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Ost und West · 1910-12-01 · Heft 12 (Dezember 1910) · p. Seite 783 - 784

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 12 (Dezember 1910)
Article
Das Wesen des Judentums
Date
1910-12-01
Page
Seite 783 - 784 (sequence 2)
Language
German
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783 Achad Haam: Das Wesen des Judentums. 784 wird hier ein feines Empfinden als Geruch, bezeichnet. . . Das will sagen: er wird durch das leiseste Aufmerken die Guten von den Bösen zu unterscheiden vermögen". (Kimchi zur Stelle) Doch diese Entwicklung ruht im Schosse der fernsten Zukunft. Vorderhand, so lange die Menschheit eines natürlichen Gerechtigkeitsinstinktes entwehren muss, und sogar die hesten Menschen vom Eigennutz oder von der Herzensneigung sich blenden lassen, wo es gilt, das Gute vom Bösen zu unterscheiden, da bedürfen alle eines Probiersteines, einer festen und allgemeinen Kegel, die es jedem ermöglichen soll, sich davor zu hüten, das Recht zu seinem eigenen Nutzen oder zugunsten seiner Herzensneigung zu krümmen. Eine solche umfassende Regel gibt uns Hillel in seiner Formel: „Was dir nicht lieb ist, das tu dem Nächsten nicht". Der Altruismus setzt hierfür: „Was du für dich begehrst, das tu dem Nächsten auch." Oder mit andern Worten: „Nimm die Kreisfläche des Egoismus und setze in den Mittelpunkt den Nächsten anstatt des Ich, und du hast deine Pflicht erfüllt." Die jüdische Lehre dagegen kann sich damit nicht begnügen. Denn sie setzt nicht den Nächsten, sondern die absolute Gerechtigkeit in den Mittelpunkt ihrer ethischen Forderung, und vor der absoluten Gerechtigkeit sind Ich und der Nächste vollkommen gleich. Den Egoismus kann aber die Gerechtigkeit nur in negativer Fassung aufwiegen: was der Egoismus für sich vermieden wissen will, das auch dem Nächsten nicht zuzufügen, ist sicher gerecht. Was aber der Egoismus für sich begehrt, ist ja unendlich, und wenn ich nun die Verpflichtung habe, dasselbe dem Nächsten zu tun, bin ich ja dem Egoismus des Nächsten schrankenlos ausgeliefert, und die Gerechtigkeit leidet zugunsten des Nächsten.*) Auch die Vorschrift: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", die Rabbi Akiba einen Hauptgrundsatz der Thora nannte, hat nur in der äusseren Form eine positive Fassung, ihre wahre Bedeutung dagegen ist negativ. Wäre der Sinn: „Liebe deinen Nächsten so, dass du dein Leben für das seine opferst", so hätte der Satz lauten müssen: „Liebe 1 *) Die Konsequenz davon ist, dass das ganze Gebot der Nächstenliebe zur Farce wird und schliesslich im Munde des Durchschnittsmenschen durch das bekannte Sprüchlein: „Jeder ist sich selbst der Nächste'', ergänzt oder ersetzt wird. Dass dieses Gebot im Leben der christlichen Völker gar keine Rolle spielt und nur ein Prunkstück für feierliche Anlässe ist, über dessen Besitz man sich freut', aber es nicht benützt, ein Thema für salbungsvolle Predigten und hochtrabende Abhandlungen, haben christliche Moralisten zur Genüge nachgewiesen. Man kann hierüber beispielsweise in Langes Geschichte des Materialismus Erbauliches nachlesen. Wer den Altruismus in seiner ganzen Ausdehnung übte, das waren Heilige, wie Franz von Assisi oder Vinzenz a Paulo. Aber diese dienten nicht dem Nächsten, sondern der Allgemeinheit; und sie nahmen gleichsam in Vertretung ihrer Zeitgenossen die Pflicht der Nächstenliebe auf sich und traten dadurch aus den Reiben der Mitbürger, um ein anderes, höheres Leben zu führen. Damit bewiesen sie aber nur, dass-' die christliche Fassung der Nächstenliebe sich nicht zur1 allgemeinen ethischen Grundlage für die Menschen eignet. A. d. R. deinen Nächsten mehr als dich." Liebst du aber deinen Nächsten wie dich, nicht mehr und nicht weniger, so herrscht Gleichgewicht zwischen dem Ich und dem Nächsten. Und in der Tat wollte die Thora nur sagen: Lass nicht zu, dass dein Egoismus die Wagschale der Gerechtigkeit zu deinen Gunsten auf Kosten deines Nächsten sinken mache. Dann wird die Gerechtigkeit entscheiden und nicht zulassen, dass du deinem Nächsten zufügst, was dir selber unlieb wäre. Den Beweis für die Richtigkeit dieser Auffassung liefert ein Vers in demselben Kapitel, der folgendermassen lautet: „Wenn mit euch ein Fremder in eurem Lande wohnen wird, so dürfet ihr ihn nicht kränken, ganz wie der Eingeborene unter euch soll euch der Fremde gelten, und du sollst ihn lieben, wie dich selbst/4 (Lev. 19, 33—34). Hier liegt es klar zutage, dass das Wort „du sollst ihn lieben wie dich selbst4sich auf das vorhergehende: „ihr sollt ihn nicht kränken" bezieht. Der Fremde wird dem Volksgenossen gleichgestellt in bezug auf die Nächstenliebe, welche fordert, dass die Selbst sucht nicht zugunsten des Selbst die Gerechtigkeit verletze. — Im Evangelium dagegen wurde dem Gesetz der Nächstenliebe eine altruistische Bedeutung beigelegt, die fordert, dass das Ich sejn Leben im Verhältnis zu dem des Nächsten als Nebensache, als Mittel zum Zweck behandle (wodurch das ganze Gebot illusorisch gemacht wird). In diesem Sinne kann man das Vorgehen der Christen einigermassen entschuldbar finden, die den Ausspruch „Liebe deinen Nächsten wie dich selbstI" aus dem Evangelium zu zitieren pflegen und stillschweigend übersehen, dass er ja dortselbst nur als Zitat aus dem obengedachten Kapitel der Thora angeführt ist. Der (illusorische) Sinn, den sie diesem Ausspruch unterschieben, ist in Wirklichkeit Eigentum des Evangeliums und nicht der Thora!1). Indessen muss man bedenken, dass ausser dem Verhältnis zwischen den Individuen noch eine wichtigere ethische Kelation vorhanden ist, nämlich die Beziehung zwischen Volk und Volk, und diese Beziehung fordert gleichfalls einen „grossen Grundsatz", eine allgemeine Regel, die dem nationalen Egoismus Schranken zu setzen vermöchte, da dieser der allgemeinen ethischen Entwicklung vielleicht noch viel gefährlicher werden kann, als der individuelle. Betrachten wir von diesem Gesichtspunkt aus den Unterschied zwischen der jüdischen und der evangelischen Begründung der Ethik, so wird uns alsogleich klar, dass der evangelische Altruismus nicht geeignet ist, als ethische Basis x) J. St. Mill sagt: „Um dem grossen Gesetzgeber der Juden Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muss man stets bedenken, dass das Gebot der Nächstenliebe sich in der Mosaischen Lehre finde. — Und wie seltsam ist es, dieses Gebot dort zu finden!" (Three Essays on Religion. 2. Aufl. S. 98). Hätte Mill dieses Gebot in seinem wahren Sinn erfasst, so wäre es ihm gewiss am allerwenigsten seltsam vorgekommen, es dort zu finden. Aber selbst ein so scharfsinniger Logiker wie er konnte sich von dem Einfluss der Erziehung und des Milieus nicht emanzipieren und nicht einsehen, dass die hineingetragene Bedeutung dem ursprünglichen Sinn widerspricht.

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