Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1910)
- Article
- Das Wesen des Judentums
- Date
- 1910-12-01
- Page
- Seite 785 - 786 (sequence 3)
- Language
- German
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785 Achad Haam: Das Wesen des Judentums. 786 für die Beziehungen zwischen Volk und Volk zu dienen. Kein Volk kann sich je einreden lassen, dass es seine Pflicht sei, sich selber zu vernichten und aufzugehen und auf seine Rechte zu verziehten, um einem andern Volk zu dienen. Umgekehrt, jedem Volk ist es tief eingepflanzt, dass seine oberste ethische Pflicht erheische, seine eigne Ehre hochzuhalten und sich seiner Rechte zu bedienen, um sich gute Lebensbedingungen zu schaffen, unter denen seine inneren Kräfte zur vollsten Entfaltung gedeihen könnten. Und da die christlichen Völker ausserstande waren, die Beziehungen zwischen Nation und Nation auf der von ihrer Religion dargebotenen ethischen Basis zu begründen, so blieb der nationale Egoismus der alleinige Beherrscher der internationalen Beziehungen und das Prinzip „Macht geht vor Recht" wurde zum obersten ethischen Grundsatz erhoben. — Hingegen die Gerechtigkeitslehre des Judentums beschränkt sich nicht auf den engen Kreis des individuellen Lebens. Im Sinne des Judentums kann und muss auch das Volk als ganzes das Gebot der Nächstenliebe befolgen: denn dieses fordert ja nicht, dass das Volk seine Existenz und seine Ehre selber vernichte, um einem andern Raum zu schaffen. Umgekehrt, die Pflicht des Volksganzen, gleich wie die des Einzelmenschen, ist, sein Dasein zu erhalten und alle seine Kräfte bis an die äusserste Grenze der Möglichkeit zu entwickeln, — aber dabei keinen Augenblick ausser acht zu lassen, dass die andern Völker ganz genau dasselbe Recht haben, diese ihre ethische Pflicht zu erfüllen, ohne darin irgendwie von aussen gehindert zu werden; so dass der Patriotismus, das heisst: der nationale Egoismus kein Volk dahin bringen darf, seine Volksindividualität auf Kosten einer andern gross werden zu lassen, durch Zerstörung einer andern zu wachsen.1) Darum konnte das Judentum schon vor Jahrtausenden den ewigen Völkerfrieden als höchstes Ideal proklamieren, da dieser im Grunde nur die unvermeidliche logische Folgerung ist, die aus dem Prinzip der absoluten Gerechtigkeit fliesst, welches die ethische Basis des Judentums bildet.2) x) Wenn ich mich nicht irre, war der russische Denker Wladimir Solo wie w der erste, der versuchte, die internationale Ethik auf dem Prinzip der Nächstenliebe aufzubauen. Nicht ohne Grund schätzte dieser Philosoph die Lehren des Judentums so hoch und bemühte sich, in sie einzudringen, mit einem Eifer, der unter christlichen Gelehrten sehr selten ist. 2) Weltbekannt ist Bismarcks Wort von den Engländern,sie seien im Privatleben die vollendetsten Gentlemen, aber in der Diplomatie andern Nationen gegenüber die Verkörperung der Perfidie, Verlogenheit und Treulosigkeit, wie auch des schrankenlosesten Egoismus, der auch vor keiner Grausamkeit zurückscheue. Bismarck fügt hinzu, die gleiche Erscheinung weise auch die Geschichte der Spartaner und Römer auf, und es sei dies offenbar eine mit der Entfaltung grosser staatlicher Macht verbundene Eigentümlichkeit. Ganz genau dasselbe sagten Engländer von Bismarck aus, und zogen ebenfalls Lakedämonier und Körner zum Vergleich herbei. Es ist bezeichnend, dass beiden Parteien nicht einfiel, dass Spartaner und Römer Heiden waren, während sie selber Christen sind, für die der Heiland ja am Kreuze gestorben ist. — Es wäre leicht, diese Gedanken weiter auszuspinnen, man könnte auch unschwer an verschiedenen Einzelheiten nachweisen, dass der an ihnen zutage tretende Unterschied zwischen der jüdischen und der evangelischen Auffassung nur eine Folge der oben dargelegten Grundverschiedenheit ist, so dass alle Kompromisse und Vergleiche, vermittels deren Mr. Monteflore zwischen diesen beiden Lebensanschauungen eine Vermittelung stiften möchte, weder in theoretischer, noch in praktischer Hinsicht von Belang sind. Ich will jedoch der Kürze halber nur auf einen Punkt hinweisen, dem auch der Verfasser grosse Bedeutung beimisst; und davon möge der Leser auf den Rest schliessen. * * * Die jüdische Lehre gestattet bekanntlich die Ehescheidung, das N. T. dagegen verbietet sie, sei es unbedingt, nach Markus 10, 2—12, sei es mit Ausnahme wegen Unzucht, nach Matthäus 19, 3—12. In unserer Zeit nun, da alle christlichen Völker seit Jahrzehnten mit dem vom Evangelium überkommenen Scheidungsverbot ringen und alle Kräfte aufbieten, es aufzuheben oder wenigstens einzuschränken — bedarf es da vieler Worte, um zu beweisen, dass die Erlaubnis der Scheidung auch nicht „wegen Unzucht" eine Forderung der sozialen Ethik sei? Da nun das Judentum in erster Reihe soziale Ziele verfolgt, ist es natürlich, dass es auch in dieser Frage dem Hauptzug seines eigenen Geistes folgte und im Sinne Hillels entschied, der das Prinzip aufstellte, dass die Ehescheidung nicht nur „wegen Unzucht" zulässig sei, sondern auch aus anderen Gründen, die eine Entfremdung zwischen Mann und Frau herbeigeführt haben. Denn nicht auf die Ursache kommt es hier an, sondern auf die Folgen, nämlich die Zwietracht in der Ehe, die das Familienleben untergräbt, die Erziehung der Kinder unmöglich macht und unzählige moralische Uebel verursacht. Eine zweitausendjährige Erfahrung hat das jüdische Volk überzeugt, dass es diese Entscheidung im Sinne Hillels nicht zu bereuen braucht. Sogar die Feinde können nicht in Abrede stellen, dass das jüdische Familienleben eine sehr hohe Stufe ethischer Reinheit erreicht hat. Und eine solche Tatsache kann ja nicht durch ein Mirakel herbeigeführt worden sein, sondern sie ist offenbar eine Folge der Gesetze, die das Volk regieren — zumal unter den Juden, auf deren Leben der Einfluss der Religionsgesetze zu jeder Zeit so mächtig war.1) Es muss Man vergleiche auch die Worte, mit denen Bismarck Laskers Bemühungen, die Politik nach ethischen Prinzipien zu formen, blutig verhöhnte. A. d. R. J) Das wird von M. allerdings bestritten. Nach seiner Ansicht hat das jüdische Familienleben seine hohe Stufe nicht dank den Ehegesetzen, sondern trotz ihnen erreicht. Das widerspricht freilich aller Logilr, aber Mr. M hat hierfür folgende Rechtfertigung: Die Geschichte des Judentums gehorche nicht den Gesetzen der Kausalität. Man. finde hier nicht selten eine Tendenz, deren Folgen gerade das Gegenteil von dem sind, was sie nach dem Kausalnexus hätten sein sollen. — Eine bequemere Geschichtsphilosophie kann es allerdings nicht geben.