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Ost und West · 1910-11-01 · Heft 11 (November 1910) · p. Seite 727 - 728

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 11 (November 1910)
Article
Das Amsterdamer Judenviertel
Date
1910-11-01
Page
Seite 727 - 728 (sequence 4)
Language
German
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727 Ernst Altkirch: Das Amsterdamer Jiidenviertel. 728 Unter den Händlern findet man prächtige und charakteristische Gestalten. Da ist der alte Joachim, der Bücherantiquar; es geht bei ihm im Kleinen zu, wie in der bekannten Kunsthandlung Frederik Muller & Co. im Grossen. Man sieht an seinem Stande zwar keine reichen Amerikaner; aber Studenten und andre wissensdurstige Leute haben hei ihm schon manch originelles und feines Büchlein aus früherer Zeit erworben. Hat man einen guten Griff getan, so wandert man wohl zu Aron hinüber, dem Zigarren- und Zigarettenfabrikanten. Aber Feinschmecker, die seine Sorten probieren, verziehen das Gesicht zu einer Grimasse, denn seinen echten „Holländern" muss man gewachsen sein. Das Hauptgeschäft macht Jakob, der Händler mit getragenen Sachen. Er braucht nur einen Hut, eine Hose oder ein Korsett in die Höhe zu heben, die er mit 30 oder 40 Cent ausbietet, und sofort strecken sich ein paar Hände danach aus. Er scheint keineswegs die Güte seiner Waren zu überschätzen, denn als Zugabe reicht er jedem Käufer schmunzelnd eine kleine Düte mit Insektenpulver. Ucberhaupt fehlt es auf diesem Markte nicht an Humor, und um allerlei originelle Tricks ist niemand verlegen. Auf allen Strassen werden mit Geschrei Lebensmitte], Früchte, Gemüse, Fische und Leckereien verkauft. Gross ist die Vorliebe der Amsterdamer Juden für Süssigkeiten und saftige Früchte. Kinder, die einen Gent erhascht haben, tragen ihn zum Zuckerbäcker, aber es gibt unter ihnen auch kleine Kaufleute, die zu sparen verstehen, und die mit einem bescheidenen Vorrat an Zuckerzeug bereits Geld verdienen. Bei der Enge und Ungemütlich keit der Wohnungen herrscht auf der Strasse ein Leben, wie man es sonst nur in den Städten des Südens beobachten kann. Vor den Kellern der Krämer drängt sich die Menge. Trödlern und Lumpenhändlern dient Weg und Steg als Abladeplatz. Auch die wenigen Gewerbetreibenden, deren man im Judenviertel ansichtig wird, üben ihr Handwerk an der Gasse aus, so Schuster und Schneider. Selbst dem Barbier kann man zum Fenster hereinschauen. In einigen Barbierstuben wird der 3art noch ohne Messer entfernt, und es befindet sich über der Tür ein kleines Schild mit der Aufschrift: ,,Hier rasiert man mit Salbe." Diese Salbe ist eine hellgrüne Pomade, in der sich ungelöschter Kalk befinden soll, und die so scharf ist, dass die mit ihr eingeriebenen Haare in einer Viertelstunde abbrechen. Das Nachrasicren wird mit einem Stück Bimsstein vorgenommen. Wer sich einer solchen Prozedur aussetzt, muss jedenfalls eine harte Haut besitzen. Gar lustig aber ist der Anblick derartig eingeseifter Leute, die sich mit Plaudern und Rauchen die Zeit vertreiben. In nicht allzufernen Tagen werden auch diese Rasierstuben versehwunden sein. Die wenigsten Bewohner des Judenviertels sind noch strenggläubig. Bei Beginn des Sabbats ruht nicht mehr wie früher der Handel, erst in vorgeschrittener Stunde verstummt das Leben der Strasse; wem es dann nicht am Aeussersten gebricht, den erwarten nach der harten Arbeit der Woche ein reiches Gericht, und als, Nachtisch Näschereien und Früchte. Auch Wein, über den der Hausherr den Segen spricht, wird gereicht, und man liebt es, Gäste um sich zu haben. In den Häusern der Begüterten duften Blumen und brennt die siebenarmigo Sabbatlampe, während der. Aermere Kerzen oder auch nur die Gaslampe angezündet hat. Das Auslöschen des Lichts besorgen Christinnen, die „Sabbatfrauen", die vor Mitternacht von Haus zu Haus gehen und dafür von jeder Familie einige Cent erhalten. Auch vom Aermsten bekommen sie ihren Lohn. Die Sabbatruhe wird gern zum Lesen eines Buches oder zum Besuch des Theaters oder eines Konzerts benutzt, die Alten aber sitzen vor den Haustüren, vergessen die Alltagssorgen und geben sich süssem Nichtstun hin. Von der Lebensführung der Amsterdamer Juden kann man fast nur Gutes sagen. Der Alkohol ist verpönt, und man sieht wenig Betrunkene. In den Schnapskneipen, wie sie in Holland überall anzutreffen sind, wird allerdings viel Karten gespielt, auch treiben hier Wucherer ihr Unwesen. Und für ein gutes Gericht gibt man wohl das Letzte hin; der Trieb zu sparen fehlt den meisten Bewohnern des Judenviertels, man kann sie sogar von einem gewissen Leichtsinne nicht freisprechen. Sie verlassen sich allzusehr auf die Fürsorge, die man ihnen von Seiten der Stadt und ihrer Gemeinde angedeihen lässt. Die Frauen werden gut behandelt, Mann und Weib halten fest zueinander, eine Scheidung ist etwas ganz Aussergewöhnliches. Ein strenges Sittlichkeitsgefühl hält die jungen Mädchen aufrecht; selten, dass eine den Weg des Lasters geht. Im ganzen Judenviertel soll es nur etwa zwanzig Prostituierte geben. Der Ekel vor öffentlichen Dirnen ist so gross, dass nicht nur sie selber, sondern auch ihre Familien der Verachtung verfallen. Sonst wird jedoch der Verkehr der Geschlechter vor der Ehe geduldet, und sobald dieser Folgen zeigt, scheut niemand vor einer rechtzeitigen Verbindung zurück, obgleich heute uneheliche Kinder mit den ehelichen gleichgestellt sind, was früher nicht der Fall war. Die jungen Mädchen sind klein, gut gewachsen und besitzen schönes und starkes Haar von dunkler oder rötlicher Farbe. Sie schmücken sich gern mit grossen Ohrringen und billigem Geschmeide, und mit Vorliebe werden von ihnen weisse Kleider und schöne Schürzen getragen. Sie sind überhaupt eitel und schnüren sich stark, um eine graziöse Figur zu zeigen. Aus diesem Grunde behelfcn sie sich auch mit nur wenig Unterkleidung. Jüngere Mädchen fallen zuweilen durch ihre unbeschreibliche und ganz seltsame Schönheit auf, besonders ihre zarte, durchsichtige Haut besitzt einen köstlich weissen oder rötlichen Schimmer. Dabei geht von ihnen eine berückende, doch keineswegs unzüchtige Sinnlichkeit aus. Ihr charmantes Wesen offenbart sich vor allem beim Tanz. Dieser wird von beiden Geschlechtern ebenso geliebt wie der Gesang. Der Besu h der Oper gewährt ihnen einen der reinsten Genüsse, und die Aermeren sparen sich dafür das Geld vom Munde ab. Die jungen Männer gelten als freigebig, sie lassen gern etwas für ihre Mädchen springen.

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