Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 11 (November 1910)
- Article
- Das Amsterdamer Judenviertel
- Date
- 1910-11-01
- Page
- Seite 725 - 726 (sequence 3)
- Language
- German
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725 Ernst Altkirch: Das Amsterdamer Judenviertel. 726 ist leider nicht der Fall. Silbergeräte. Teppiche, einzelne Möbel sind in etlichen Wohnungen noch vorhanden, aber die alten Interieurs sind verschwunden. Nur noch wenige Familien haben Sinn für die schöne und farbenreiche Kunst der Vergangenheit und geben modernem Hausgerät den Vorzug, auch haben die meisten von ihnen die „ Jodenbuurt" längt verlassen, um sich in rulligeren und gesünderen Stadtteilen Amsterdams anzusiedeln. So bildet das heutige Judcnviertcl kein geschlossenes Ganze mehr, und seine Romantik, die auf künstlerische Naturen so grosse Wirkung äussert, wird von Jahr zu Jahr mehr verschwinden, besonders wenn im diesem Jahr der Beschluss der Stadtgemeinde Amsterdams zur Ausrührung gelangt, dass die vielen dumpfen und engen Gässchcn mit halb verfallenen Häusern niedergerissen und an ihrer Stelle wenige breite Strassen mit hohen und gesunden Wohnungen errichtet werden sollen. Der ärgste Schmutz - winkel des Judenviertels, die Vlooienburg (von vloeien fliessen), die deutsche Schriftsteller fälschlicherweise Flöhenburg genannt haben, und in der Spinoza geboren wurde, ist längst verschwunden. Damals, in den Tagen Spinozas, ist sie der ärmste, aber kaum allenthalben der schmutzigste Teil der ,,Jodenbuurt"' gewesen; dazu haben sie wohl erst später die hochdeutschen Juden gemacht. Ich . habe die Wohnungen portugiesischer und auch deutscher Juden gesehen. Diejenigen der Portugiesen zeugen von Roinlichkeitsgeluhl und den Gebräuchen, die kultivierten Menschen eigen sind, anders aber fand ich es bei den Hochdeutschen, deren Unsauberkeit in der Tat nicht selten aller Beschreibung spottet, und dazu ist oft das Elend erschütternd und niederdrückend. In den Gassen, die zu beiden Seiten der Breestraat liegen, hausen Menschen, die in Armut, Krankheit und Schmutz verkommen, und deren Leben die primitivsten Formen angenommen hat. Wie mag es hier in früheren Zeiten ausgesehen haben, Cr. J. STALLER. als sich um diese Aller ärmsten noch niemand kümmerte. Es wohnen heute in Amsterdam an 60 000 Juden. Hauptstrassen des Judenviertels sind die Jodenbree- und die Weesperstraat. Zahlreiche Gassen und Gässchen zweigen von ihnen ab und münden auf dem Jonas Daniel Meijer Plein, an dem die Portugiesische Synagoge liegt, oder dem Waterlooplein. Vor Beginn des Sabbats entwickelt sich besonders auf dem Waterlooplein das malerische Leben und Treiben, das der jüdische Handel mit sich bringt. Ein grosses Kaufhaus unter freiem Himmel tut sich in kurzer Zeit auf. Geschäftige Hände breiten in Buden und auf der Erde ärmliche und gar seltsame Schätze aus. Judenviertel. AMSTERDAM.