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Ost und West · 1910-11-01 · Heft 11 (November 1910) · p. Seite 747 - 748

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 11 (November 1910)
Article
Jüdische Dozenten an der Beliner Universität
Date
1910-11-01
Page
Seite 747 - 748 (sequence 5)
Language
German
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747 Jüdische Dozenten an der Berliner Universität. 748 Geh. Reg.<Rat Prof. Dr4 I. Barth. zum ersten Male systematisch und grundlegendschöpferisch behandelt wurde. Als langjähriger Assistent von Vircho-w und Orth hat Neuberg ganze Generationen von Studenten in die klinische Chemie einführen können. Als Redakteur des „Chemischen Zentralblattes" und der „Berichte der ist Jacobson bekannt. Probleme führt B y k hat zudem die mathe- Chemischen Gesellschaft" In die photochemischen mit Scharfsinn ein. Er matischo Behandlung naturwissenschaftlicher Fragen in sorgsamen Studien gefördert. Max Bernhard Weinsteins Arbeit gilt der Theorie der Physik, hinter deren Realität doch wieder die Frage nach dem Wesen und Werte der letzten Dinge liegt. Emil L e s s vertritt an der Landwirtschaftlichen Hochschule die praktische Witterungskunde. Des Adelgereisten Adolf M a r c u s o s Studien über Luftclektrizität und aeronautisch-astronomischer Ortsbestimmung sind für die modernen „Eroberer der Lüfte" von grundlegender Bedeutung geworden. Unter den Mathematikern ist jetzt nach der Berufung Edmund Landaus zum Ordinarius in Göttingen mir der Privatdozent Jsai S c h u r , der aus Russland kam, zu bemerken. Erinnert darf werden, dass die beiden früheren Ordinarien für Mathematik Lazarus F u c h s und der geniale K r o n e c k c r jüdischer Abstammimg waren. Beide hielten sich auch nach der Taufe in der Nähe des Judentums. Kronecker, den intime Verhältnisse zur Taufe brachten, zahlte ostentativ bis an sein Lebensonde Steuern an die jüdische Gemeinde. Ihn quälte das Gefühl, dass man seine Ernennung zum Ordinarius mit seiner Taufe in irgendeine Beziehung bringen könnte. Der philosophische Nachwuchs ist nur gering. Misch wendet sich besonders der neuzeitlichen Philosophie zu, während E. Cassierer (einer im Kunstleben Berlins bekannten Familie entstammend) die Geschichte des Idealismus pflegt. Als Latinist hat sich R oth stein bekannt gemacht. Leopold R i e s s , der jahrelang als Lehrer in Japan gewirkt hat, hat sich neuerdings für neuere Geschichte habilitiert. Eugen M i t t - w och, der sich an llirschbergs medikohistorischen Arbeiten der arabischen Schulen beteiligt hat und lange Zeit des islamitischen Kunsthistorikers Sarre Begleiter und Mitarbeiter war, gilt als einer der tüchtigsten jüngeren Semitologcn. An den Bestrebungen zur Wiederbelebung der hebräischen Sprache nimmt er regen Anteil. Zweier Philologen sei hier gedacht, deren Arbeitsgebiet sie immer zur Einsamkeit des Hörsaals verurteilte : Gustav Oppcrts und Wilhelm H iL t h s. Beide waren Indologen. 0 p p e r t hatte jahrelang eine Professur in Indien und so Gelegen- Prof. Dr. Otto Warburg. 4 > Prof. Dr. Etigen Mittwoch. heit, aus der Nähe die besonderen Dialekte Indiens zu studieren. Der bescheidene, liebenswürdige Gelehrte hat gegen Ende seinesLebens freudigen Anteil an den Bestrebungen zur Pflege jüdischer Wissenschaft genommen. Sein Testament hat der „Lehranstalt" die Möglichkeit einer Sicherung ihres Kollegiums und des weiteren Ausbaus ihrer Bestrebungen geschaffen. Huth, Albrecht Webers eifriger Schüler, hat sich immer mehr der Erforschung der völlig unbekannten sibirischen Dialekte zugewandt. Auf Veranlassung und mit Unterstützung der russischen Regierung hat er mehrfache Reisen in jene barbarischen Länder gemacht, aus denen er reichbeladen mit wertvollen ethnologischen und sprachlichen Ergebnissen heimkam. Er starb in jungen Jahren. Die er zurückliess, wissen, dass die Privatdozentur für Indologie (selbst wenn die Arbeiten in den Berichten der Akademie der Wissenschaften erscheinen) den „materialistischen Neigungen der Juden* wenig entgegenkommt. . . . Für den Sohn des Leiters eines kleinen jüdischen Waisenhauses (und für seine Nachkommen) ist der h o f f n u n gslose Idealismus eines jüdischen Indologen ein heroisches Opfer. Da wurde es Werner W e i s b a c Ii , dem Assistenten Wilhelm Bodes, leichter. Er konnte der Welt und ihrer Sorgen vergessend sich in die Kunst der Meister früher Renaissance versenken. Eines ernsten Arbeiters sei noch gedacht: Max Ii e r in a n n's , der besonders germanische Linguistik treibt, daneben auch die Geschichte der modernen Literatur. Er ist der erste, der das Gebiet der literarischen Kritik, auf dem sich allzeit Unberufene uinhertuinmoln, zum Lehrgegenstand gemacht hat. Lieblingsschüler Mominsens waren Bohrend P i c k, der ehemalige Privatdozent in Berlin, später ausserordentlicher Professor in Zürich, dann in Jena, zugleich Direktor des herzoglichen Mönskabinetts in Gotha, und der Professor für alte Geschichte und Literatur an der Berliner Universität, Hermann Dessau, der noch streng an den Traditionen seines im altjüdischen Sinne gesetzestreuen Elternhauses festhält, das stets überliefertes Judentum mit modernem Wissen in Einklang zu bringen verstand. Sein Vater war Realschuldirektor in Fürth, ein Bruder, Bernhard Dessau, ist Professor der Physik an der Universität zu Perugia, und ein bekannter Zionist. Aus ähnlichem Haus slaminte Siegismund (Samuel) Loewenl'eld. Er war in Berlin Privatdozent für deutsehe Geschichte, starb aber in jungen Jahren. Er ist ein Bruder von Raphael, dem Begründer und Leiter der „Schiller- Theater", früheren Privatdozenten für slawische Sprachen in Breslau. Seine vorzügliche Tolstoiübersctzung hat das

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