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Ost und West · 1910-11-01 · Heft 11 (November 1910) · p. Seite 719 - 720

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 11 (November 1910)
Article
Das Erwachen des Islams
Date
1910-11-01
Page
Seite 719 - 720 (sequence 4)
Language
German
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719 Dr. Arscne Kahcn (Paris): Das Erwachen des Islams. 720 das Kap der Guten Hoffnung, gelangen bis zur Ostküste Afrikas, das so reich ist an Sklaven, bis nach Indien mit seinen unerschöpflichen Schätzen, bis nach den volkreichen und handeltreibenden malaiischen Inseln, bis zu den Häfen des unermesslichen chinesischen Reiches. Holland und England treten ihrerseits auf die Arena. Das bedeutet für die muselmanische Welt die Einbusse des wirtschaftlichen Monopols, welches ihr die Beherrschung der Meere von Afrika bis China verliehen hatte. Sie behält ihre Territorien, aber sie verliert die Kolonien. Wird eine neue Doktrin der Tatkraft sie aus dieser Lethargie aufrütteln? Ein mächtiger Hauch durchzieht sie, peitscht sie auf und setzt sie in Bewegung. Ihre Grenzen schliessen sich. Ihre Märkte erklären der Welt den Krieg. Der Christ, eben noch geduldet, gilt fortan überall als der Feind. Die türkischen und berberischen Korsaren, sowie jene vom persischen Golf, von den malaiischen Inseln und vom Sulu greifen kühn die rivalisierenden Flotten an. Aber dieser ganze Aufschwung endet nur in einem Triumph des mohammedanischen Ordenswesens. Der richtunggebende Impuls klammert sich an die wundertätigen Eigenschaften der Schriltgülehrtcn und der Heiligen. Der heroische Schauer erstirbt in einem schläfrigen Kultus, in einein Gebetritual und in den Litaneien der Dinkers. Nicht der Islam feiert eine Wiedergeburt, sondern der Mystizismus, der zugunsten der Klientel der Walis sich entfaltet. Man irritiert sich, man flucht, man betet, undlässt die Zeit verstreichen, während Europa handelt und Nutzen zieht. Das dauerte Jahrhunderte, bis eines Tages Bonaparte unter dem Krachen englischer Kanonen in Aegypten landete. Er verfolgte die Route der Kreuzziigler, aber er führte mit sich die arabische Druckerei der römischen Propaganda, um die muselmanischeWelt einzuladen, an den Schicksalen der französischen Revolution teilzunehmen. Das war der Anfang des Erwachens. .Im Monate Muharrem des Jahres 1213 der Hegira, dem Messidor des Jahres VI der Revolution, wandten sich die Scherifs und Ulemas von Kairo an die Muselmanen „im Namen des barmherzigen und gütigen Gottes, der ohne Mithelfer über die Welt herrscht, im Aultrage der französischen Republik, die auf den Grundsätzen der Freiheit aufgebaut ist, sowie im Namen des Generalissimus Bonaparte, des Grossen, des Fürsten der französischen Armeen". Das war nach Jahrhunderten die erste freundliche Berührung mit der europäischen Welt. Ein Beschützer der Moscheen und ein Wohltäter der Mönche, feierte Bonaparte sogar das Fest des Propheten mit. Er dachte eine Weile daran, sich als Mahdi ausrufen zu lassen. Dieser Rausch ging freilich bald vorüber, aber er hinterliess tiefere Spuren, als bloss den Ankauf von Darfurnegern für die ägyptische Armee und als die Sympathien der weiblichen Bevölkerung von Kairo für die Soldaten der Republik. Zehn Jahre lang durchwühlten die Agenten einer muselmanischen Weltpolitik die islamitische W7elt von Marokko bis Indien. Schon der „Bürger" Tipu Sahib, Sultan von Mysore und Mitglied des Jakobinerklubs seiner Hauptstadt hatte unter dem Donner von 300 Kanonenschüssen einen „Baum der Freiheit*' Südindiens gepflanzt. Zehn Jahre später hatte ein marokkanischer Botschafter Napoleon den Titel eines „Sultans der Sultane"' angeboten. Der General Sebastini verteidigte Konstantinopel gegen die englische Flotte, und Seine Majestät der Kaiser der Franzosen unterzeichnete auf dem Schlachtfelde von Finkenstein einen Bündnisvertrag mit Seiner Majestät dem Schah von Persien. Angebote von Allianzen kamen aus Buchara und Arabien, während Mehmed Ali, der Frankreich gegen England und die Mameluken unterstützte, das Aegypten des Kheclives begründete. Nach 1808 zog sich Frankreichs Politik aus der muselmanischen Welt zurück. Aber eine tiefe Erregung hatte diese alte Welt durchschüttelt. Sic war in unmittelbare Berührung gekommen mit einem Europa, welches ihre Bundesgenossenschaft sucht*! und ihr ihrerseits Hilfe anbot. Napoleons muselmanische Politik hatte Keime der Umbildung und des Forlschrittes ausgestreut, die nichts mehr bedurften, als der Befruchtung durch die Zeitereignisse, um zu wachsen und zu reifen. Die Früchte sah man gleich nach 1815, als die auf Halbsold gesetzten ehemaligen Offiziere der Napoleonischen Armeen die orientalische Welt durchstreiften, auf der Suche nach Karrieren, nach Anstellungen oder Kriegsabenteuern. Ueberall, bis weit hinaus nach China hatte die Napoleonische Legende neben der des Iskender (Alexander des Grossen) Wurzel geschlagen und war weit und breit emporgewuchert. Aber es war nicht mehr der Mythus des übernatürlichen Wesens, dem die adligen Familien von Sumatra ihre Töchter angeboten hatten. Es war die Epopöe eines Befreiers. Ein Sturm neuer Ideen, ein unwiderstehlicher mächtiger Drang riss fortab den Islam seinen modernen Bestimmungen entgegen. Am Anfang hatte das revolutionäre Frankreich allein den Aufschwung vorbereitet, dem sich alle Energien Englands, der Herrin von Indien, entgegensetzten. Nachher schlug sich England auf die Seite des Liberalismus und suchte Frankreich zuvorzukommen. Der jetzige Islam profitierte von den Rivalitäten der beiden Mächte, die ihn beide, jede der andern zum Trotz, mit Ratgebern und Instruktoren versahen. Aber die Anfänge gehen auf den grossen Konflikt zurück, der das 18. Jahrhundert beschliesst und das 19. einleitet. Aus jener Zeit noch rührt die Inspiration her, die ein Jahrhundert später die unterirdische Politik belebt hat, welche im Verlaufe von weniger als zehn Jahren vor den Augen des erstaunten und überraschten Europa in einer Reihe von unerwarteten Wendungen sich kundgetan hat, nämlich in der nationalistischen Bewegung Aegyptens, in der persischen Revolution und schliesslich in der jungtürkischen Revolution, die wohl als das bedeutsamste und folgenschwerste Ereignis in der zeitgenössischen Geschichte des Orients angesehen werden darf. Aber alle diese Ereignisse sind nur die äusseren Symptome einer tiefgehenden Umgestaltung, die dort stufenweise . und für den flüchtigen Betrachter unmerklich, vor sich geht. Dieser Umwandlung, die sowohl geistiger als wirtschaftlicher Natur ist, werden wir den nächsten Artikel widmen.

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