Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 11 (November 1910)
- Article
- Ein Grabmal
- Date
- 1910-11-01
- Page
- Seite 753 - 754 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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- OCR quality
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753 754 Nachdruck verboten. Im Schatten düstrer Bäume stand des Totengräbers Haus. Von Osten, Süd und Norden konnte der Hauch der Kälte hineindringen von den stummen eisbedeckten Grabsteinen her. Im Westen aber stand schützend ein traumstilles Wäldchen. ... Es war in grauer Morgenfrühe. Keine Sonne, kein Himmel, keine Wolken. Ein wilder Wintersturm heulte durch das Land. Auf den kleinen Fenstern des armseligen Stübchens lagen wie unter zartem Schleier die blassblauen phantastischen Blumen des Frostes. Durch den offenen Kamin sprang heulend mit drohendem Braus der Wind. Die alte Lea stand am Feuerloch und warf immer wieder Bündel silberfarbenen Strohs hinein. Reb Ssimchah war gerade dabei, das erste Paar Tefillim abzulegen und nach dem Brauche der Chassidim die Tefillim Rabbenu Thams anzulegen. Er hatte gerade die Gebetriemen um den Arm geschlungen und begonnen, den dritten Segensspruch zu machen. Da tat sich plötzlich die Tür auf, und auf der Schwelle stand ein zitternder, fast erfrorener Knabe. Eine gierige Welle eisiger Kälte warf sich ins Zimmer und packte frech die warmen Füsse der beiden Alten. Hastig schlug der Knabe die Tür zu. Und die Stube mit halb erschreckten, halb neugierigen Blicken musternd, murmelte er in einem Tone stammelnden Bittens: „Guten Morgen! Ich bin gekommen und will Euch fragen, wo meine Mutter liegt?" „Und wer ist deine Mutter?" fragte die Alte gleichgültig und machte sich weiter mit ihrem Kochtopf zu schaffen. Auch der alte Reb Ssimchah hatte die Frage gehört, aber er mochte sich nicht mitten im Gebete unterbrechen. Der Knabe warf dem Alten einen scheuen Blick der Ehrfurcht zu und, sich dann zu Boke Lea wendend, antwortete er zaghaft: „Meine Mutter (Friede sei ihr) rief man Nechama. . . . Pinne, der Schlächter, ist mein Vater." „Pinne, der Schlächter? . . . Halt: Der wohnt doch schon an die zehn Jahr in Wassilischok! —" „Ja, ich komme jetzt eben auch erst mit dem Marktvolk von dort. Uebermorgen habe ich Jahrzeit. . . . Heut bei Nacht war meine Mutter hei mir — es war wohl schon das zehnte Mal — und hat mich zu sich gerufen. Ich bin noch niemals auf ihrem Grab gewesen." Der Knabe stellte sich still in einen Winkel und hauchte wieder und wieder in seine erstarrten Finger. „In solcher Kälte bist du allein gefahren?" ,,Nein, nicht allein, ich kam mit Semjon. Er hat mich in seinen Pelz eingewickelt. Dafür gab ich ihm zehn Kopeken." Der Alten Herz füllte sich mit Erbarmen. Sie stellte eine Bank an den Ofen. Und mütterlich besorgt liess sie ihn niedersitzen. Dann scharrte sie aus der glühenden Asche ein Paar gebackene Kartoffeln und gab sie ihm in die erstarrten Finger. Der Knabe aber hauchte nur immerfort in seine Hände und wehrte mit einem Kopfnicken ab, als wollte er sagen: „Ich will nicht." Auf das faltenreiche Gesicht der alten Lea legte es sich wie eine Frage. „Nein," sagte der Knabe, „ich will nicht mit vollem Rauch zu meiner heiligen Mutter kommen." EIN GRABMAL. Erzählung von Alessandro Carasso. Dem Jüdischen nachgebildet von Theodor Zlocisti. Da traten Tränen in die Augen der Alten. „So.. In solcher Kälte kommst du also von Wassilischok?" Von der anderen Ecke des Zimmers her kamen die Worte. Gleichzeitig wendeten die Alte und der Knabe ihre Blicke auf Reb Ssimchah. „Also du bist ein Sohn von Nechama, Gott hab' sie selig. . . . Wart nur, wie nannte sie dich doch? Ich erinnere mich nicht mehr. . . . Nicht wahr, Schloiniele? Ich hab dich doch schon einmal auf diesen alten Händen getragen. . . ." Ja, Schloimele:" „Ja, ja, Schloimele. . . . Richtig! Schloimele. Ich hatte es doch nicht vergossen. . . . Ach ja: Sie war ein braves Weib. . . ." In den tiefen Falten seines Gesichtes spielte lächelnde Zufriedenheit. Eine lange Pause. Versonnen blickte der Knabe auf die frostgemusterten Scheiben. Immer böser und drohender heulte der Sturmwind. Zu mächtigen Hall schwoll sein Getöse. Manchmal schien es, als verhauchte es schlaff und ermattet. Da Reb Ssimchah nun sein Gebet endete, fragte er den Knaben: „Mehr Kinder hat doch Nechama nicht zurückgelassen? Nicht?" „Nein. Nur von der zweiten Mutter habe ich drei Schwestern und einen Bruder Eisik. . . . Wie ist er so schlecht!" „So, so? Dein Vater hat schon ein anderes Weib genommen?" „Ach, schon sehr lange." Mit einer Vorsicht, darin die Ehrfurcht war, legte der Alte seine Tefillim ah. In heiliger Verehrung führte er sie zu seinen Lippen, ehe er sie in gemessenen Touren zusammenwickelte. Eine ehrwürdige Gestalt! Wie der Stammvater Abraham erschien der Totengräber dem Knaben, dessen Blicke er fast gewaltsam vom Fenster ablenkte. Stammvater Abraham. Wie ein Schild von weichem silberfarbenen Glanz lag der lange Bart ausgebreitet auf des Alten Brust. Tief und versonnen waren seine Augen. Und wie von einem verirrten Feuerschein flackerte es in ihrer kindlich-zarten Bläue. In den dichten Brauen lagen uralte Geheimnisse verborgen. . . II. Endlich war es, als würde der Sturmwind müde seines Zcrrens und Stossens an den Hügeln der Toten. Und es schien, als flöge er fort auf wildbewegten Flügeln in die graue Unendlichkeit. Hinter dem W:all rostfarbener Wolken mühte sich die Sonne hervor und sie warf einen wehmütig lächelnden Blick auf die kleinen Ostfenster von Reb Simches Häuschen. Da hellten sich die grauen Muster des Frostes von Minute zu Minute auf und auf der mittelsten Scheibe wandelten sich die Blumen, die in das Glas gewachsen schienen, zu kristallner Klarheit. Indes hatte sich Schloimele ein wenig erwärmt und war mit traumschwerer Neugier an das Fenster getreten. — Der ganze Friedhof lag da wie eingesunken in eine Tiefe frisch gepflückter Daunen. Kaum dass die kleinen Grabsteine aus der Decke lugten. Die grossen hatten sich weisse Spitzmützen auf den Kopf gesetzt. Wie verzaubert starrten des Knaben Augen auf das eisige Schneefeld der Toten. Und da er nun müde