Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 11 (November 1910)
- Article
- Juden und Judentum im alten Marokko
- Date
- 1910-11-01
- Page
- Seite 765 - 766 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2583875-2583993-2584004-2595836--11192-2595937- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
765 JDr. Ernst Feder: Juden und Judentum im alten Marokko. 766 als eine der ältesten Städte der semitischen Welt gilti Von hier soll sich -der Josuakult sogar nach Spanien verbreitet haben. So mögen Juden und Berber unter dein gemeinsamen Zeichen Josuas in die kriegerische Auseinandersetzung mit Rom eingetreten sein. Es ist bekannt, dass der von beiden Seiten mit unerbittlicher Grausamkeit geführte Kampf mit der völligen Niederwerfung der Juden schloss, dass er für den grössten Teil Nordafrikas die Ausrottung der Juden, im ganzen eine Katastrophe bedeutete, von der sich das Judentum nie erholt hat. Beendet war der Kampf nicht. Vor den Massakers in Gyrene flüchteten viele Juden in die Wüste, namentlich zu den Oasen Süd-Marokkos, wo sie anscheinend auf früher ausgewanderte Glaubensgenossen stiessen. Fand doch eine verbreitete Tradition in Süd-Marokko die Spur der zehn verlorenen Stämme und erblickte in dem Wadi Sebt (Sabbatflüss) den Strom, der die zehn Stämme vom übrigen Judentum trennte. Bedeutungsvoller wurde ihre Verbindung und Verschmelzung mit den Berbern. Neben Stämmen, zweifellos berberischen Ursprungs, die völlig judaisiert worden sind, treten reinjüdische Stämme inmitten der berberischen Bevölkerung auf. Unter ihnen ragt hervor der kampfeslustige Stamm der Djeraua ("U gleich Fremdling), dessen Sitz der Herd immerwährender Verschwörung und Empörung gegen Rom war, und der durch zahlreiche Einfälle stete Beunruhigung in das römische Gebiet trug. Unter Einfluss und Teilnahme der Juden brach im Jahr 258 der erste grosse Berberkrieg aus. Da die Natur des Landes wie der Bewohner einen dauernden Sieg der Römer unmöglich machte, errangen die Juden hier im kleinen die Unabhängigkeit, die sie im grossen nie mehr erlangen konnten. 2. Judentum und Christentum. Das Christentum hielt diesen Prozess nicht auf, sondern förderte ihn. Anfangs bestanden in Nordafrika freundliche Beziehungen zwischen Christentum und Judentum, da sie als eine Religion galten, in den Synagogen Karthagos z. B. auch das Evangelium verkündet, auf dem jüdischen Friedhof Karthagos auch Christen beigesetzt wurden. Dieses Verhältnis änderte sich seit dem zweiten Jahrhundert, namentlich infolge der Fortschritte, die die Judaisierung unter der römischen und punischen Bevölkerung machte. Schon unter Constantin gewann der Fanatismus des Klerus und der christlichen Masse die Oberhand. Er führte zu blutigen Verfolgungen, zahlreiche Synagogen wurden geplündert und in Kirchen umgewandelt, harte Edikte entrechteten die Juden und verboten den Umgang mit ihnen. Dass diese Entwicklung in der Tat auf die Furcht der Geistlichkeit vor der erfolgreichen Konkurrenz der jüdischen Religion zurückzuführen ist, illustriert ein Verbot des (auch von afrikanischen Geistlichen besuchten) Konzils von Elvira (313), den Segen der Rabbiner für die Ernte anzurufen! Wurden die Juden hierdurch in den Küstengebieten zurückgedrängt, so gewannen sie desto stärkeren Einfluss im Innern Marokkos. Alles was dem Christentum widerstrebte, NichtChristen und auch ketzerische Sekten, wie die Manichäer, trat zum Judentum. AVenn eine Konstitution von 423 ausspricht, dass es in Afrika keine Heiden mehr gebe, so liegt darin nicht nur der Triumph des Christentums, sondern auch ein ausserordentlicher Erfolg des Judentums beschlossen. Eine weitere Ausdehnung des Judentums erfolgte unter dem toleranten Regiment der Vandalen. Die Djeraua erklärten sich 483 für selbständig und begründeten in Ores ein jüdisches Königreich. Die Verfolgung, die 535 mit der griechischen Eroberung über die Juden hereinbrach, vernichtete zwar viele Gemeinden an der Küste, vermochte aber dem Judentum im Innern Marokkos keinen Abbruch zu tun. Die fast völlige Unabhängigkeit, mit der die Juden in Marokko schalteten, machte ihr Land geradezu zum letzten Asyl aller nicht katholischen Kulte, die sich unter dem Schutz der grossen und streitbaren Judenstämme, von der Ebene des Teil bis zum Rif, geborgen fühlten. Als sich mit diesen berberischen Juden die vor der westgotischen Gewaltherrschaft flüchtenden spanischen Juden und im 7. Jahrhundert die von Muhamed vertriebenen arabischen Juden vereinigt hatten, fühlten sie sich stark genug, um an die Eroberung Spaniens heranzutreten, mit der Absicht, es in einen jüdischen Staat umzuwandeln. Der erste Versuch misslang; weiteren wurde ein Ende gemacht durch den verhängnisvollen Einbruch des Islam. Dieses Ereignis wurde ein Wertmesser der um Nordafrika ringenden geistigen Mächte: er fegte das scheinbar siegreiche Christentum hinweg; er vermochte das Judentum nicht zu beseitigen. 3. Die Königin Kanena. Der fast unwiderstehliche Anprall der Muslime fand den hartnäckigsten Widerstand bei den Juden Marokkos. Den heroischen Kampf gegen die arabischen Eindringlinge leitete Kanena («"13.13 gleich Priesterin),1) die berühmte Königin der Djeraua. Um dem Vordringen der Feinde Einhalt zu tun, griff sie zu dem unfehlbaren, aber furchtbaren Mittel, ganz Nordafrika von Tripolis bis Tanger zu verwüsten. Den ägyptischen und asiatischen Talmud-Juden, die im Gefolge des Islam ins Land gekommen waren und mit der neuen Religion ihren Frieden gemacht hatten, erschienen diese kriegerischen Berber-Juden nicht als Stammes verwandte, sondern als Barbaren. Eine eigentümliche Ironie der jüdischen Geschichte fügte es, dass die Kanena, die als einzige die Unabhängigkeit der Juden hochhielt, in den Trauergesängen der arabischen Juden unter den Feinden Israels aufgezählt wird. Die Königin Kanena, bis zuletzt siegreich, fiel im Jahr 703. Ihre Söhne nahmen den Islam an und leisteten den Arabern Heeresfolge. Damit verschwinden die Djeraua aus der marokkanischen Geschichte. Reste von ihnen mögen sich im Innern erhalten haben; man hat sogar die kühne Vermutung aufgestellt, dass die kriegerischen Schauia, im Namen wie Charakter den Djeraua verwandt, ihre Nachkommen seien. Bei der Eroberung Spaniens durch die Muslime leisteten die Juden Tarik, der sich selbst jüdischen Ursprung zuschrieb, wertvolle Dienste. Ein kühner Handstreich der spanischen Juden, durch den sie x) Nach Routtö, Magie et religion dans l'Afrique du Nord S. 29—32 war Kahina bei den alten Arabern wie Berbern der Name für Wahrsagerin, Prophetin. Danach wäre die hebräische Ableitung des Namens zweifelhaft.