält, zählte vor zwanzig Jahren schon 456 muselmanische Zöglinge.; Said Ahmad widmete einen Teil seiner Tätigkeit den Mohammedan Educational Conferences, die seit 1887 wirken. Auf ihrem Generalkongress zu Dakka 1906 wurde die politische und soziale „All Jndia League" gegründet. Im nächsten Jahr veranstaltete der Kongress eine Ausstellung von Erzeugnissen der Frauenkunst und besohloss, den Unterricht auf die Agrikultur, die Veterinärkunde und das Gewerbe auszudehnen. Im Jahr 1908 wurde der Kongress zu Madras mit der Ankündigung eines Geschenks von 20 000 Francs zur Gründung eines Studentenheims eröffnet. Für den gleichen Zweck spendete der Rajah von Mahmudabad 20 000 Francs. Die intellektuelle Bewegung, die von der ganzen muselmanischen Presse Indiens unterstützt wird, hat schon sogar ihre Radikalen, die so weit gehen, die Abschaffung des Koranunterrichts an den Volksschulen zu fordern. In Persien wirkt in ähnlichem Sinne, wenngleich in geringerem Massstabe Mohammed Ali Behdjet DizfuJi. Das von ihm herausgegebene Journal „Me'arif", Organ des öffentlichen Unterrichtswesens Persiens, wird unterstützt von einer Propagandabibliothek, wo der Gulistan neben der Uebersetzung des Gil Blas steht. Er forderte 1907 die Einführung des Schulzwanges, Mittelschulunterricht, einen Hochschulunterricht, der den Bedürfnissen des Landes angepasst sei und die Gründung einer höheren Lehrerbildungsanstalt, „damit Persien in Zukunft sich selber genügen. könne, und seine Söhne nicht nach Europa zu schicken brauche". „Schulen, Schulen und wieder Schulen", rief der „Ikdam" zu Konstantinopel an der Spitze seiner Nummer vom 1. August 1908, am Morgen nach der