Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 11 (November 1910)
- Article
- Ein Grabmal
- Date
- 1910-11-01
- Page
- Seite 755 - 756 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2583993-2584004-2595833--11181-2595932- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
755 Alessandro Carasso: Ein Grabmal. 756 wurde von all dem Schauen, wandte er sich plötzlich um, als gemahnte ihn eine Stimme, und erfragte mit flehender Stimme den Alten: „Und -wo. ist meiner Mutter Grabstein?!" . . . Die dichten Brauen des .greisen Totengräbers erzitterten da. Ein inniger Blick umfing den armen Knaben. Wie war sein mageres Gesichtchen so bleich und so zart! Die Augen waren so schwarz. Wirr war das Haar. Und auf dem Kopf sass ein Mützchen von grau gewordenen Pelzwerk und hob sich ab von der breiten offenen Stirn. „Wie deine Mutter schaust du aus! Sei dir ein längeres Leben! Ja, nach deiner Mutter Grabstein fragst du? Wo er steht? ... Ja . . . wart nur! . . . Deine Mutter hat — glaub ich — ein Grabmal nicht!" Da blickte der Knabe den Greis verwundert an. Heb Ssimchah sagte traurig: „Wer sollte auch ein Grabmal errichten?" Sie war doch nur eine arme, elende Waise. . . . Und dein Vater zog bald nach ihrem Tod von hier. Nicht ein mal kam er her, auf ihrem Grabe so recht zu weinen . . . Und du? Du bist doch nur ein kleiner Knabe. ..." Da zerrte den Greis die verzweifelte Frage des Kindes: „Und Ihr wisst nicht einmal, wo sie liegt, meine Mutter? . . ." „Was heisst das: ich weiss nicht! Ich solls nicht wissen?!" . . . Er ging auf den Knaben zu und zeigte durch das abgetaute Fenster auf einen bestimmten Punkt hin. „Siehst du dort (in seiner Stimme war heilige Ergriffenheit) die sechste Reihe der Grabsteine? Pass auf: Die erste, die zweite, die dritte, die vierte, die fünfte, die sechste. Da wo das eingehüllte steinerne Hüttchen steht." „Ich sehe." „Das ist das Grab der alten Freide. Sie ruhe in Frieden. Und dort, jener hohe schmale Grabstein zu deiner Linken — da liegt die alte Schuldienerin. War auch ein braves Weib! . . . Und zwischen diesen beiden Steinen da liegt Nechama, deine Mutter. Sie ruhe in Frieden. Jetzt aber wirst du das Grab nicht sehen können, denn der Schnee bedeckt es ganz ..." Nun hielt es den Knaben nicht länger. Und hastig zur Tür eilend rief er: „Nein, nein! Ich werde schon finden." Und schon war er draussen. „Wohin lief er so schnell?" fragte die schwerfällige Alte. „Der Arme ging hinaus, das Grab seiner Mutter zu suchen. In solchem Frost! . . . Das ist ein bitteres Erbarmen." . . . Die letzten Worte sprach Reb Ssimchah mit tiefer Trauer. Ein Weilchen blieb er unbewegt. Und sann. Dann nahm er sich ein Buch vor. Und nun war alle Welt vergessen. Die alte Lea aber schürte das Feuer im Ofen und tat langsam ihr Werk im Hause. III. Nachdem Schloimele das Stübchcn verlassen hatte, ging er hastigen Schrittes zu der sechsten Zeile, zwischen jene beiden Gräber, die ihm Reb Ssimchah bezeichnet hatte. Bis zu den Knien reichte ihm der Schnee. Er stiess sich an den kleinen Grabsteinen und stolperte über verfallene Hügel. Kaum dass er zu seinem'Ziele kam. — Wieder breitete sich Gewölk um den Himmel, und bald sanken in zitternder Flucht weisse Flocken zui' Erde. Da kniete nun der Knabe an der vergessenen Gruft und scharrte mit dürren Fingern den Schnee zur Seite, dass bald und bald der Hügel sichtbar wurde. Er fühlte die Kälte nicht. Die schneeigen Daunen brachten Glut in seine Hände, und die Hast der Arbeit bedeckte den hageren Leib mit Schweiss. Und immer weiter grabend fühlte, er bald ein paar zerdrückte Gräser, die im Schutz des Schnees ihr armselig Leben retteten. Sie standen einsam auf dem freigelegten Hügel. Aber um ihn herum türmten sich die Schneemassen mählieh zu einer Mauer. ' \ Schloimele war mit seinem Werke zufrieden. So war er nun ganz allein auf dem weiten Gräberfeld, auf dem das Leben schwieg. Die Sonne stand noch immer hinter der Wolkenwand geborgen. Auf den Scheiben zu Reb Ssimchahs Stäbchen legten sich wieder die schweren Schleiergewebe des Frostes. Von Norden her stieg der Sturmwind auf. Und sein Braus war wilder denn je zuvor. Schloimele aber lag auf dem Grabhügel der Mutter, und seiner Seele Heimlichkeiten fügten sich zum Gebet: „Du hast mich zu dir gerufen, Mütterchen. Sieh, hier bin ich . . . Sag, Matter, hörst du mich?" Da wirbelte ein Windstoss um seinen Kopf und sauste hastig in das Weite. Ein Schauer rieselte durch den Körper des Knaben. Und Tränen stellten sicli vor seine Blicke. — „Mutter, Mutter! Ich bins ja, dein Sohn Schloimele. Riefst du mich nicht all' die Zeit?! Eben kam ich von Wassilischok . . ." Immer näher drängte sich der Frost an seine erstarrenden Glieder. Da kam die Verzweiflung zu ihm. Er steigerte die Kraft seiner Stimme. — „Sag, Mutter, hörst du mich? Dann will ich dir meiner Geheimnisse Geheimstes sagen. Ich hab' ja den Schnee mit meinen Fingern beiseite gescharrt. Da musst du mich doch besser hören. Dann will ich dir erzählen, wie mich die Stiefmutter quält . . . Wie oft sie mich hungern lässt . . . Wie schwer die Arbeit ist, die sie befiehlt, und wie sie mich schlägt. Für nichts und wieder nichts. . . Der Vater hasst mich. Er weiss nicht mehr, dass ich sein Kind bin. . . .Nur den Eisik hat er lieb, den bösen ..." Immer starrer wurden die Beine des Knaben. Wie tot hingen ihm die Hände herab. Aber er achtete das nicht. „. . . . Schlug mich früher der Vater, dann streichelte er mich doch bald wie zum Trost. Und dann und dann gab er mir auch einen Kuss. Aber jetzt, seit er mich zu Schimon gab, dem Schneider, schenkt er mir kaum noch einen Blick." So sprach er weinend. Aus den Augen rannen ihm die schweren Tropfen und sie erstarrten zu Perlen auf seiner Wange. Auf seinem Kopf lag schon der Schnee getürmt. Er fühlte ihn nicht. Der Hals war ihm wie zugeschnürt. Hastig pochte das Herzchen. Aber er murmelte weiter: — „Wenn ich so sitze und nähe, dann muss ich dran denken, wie du schützend deine Hände auf mich legtest, wenn mich der Vater schlagen wollte. . . Ach, ich muss immer so weinen, wenn mir das wieder einfällt. Und wenn die Gesellen mich weinen sehen — da fangen sie zu lachen an. Und einer, Kyssje rufen sie ihn (er hat eine Stupsnase), nimmt dann ein Brettchen und stösst mich damit. . . 0, wie mir das wehe tut! Aber ich muss stille sein."