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Ost und West · 1910-11-01 · Heft 11 (November 1910) · p. Seite 757 - 758

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 11 (November 1910)
Article
Ein Grabmal
Date
1910-11-01
Page
Seite 757 - 758 (sequence 3)
Language
German
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757 Alessandro Carasso: Ein Grabmal. 758 HERMANN STRUCK. Schriftgelehrter. NACH EINEM OELGEMAELDE. Die Anteilnahme seines Herzens trieb ihn zum Fenster. Er wollte nach dem Knaben ausschauen. Aber vom Himmel sanken so dichte Flocken nieder, dass er nichts sehen konnte von Gottes lichtiger Welt. Traurig schüttelte er seinen greisen Kopf und beugte sich nachdenklich dann wieder über sein Buch. ...-- Vom Ofen her kam eine milde, wohlige Wärme. Der Duft von frisch gebackenem Brot ging durch das Zimmer und berauschte schier das müde Hirn des Greises. Seine müden Augen schlössen sich langsam in der Erschlaffung. Die alte stumpfe Brille sank ihm auf die Nasenspitze herab. Lange freilich konnte sich Reb Ssimchah nicht des Schlummers wehren. Und mit beiden Armen auf die Tischkante gelehnt nickte er langsam ein. Das war kein tiefer Schlaf. Es war ein Hindämmern zwischen Wachen und Schlafen. Er fühlte noch seiner Gedanken zarte Fäden sich zusammenflechten mit dem dunklen Gespinst der Träume. Im ersten Traum sah er den armen Schloimele ausgestreckt auf seiner Mutter Grab liegen. Er sah den Schnee in geruhigem Gleichmass auf ihn niedersinken. Das Herz schnürte sich ihm zusammen und hastig lief er dem Knaben nach. . . . Aber wie er zum Grabe kam, war Schloimele nicht mehr da. Nur Nechama sass da, sein armes Mütterchen, mit weit geöffneten Augen. ... In seinem wirren Hirn wälzte sich die Frage: „Wo kommt sie nur her?! Sie ist doch schon vor langen Jahren gestorben." Aber tiefer packt ihn der Schlaf, dass er Fragen und Antworten vergisst. Als wäre er selbst nun tot. Aber der Auf den Hügel taumelteni mmer neue Flocken nieder und verschütteten ihn mehr und mehr. Und um den betenden und klagenden Knaben wuchs eine hohe Mauer. In der Tiefe seiner Seele wird es nun ach so warm. Flüchtiger immer schlägt ihm das Herz. Eine schwere Müdigkeit hüllt ihn zärtlich ein. Die Augen fallen ihm zu. Seine pochende Brust presst er immer fester in die schneeigen Daunen und durch die aneinander gepressten Lippen gleitet der heisere Ruf: „Mütterchen, Mutter sag . . . hörst du mich ... Ja?" --„Ja, mein Kind!" so raunt es ihm ins Ohr. Und das Glück legt sish ihm auf die erstarrenden Züge. Da öffnet sich das Grab und zwei warme, kosende Hände schlingen sich um ihn. — ,,0 Mutter, liebe Mutter!" so haucht er selig. IV. Es war Reb Ssimchahs Gewohnheit, nach dem Morgengebet einen Abschnitt Mischnajoth zu lernen. Dann liess er das Mahl richten. Aber heut ging ihm das Lernen nicht ein. Die lieben kleinen Raschi-Buchstaben sprangen ihm vor den Augen umher. Er konnte von dem armen Waisenkind nicht loskommen. Seine Gedanken fragten: „Was mag der Knabe nur in diesem Frost bei den Gräbern tun? Und hat er überhaupt das Grab seiner Mutter gefunden. . . . W7er kanns wissen? Er kann sich gar noch auf eii fremdes Grab verirren! . . . Aber das wäre das schlimmste Unglück auch nicht. Dort liegen nur Geschlechter edler Juden. Sie werden seiner Mutter die Gebete ihres Kindes schon weitergeben."

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