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Ost und West · 1910-11-01 · Heft 11 (November 1910) · p. Seite 717 - 718

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 11 (November 1910)
Article
Das Erwachen des Islams
Date
1910-11-01
Page
Seite 717 - 718 (sequence 3)
Language
German
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717 Dr. Arsene Kahen (Paris): Das Erwachen des Islams. 718 Gleichwohl hat auch der Islam sich dem verschiedenen Einfluss des physischen und topographischen Milieus, der ethnischen, historischen und politischen Bedingungen nicht entziehen können. Der Türke mit seinem fatalistischen und naiven Glauben, gewöhnt, die gesetzlichen Attributionen des Geistlichen und des Weltlichen auseinanderzuhalten, gleicht dem philosophischen und träumerischen Araber mit seiner Begeisterung für die koranische Literatur ebensowenig, wie der chinesische Muselman mit seinem Kaiserkultus dem fetischistischen Neger in Suaheli oder Sansibar. Auch die Verschiedenheit der politischen Situationen übt nicht minder ihren Einfluss. Kaum 50 Millionen Mohammedaner werden von unabhängigen muselmanischen Herrschern regiert. Grossbritannien allein gebietet über 84 Millionen islamitischer Untertanen, Holland über 30, Russland über nahezu 20 und Frankreich über etwa 15 Millionen. An diesen ist natürlich der Einfluss europäischer Zivilisation nicht spurlos vorübergegangen. Sogar als religiöses System ist der Islam, trotz seines einheitlichen monotheistischen Dogmas, nicht ganz ohne Wandlungen geblieben; gleich nach dem Tode des Propheten entstand Schisma auf Schisma. Der Kommunalismus kämpfte gegen den Traditionalismus, und letzterer beherrscht jetzt die 200 Millionen Sunniten. Man sollte meinen, dass mit der Aufzählung der vier orthodoxen Riten, des Hanefismus, Schafeismus, Malekismus und Hanbalismus, die nur durch ijWortnuancen getrennt sind, ferner der zwei schismatischen Hauptriten, des Schiismus und des Ibadismus, die durch die geschichtliche Entwicklung geschieden werden, alle Verschiedenheiten innerhalb des gegenwärtigen Islams erschöpft sind. Doch hat die Tradition nur gesiegt, indem sie sich vermittelst des Mystizismus mit der Philosophie verband. Die monotheistische Grundlehre hat pantheistische Allüren angenommen, und neben der Rechtgläubigkeit machte sich der Sufismus, neben der Orthodoxie die Ketzerei goltend. Zwischen den Extremen gibt es so viele Varianten der islamitischen Idee, dass der türkische Liberalismus dicht neben dem Wahabitismus Arabiens wohnt, der äg37ptische Nationalismus neben dem afrikanischen Mahdismus; ebenso wie die Liga für Unterricht und Aufklärung in Englisch-Indien den dort blühenden Heiligenkultus nicht hindert und der atheistische Babismus sich sehr wohl mit der fanatischen Verehrung der beiden edlen Märtyrer, der Söhne Alis, in Persien verträgt. Einheitlich in Theorie und Form, ist der Islam verschieden und widerspruchsvoll im wirklichen Dasein, wie das nicht anders sein kann bei einer Religion, die ihr geoffenbartes Dogma von dem Zwang der natürlichen Lebensgesetze nicht befreit. Aber, vom Norden Asiens bis zum Süden Afrikas, längs der Küsten des Stillen Ozeans und der Gestade des Indischen Meeres, vom Mittelländischen Meer bis zum Atlantik, überall wo menschliche Wesen den Namen Allahs anrufen, findet der Muselman Menschen, die ihn verstehen können und ihm zu helfen bereit sind. Freilich ist er nicht überall bei sich zu Hause, etwa wie der Anglosachse'in den Ländern englischer Zunge, aber er findet überall Zivilisationen, die durch die religiösen Lehren, die er selber bekennt, und durch die sozialen Gesetze, die ihm vertraut sind, miteinander in naher Verwandtschaft stehen. Und nun brauchte nur das Bewusstsein von der Bedeutung weltlicher Kräfte im Gehirn des Muselmans zu erwachen, er musste nur über die Verminderungen nachzusinnen anfangen, die die Umgestaltungen der Industrie in den Beziehungen der Völker hervorgebracht haben, die vorher durch unermessliche Meere und endlose Wüsten voneinander getrennt waren. Und da musste in ihm allmählich die Zuversicht entstehen und heranreifen, dass die Zahlenverhältnisse und die geographische Lage der islamitischen Welt eine privilegierte Stellung gewährleisten. Für den Islam beginnt die Geschichte der bewegenden Ideen der Menschheit mit jenem Moment, da die Schäfer und Beduinen Arabiens sich auf Mohammeds Ruf erhoben, um aus ihrem armen und unbekannten Leben herauszutreten. Ein Jahrhundert nach dem Tode des Propheten war das Reich des Kalifen grösser als das Alexanders. Es erstreckte sich von den Steppen Turkestans und dem Tal des Indus bis zur iberischen Halbinsel. Es folgte eine Epoche unvergleichlichen Glanzes, in der die Araber, von neuen Ideen durchdrungen, sich mit Eifer den friedlichen Kulturarbeiten widmeten. Erben der griechischen Wissenschaft setzen sie sie fort und übertreffen sie. Reiche Stiftungen vermehren die Bibliotheken und die Schulen. In Bagdad residiert ein Kollegium von Interpreten und eine Universität mit 6000 Schülern aller Stände, die einen unentgeltlichen Unterricht geniessen. Die Astronomie wird auf Observatorien gepflegt, die mit den grössten Instrumenten ausgerüstet sind. Die mathematischen Wissenschaften blühen. Die Chemie wird geboren. Man baut Hospitäler. Die Architektur und die Keramik vereinigen ihre Anstrengungen. Die mechanischen Künste schaffen Meisterwerke der Uhrmacherkunst, die Webekunst bringt glänzende Stoffe und kostbare Teppiche hervor. Bergwerke, Bewässerungsanlagen, Strassonbauten, Kanäle, neue Städte, alles zeugt von der wunderbaren, lebendigen Tatkraft dieser muselmännischen Welt der ersten Jahrhunderte. Dann folgt Erschlaffung und Gleichgültigkeit. Der allgemeine Aufschwung ermattet und schwindet endlich, während der Islam ohne Widerstand sich dem türkischen Militarismus beugt, der der Vorläufer und der Nachfolger der mongolischen Eroberung war. Er vermochte noch, nach Konstantinopel zu kommen und das Europa der Kreuzzüge zu bedrohen, sich bis nach Indien auszudehnen und die malaiische Welt zu kolonisieren. Aber seine intellektuelle Zivilisation, die ehemals von dem Hauch allgemeiner Ideen getragen war, unterlag der Eroberung des scholastischen Geistes und der literarischen Erudition. Sie vermauerte sich in den Grenzen religiöser Predigten rivalisierender Schulen, während das wiedergeborene christliche Europa am Ende des 15. Jahrhunderts seinerseits unternahm, die Welt zu erobern. Die Mauren verlieren Granada. Spanien und Portugal greifen Marokko an, ihre Flotten umschiffen

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