Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1910-11-01 · Heft 11 (November 1910) · p. Seite 715 - 716

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 11 (November 1910)
Article
Das Erwachen des Islams
Date
1910-11-01
Page
Seite 715 - 716 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2583993-2584004-2595790--11079-2595912
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

715 Dr. Arsene Kahen (Paris): Das Erwachen des Islams. 716 Wie vermochte man sich den Mohammedanismus ohne Kalifen und ohne Bauchtanz zu denken? Und doch hat die Erschütterung des äussersten Orients auch hier eine Untätigkeit überwunden, die im Grunde nur scheinbar war. Als Resultat einer andern Zivilisation und eines weit ausgedehnten und stärker gegliederten Milieus, ist die Evolution der islamitischen Welt viel verschiedener als die des Landes der Chrysanthemen. Aber sie schreitet nicht minder rasch fort und ist nicht weniger entschieden. An den jetzigen Ergebnissen kann man die Länge des zurückgelegten Weges messen. Der Weg führt weit weg vom alten Islam über moderne Bahnen: Entwicklung der muselmännischen Presse, die plötzlich aus dem Nichts eine Macht geworden ist, ein allgemeines Aufraffen zur intellektuellen Anstrengung, ein entschlossenes Drängen zu sozialem Fortschritt, und endlich ein wirtschaftlicher Patriotismus. Für uns Juden ist es von ungeheurer "Wichtigkeit, die Aufwärtsbewegung der islamitischen Welt eifrig zu verfolgen. Denn die Zukunft eines grossen, vielleicht des grössten Teils jener Juden, die aus wirtschaftlichen oder politischen Gründen gezwungen sind, ihre alten Heimstätten in Europa zu verlassen, liegt in den mohammedanischen Ländern. Es ist also unbedingt notwendig, dass nicht nur die führenden Persönlichkeiten, in deren Hand die Leitung der sozialen und kulturellen Angelegenheiten des Judentums ruht, sondern auch die weiteste jüdische Oeffentlichkeit über die Vorgänge im Orient genau unterrichtet sei. Dadurch wird mancher fatale Missgriff, manch verfehltes Unternehmen vermieden, und einer gesunden, planmässigen, nicht auf Illusionen, sondern auf gründlicher Kenntnis der Tatsachen sich aufbauenden Arbeit die Bahn geebnet. Deshalb dürfte es unsern Lesern willkommen sein, wenn wir hier, an .der Hand der neusten Publikationen des bedeutendsten jetzt lebenden Kenners der islamitischen Welt, Mr. A. Le Chatelior, Professors der muselmanischen Soziologie am College de France, ein Bild des intellektuellen und ökonomischen Erwachens der Gläubigen Mohammeds entwerfen. * * * Die anglosächsische Rasse, die heute dank ihrer ökonomischen Energie und Unternehmungslust die Vorherrschaft in der Welt ausübt, ist gleichwohl nur halb so zahlreich als die Bekenner des Islams. Sie zählt insgesamt nur 125 Millionen Menschen gegen 250 Millionen Mohammedaner. Diese verbreiten sich von den Eissteppen des Irtitsch bis zu den südafrikanischen Städten, von dem indischen Archipel bis zu den Gestaden des Atlantischen Meeres, mit europäischen Ausläufern bis nach Litauen und Polen, und jenseits des Ozeans bis nach Amerika und Australien. In den Ländern des Islams zusammengedrängt, aber zerstreut inmitten der Ungläubigen, verfügen sie, gleich den Anglosachsen, über eine weite geographische Basis für eine weltpolitische Rolle. Die Hauptmasse der Mohammedaner gruppiert sich in Asien, wo sie 170 Millionen zählt, soviel als die beiden Amerika und ihre Stammländer Spanien und Portugal zusfmmengenommen. Englisch-Indien hat unter seinen 284 Millionen Einwohnern 62 Millionen Muselmanen, Niederländisch-Indien deren 30. In Kleinasien bilden sie 78, in Mesopotamien 86, in Arabien 98, in Persien 93, in Zentralasien 99,5 bis 94 Prozent der Bevölkerung. In China bilden sie 5 bis 6 Prozent der Einwohnerschaft. Auf 165 Millionen Bewrohner Afrikas gibt es im ganzen 60 Millionen Mohammedaner. In Nordafrika bilden sie jedoch mit SO Prozent den Hauptbestandteil der Bevölkerung, während ihre Zahl sich gen Süden und Südwesten immer mehr verringert. In Europa zählt Russland 3 Millionen mohammedanischer Tartaren. Ebensoviel Mohammedaner zählt der Balkan. Etwra 40 bis 50 Tausend islamitische Hindus, Afghanen, Malaien leben in Australien und den angrenzenden Ländern. Diese ganze diverse Masse wird von mächtigen Banden zu einer Einheit verbunden, als da sind: religiöse Lehren und Uebungen, charakteristische Sitten, gleichmässige soziale Gesetze und alle andern wesentlichen Aeusserungen der muselmännischen Zivilisation. Zweihundert Millionen Mohammedaner gebrauchen dieselbe Formel, um Allah und seinen Propheten zu loben und von dieser unterscheiden sich die dissidentischen Formeln der Schiiten, Ibaditen, Ismaeliten, Chodschas und Bochras nur sehr wenig. Die fünf kurzen täglichen Gebete werden alltäglich auf Anruf des Muezzin zu derselben Stunde, mit dem Gesicht gen Mekka gewendet, von allen Gläubigen gleichmässig verrichtet. Alle nähren die gleiche Hoffnung, eines Tages die heilige Pflicht einer Wallfahrt zum Herzen des Islam, zur heiligen Kaaba, zu erfüllen. Alle glauben an die Ueberlegenheit ihres Propheten über alle seine jüdischen, christlichen und heidnischen Vorgänger. Unter ihnen allen herrscht gleichmässig die Polygamie und die Leichtigkeit der Ehescheidung. Alles das suggeriert uns leicht die Vorstellung von einer einheitlichen muselmanischen Gesellschaft, die nur eine grosse Familie bildet, treu den gemeinsamen Ueberlielerungen und belebt von den gleichen sozialen Empfindungen und Anschauungen. Die geheiligte Sprache des Koran bildet ein weiteres Band zwischen den fernsten Bekennern. Freilich bildet das Arabische die Muttersprache von nur 50 Millionen Asiaten und Afrikanern, aber es wird mit dem Koran gesungen in den Kinderschulen von China bis nach Südafrika, von den Philippinen bis Marokko, und als Schriftsprache von einer Elite gehandhabt, überall, wo die Gläubigen sich versammeln, um das heilige Buch des Propheten zu lesen. Jene mohammedanischen Völker, die das Arabische nicht adoptiert haben, sind davon in ihrer Muttersprache mächtig beeinflusst werden. Die Türken, Perser und Malaien wenden die arabischen Schriftzeichen an; viele arabische Wörter sind in die Sprachen Indiens, Nord- und Ostafrikas eingedrungen. Die religiöse Sprache bewirkt eine Ideengemeinschaft zwischen den verschiedenen Völkern, die nebeneinander im Gebiet des Islams leben, und es ist selbstverständlich nicht ohne Bedeutung, dass die Gedanken von Grösse und Solidarität überall, wo das mohammedanische Glaubensbekenntnis widerhallt, in den gleichen Worten ausgedrückt werden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.