Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 11 (November 1910)
- Article
- Ein Grabmal
- Date
- 1910-11-01
- Page
- Seite 759 - 760 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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759 Alessandro Carasso: Ein Grabmal. 7G0 Bann löst sich wieder und ihm ist, als packte ihn jemand von hinten her an und presste ihn an sich: „Bist du das, Schloimele, Schloimele?" schreit er erschreckt und weckt sich mit seinem Schrei aus seinem Schlummer. Er öffnet seine Augen und blickt sich entsetzt um. . . . Still ist's im Stübchen und warm. Die alte Lea sitzt in einer Sofaeck.) zusammengekauert. Auf ihren müden Lider \ liegt der Schlaf. Da ruft Reb Ssimcbah verzweifelt, wie in plötzlicher Erinnerung: „Lea, Lea! Ist Ncchamas Knabe schon zurückgekommen oder ist er schon nach Wassilisehok gegangen?" „Ha, Aver? Nechamas Knabe? . . . Ich weiss <>s nicht . . . Ich war ein bisschen eingenickt." Da nahm sich der Alte, ohne noch ein Wort zu roden, einen warmen Mantel um, und lief hastig aus dem Zimmer. Mit keuchendem Atem. Und als er nach Osten sah, rief er erschreckt auf: Seh' ich auf jenem Grab da ein Grabmal oder narren mich meine alten Augen?" Ihm war, als risse ein Stück seines Herzens ab. Mit letzter Kraft idlte er zum Grabe. Kaum dass ihm die Füsse durch den weichen, tiefen Schnee brachten. Und da er nun zu dem plötzlich aus der Erde gewachsenen Grabstein kam, berühte er ihn mit seinen Händen und schauderte entsetzt zurück. Seine zitternden Finger lösten ein grosses Stück Schnee ab und — eine graue Pelzmütze fiel ihm vor die Füsse. Der Alto wagte es nicht, seinen Augen zu trauen: „Schloime'e, Schloimele, bist du es? Schläfst du, Schoimele?" Keine Antwort. Und mochte er dem Knaben noch so oft den Kopf schütteln, eine Antwort bekam er nicht. Wie versteinert stand der Alte. Aber der Frost brachte ihn zur Besinnung. Und er nahm in seine schwachen zitternden Hände ein bisschen frisch gefallenen Schnees, hob seine matten, klugen Augen zum verhängten Himmel und sagte mit frommer Stimme: Gepriesen sei der gerechte Richter! (Bonich dajan hoemess!) „OTWORITE WOROTA" („oeffnet die tore<). (V o r b i' in <• r k u l» : Unter den Juden in Russland kann man noch liie und da einem eigenen, jetzt im Ausstarben begriffenen Typ begegnen: dem „Nikolajcwer Soldaten". Das sind Juden, die in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zumeist als.Kinder von bezahlten Fängern (Chapperni ihren Eltern weggestohlen und dem damals 25 Jahre währenden Heeresdienst zugeführt wurden. Um sich diesem Kaub zu entziehen, gab es nur zwei Mittel: für die Reichen die Bestechung, für die Armen, da man nur Unverheiratete aushob, die Verheiratung. Und so führte man vierzehnjährig? Knaben und zehn- oder zwölfjährige Mädchen in die Ehe. Die Ergriffenen aber mussten sich in ein hartes Los ergeben. Viele wurden durch allerlei Martern zur Taufe gezwungen: die meisten jedoch blieben ihrer Religion treu. Aber auch diese wurden im Laufe der Jahre völlig zu Russen und nahmen sogar die russische Sprache — deren Gebrauch für gottesdienstliche Zwecke bei den Juden als grosse Sünde galt — in ihre Gebete und Lieder auf. Als Beispiel für derartige Weisen, die unter dem Namen „Lieder der Nikolajewer Soldaten" noch jetzt im Volke gesungen werden, bringen wir nachstehend das Lied „Otworite Worota" (russische Uebersetzung des Gebetes „Pis'chu Ii schaare zedck" — „Oeffnet die Tore") mit der überlieferten eigenartigen und reizvollen Melodie.) Aus der Sammlung: LEO WINZ Bearbeitet von ARNO NADEL Nachdruck verboten. — Aufführungsrecht vorbehalten.