Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 11 (November 1910)
- Article
- Juden und Judentum im alten Marokko
- Date
- 1910-11-01
- Page
- Seite 767 - 768 (sequence 3)
- Language
- German
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767 Dr. Ernst Feder: Juden und Judentum im alten Marokko. 768 unter Führung des jüdischen Berberhäuptlings Kaulan El-Jahudi den arabischen Eroberern Spanien wieder abnehmen wollten, misslang. In Marokko blieben sie auch unter der Herrschaft des Islam zunächst unbelästigt. Erst Idris L, der erste Sultan von Marokko, verfolgte in dem Bestreben, einen muslimischen Einheitsstaat zu bilden, die Juden mit List und Gewalt. Vielfach von ihnen geschlagen, gelang es ihm schliesslich, ihre militärische Kraft zu brechen und ihnen einen schimpflichen Frieden aufzuzwingen. Damit hatte das politische Judentum in Marokko ausgespielt. Was von kriegerischen und unabhängigen Elementen übrig blieb, zog südwärts in die Sahara, bis Timbuktu. Den-marokkanischen Juden ging freilich auch in den späteren Jahrhunderten die militärische Tüchtigkeit nicht ganz verloren. An den Kämpfen der Muslime gegen Spanien nahmen sie, zuweilen auf beiden Seiten, Ii ervorragen den Anteil. 4. Ein jüdischer Marco Polo. Den hartnäckigen Widerstand, den die Masse der Juden Marokkos dem mit dem Islam eindringenden, ihnen so fremdartigen Talmud-Judentum entgegensetzte, hat man früher durch die Annahme erklärt, dass das Karäertum, welches die mündliche Ueberlieferung verwarf und nur die Autorität der Bibel anerkannte, in Marokko alsbald Eingang gefunden habe. Diese Annahme trifft nicht zu. Vielmehr hehauptete sich die Masse der Juden Marokkos als ethnisch und religiös gesonderter Organismus, der, von der Aussenwelt als solcher anerkannt, den besonderen Namen der Maghrabia (Maghreb gleich Marokko) führte, an Josua- und Heiligen-Kult festhielt und die mündliche Ueberlieferung zwar nicht grundsätzlich wie die Karäer verwarf, aber eine eigne bewahrte und den Talmud der Rabbiniten nicht anerkannte. Gegen Ende des 9. Jahrhunderts erfuhr diese Geistesrichtung eine besondre Stärkung durch das Erscheinen eines rätselhaften Mannes, der sich Eldad nannte und dem Stamme Dan, einem der verlorenen zehn Stämme, anzugehören behauptete. Er brachte noch von vier weiteren der verlornen Stämme Kunde, die nach seinen Erzählungen in der Wüste im Kampf mit den Negern Selbständigkeit errungen hatten und sich politischer wie materieller Blüte erfreuten. Dem rabbinisclien Judentum stellte er den Kult des Josua als des einzigen religiösen Gesetzgebers entgegen, i v *j Eldad ist der älteste jüdische Schriftsteller Marokkos. Sein Hebräisch trägt durchaus den Charakter einer lebenden Sprache und steht der biblischen Sprache näher, als die Mischna. Seine Erzählungen von den Taten Josuas, des Sohnes des Nun, tragen eine überraschende Lokalfarbe. Er hat uns einiges von der kriegerischen Poesie der jüdischen Wüstenstämme erhalten. ,,Ein Held darf nicht vom Felde fliehen; wie schön ist es, sich zu sammeln und auf den Tod sich vorzubereiten. Er stärke sein Herz, Gott ist seine Stärke, auf ihn vertraue er am Tage der Schlacht. Sein Geist erfreut sich am Glanz des Schwertes, seine Freude steigt beim Stampfen des Rosses. Die Frauen von Kusch wird er gefangennehmen." Was an den Berichten dieses jüdischen Marco Polo Wahres gewesen sein mag, wird sich nicht mehr entscheiden lassen. Offenbar hat er die Falaschas Abessiniens und die in die Wüste gedrängten phönizischlibyschen Juden kennen gelernt und selbst Gesehenes mit Gehörtem und Unsicherem vermischt und verwischt. Sein Aufruf an die Juden Marokkos war der letzte Widerhall der tausendjährigen Josua-Legende, der letzte Versuch des afrikanischen Heros, seinen Kult und damit die kriegerische Eigenart und Selbständigkeit des marokkanischen Judentums zu behaupten, die letzte vergebliche Auflehnung Afrikas gegen Asien. Eine politische Wirkung blieb Eldad dem Daniten versagt. Seine literarische Wirkung war eine starke. 5. Literatur und Wissenschaft. Eldads Schüler, Jehuda ben Koreisch in Fes, der älteste uns bekannte jüdische Gelehrte Marokkos, wurde durch die Beobachtung, dass die Sprache des Meisters Wrorte und Wendungen enthielt, die die Bibel nicht kannte, zur Vergleichung der semitischen Sprachen, das heisst der heiligen Sprache mit der aramäischen und der arabischen, geführt. So wurdo Fes die Wiege einer neuen, auch den Alten nicht bekannten Wissenschaft, der vergleichenden Sprachwissenschaft, zugleich die Heimat der hebräischen Grammatik. Die Stadt Fes, in der sich die Juden so zahlreich ansammelten, dass die Araber mit einer verächtlichen Wendung Fes als bled ba nas (Stadt ohne Menschen) bezeichneten, erlebte im 9. bis 11. Jahrhundert eine hohe Blüte jüdischer Literatur und Wissenschaft: es besass in Dunascii einen Vorläufer der Renaissance der hebräischen Poesie, in Jehuda Hajudi den „Vater der Grammatik", in Isaac Alfasi (gleich aus Fas oder Fes) die grösste Talmudautorität der Zeit, dessen Hauptwerk über den Talmud, kurz Alfasi genannt, den Namen der Stadt Fes durch die Jahrhunderte und in die entlegensten Länder trug. ,,Nach Alfasi/' sagt Maimonides, „bleiben kaum noch zehn dunkle Stellen im Talmud." Aus Fes stammte auch der Philosoph und Dichter Ibn Aknin, ein Lieblingsschüler des Maimonides, der seinen „Führer der Verirrten" schrieb, um die Zweifel des Schülers zu zerstreuen. Nüchterne Klarheit, Freiheit von metaphysischer Spekulation, Herrschaft des Verstandes auf Kosten des Gefühls und der Phantasie machten Stärke wie Schwäche des Geisteslebens dieser Epoche aus, die das goldne Zeitalter der Juden Marokkos genannt werden kann. Um die Mitte des 12. Jahrhunderts brach über sie eine Katastrophe herein, die alle früheren in den Schatten stellte. Die arabische Sekte der Almohaden eroberte gegen 1146 Marokko, zerstörte die grössten jüdischen Gemeinden und liess den Juden nur die Wahl zwischen dem Tod und dem Uebertritt zum Islam. Ibn Esra beklagte die Verfolgung in einer ergreifenden Elegie: „Ich zerreisse meinen Mantel wegen Darä, welches zuerst genommen wurde. Es war an einem Sabbat: Mann und Wreib sahen ihr Blut fliessen wie Wasser. Ich rufe zur Trauer über die Gemeinde Sidjilmassa, die Stadt der hohen Gelehrten und Weisen; sie sah ihr Licht mit Finsternis bedeckt; die Säulen des Talmud brachen zusammen; das Gebäude des Gesetzes ward vernichtet und die Mise Ii na mit Füssen getreten." Viele Juden traten zum Islam über, um insgeheim ihren Glauben zu behalten, viele zogen den Tod vor, so dass nach dem Wort eines Chronisten der Zeit „keine Spur von Israel übrig blieb von