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Ost und West · 1910-11-01 · Heft 11 (November 1910) · p. Seite 709 - 710

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 11 (November 1910)
Article
Das Wesen des Judentums
Date
1910-11-01
Page
Seite 709 - 710 (sequence 3)
Language
German
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709 Achad Haam: Das^Wesen des Judentums. 710 tums erloschen ist, "wird es nie und nimmer ihn hinzureissen vermögen. iNicht umsonst haben unsere Alten Gott das Epitheton „der Heilige, gepriesen sei er," beigelegt, denn das Judentum hat keinen andern absoluten Heiligen als den einzigen Gott. Freilich traten zu verschiedenen "Zeiten unter uns mystische Sekten auf, die bewusst oder unbewusst unter auswärtigem Einfluss mehr oder weniger vom jüdischen Wege in dieser Beziehung abwichen. Aber die Sekte ist ja nur eine zeitlich und räumlich begrenzte Erscheinung, die auf eine zeitweilige verborgene Krankheit im geistigen Organismus des Volkes hindeutet. Und unsere Geschichte hat bewiesen, da ss alle diese Sekten schliesslich von selber erlöschen oder aus dem Judentum ausscheiden. Sekten kommen und Sekten gehen, aber das Judentum dauert ewiglich. Aber diese Grundtendenz der jüdischen Volksseele, sich in Religion und Ethik über jede sinnlich greifbare Gestalt zu erheben, offenbart sich nicht nur in Betreff des Ideals, sondern auch im Hinblick auf das ethisch-religiöse Ziel. Es ist unzählige Male wiederholt worden und bedarf keiner weiteren Auseinandersetzung, dass das Judentum sein Ziel nicht in der Erlösung des Einzelmenschen erblickt, sondern in dem Heil und der Vollkommenheit der Gesamtheit des Volkes und am Ende des gesamten Menschengeschlechtes. In der fruchtbarsten Epoche des Judentums, nämlieh der der Propheten und der Offenbarung, hatte man noch keine klaren Vorstellungen von der Unsterblichkeit der Seele und vom Lohn und von der Strafe im Jenseits. Die Propheten und deren Jünger schöpften ihren ethischreligiösen Enthusiasmus nicht aus dieser Quelle, sondern aus der Ueberzeugung, dass sie Söhne des auserwählten Volkes seien, das, nach ihrem Glauben, von Gott ausersehen worden sei, um in seinem nationalen Leben Eeligion und Ethik in ihrer höchsten Form zu verwirklichen. Und auch in späterer Zeit, nachdem das babylonische Exil das unabhängige nationale Leben vernichtet hatte, und iufolgedessen in das religiöse Bewusstsein das Bedürfnis nach persönlicher Erlösung eingedrungen war, hörte noch immer der oberste Endzweck des Judentums, seine letzte Hoffnung, nicht auf, universeller Natur zu sein. Allen, die in der jüdischen Literatur bewandert sind, ist das genugsam bekannt; sonst genügt es, auf die Gebete für den Alltag und für die Feiertage hinzuweisen, die sich nur zum allergeringsten Teil auf die Bedürfnisse des Einzelmenschen beziehen, und hauptsächlich das Schicksal des Volkes und der Menschheit zum Gegenstand haben. Welches von beiden Endzielen steht höher? Ueber diese Frage ist unendlich viel debattiert worden, in Wahrheit aber geht es nicht an, hier eine Skala von Werten festzusetzen. Ein Mensch kann die höchste Stufe religiöser und ethischer Vollkommenheit erreichen, gleichviel, ob er zu diesem oder jenem Endziel emporblickt. Indessen ist kein Zweifel, dass das persönliche Seelenheil dem Herzen der meisten Menschen viel näher steht .und eher geeignet ist, ihre Phantasie zu entflammen und ihren Willen anzuspornen, der Vollkommenheit nachzustreben. Und wenn das Judentum, im Gegensatz zu anderen Religionen, der allgemeinen Erlösung vor der persönlichen den Vorzug gibt, so offenbar nur deshalb, weil auch hierin die Neigung zur Abstraktion, zur Fernhaltung jedes sinnlich greifbaren Bildes sich offenbart, die eine Grundeigenschaft der jüdischen Psyche ausmacht. Und so lange dieser Grundtrieb währt, also so lange unser Volk nicht sein Wesen eingebüsst hat, wird ein rechter Jude keine besondere Vorliebe für die Lehren des Evangeliums empfinden können, da diese — trotz der Bemühungen unseres Verfassers, diese Tatsache abzuschwächen — auf dem Streben nach persönlichem Seelenheil und individueller Erlösung allein sich aufbaut. Und noch in einer anderen Beziehung, die vielleicht die wichtigste ist, tritt der oben beschriebene Grundtrieb des jüdischen Wesen hervor^ nämlich in Beziehung auf die ethische Basis. Dass die Ethik des Judentums sieh auf die Gerechtigkeit und die des Christentums auf die Liebe sich gründe, ist so oft wiederholt worden, dass es wie ein abgedroschener Gemeinplatz klingt. Doch scheint mir, dass nur wenige diesen Gegensatz in seiner ganzen Tiefe erfasst haben. Zumeist sieht man hier nur einen graduellen Unterschied in der Forderung derselben Ethik, die auf derselben Grundlage ruht: beide Lehren wollen den Egoismus bekämpfen, aber nach der Anschauung der Christen habe" ihre Eeligion hierin eine höhere Stufe erreicht, was wiederum die Juden zu gunsten der ihrigen in Abrede stellen. So weisen die christlichen Kommentatoren mit Stolz auf die positive Fassung des Gebotes der Nächstenliebe im Evangelium hin: „Was ihr wollt, dass die audern euch tun, dass sollt ihr ihnen tun" (Mat. 7,12; Luk. 6, 31) und ärgern damit das Judentum, welches nur die negative Fassung besitzt, die Hillel so formuliert hat: „Was dir nicht lieb ist, das sollst du deinem Nächsten nicht tun". Mr. Montefiore schwankt und weiss nicht zu entscheiden, ob die positive Formel in der Tat mehr umfasse, als die negative, oder ob Hillel und Jesus im wesentlichen dasselbe lehren. Eins jedoch ist ihm klar, nämlich, dass wenn man irgendwo die ethische Regel des Hillel auf jüdischer Seite auch in positiver Fassung auffände, die Juden sich freuen und die Christen sich ärgern würden. Indessen wird eine tiefere Betrachtung uns zu der Überzeugung führen, dass der Unterschied hier kein gradueller, sondern ein wesentlicher ist, und einer Verschiedenheit der ethischen Basis entspringt. Es ist kein Zufall, das . Hillel seiner Formel eine negative Fassung gab, denn die Basis, auf der die Ethik des Judentums beruht, duldet keine positive' Formulierung. Würde man (ine solche irgendwo auf Hillels Namen entdecken, so hätten wir Juden keinen Grund, uns über den Fand zu freuen, denn wir müssten stark bezweifeln, ob solche, dem Geist des Judentums widersprechende Worte wirklich von Hillel herrühren könnten.

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