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Ost und West · 1910-11-01 · Heft 11 (November 1910) · p. Seite 707 - 708

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 11 (November 1910)
Article
Das Wesen des Judentums
Date
1910-11-01
Page
Seite 707 - 708 (sequence 2)
Language
German
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707 Acharl Haam: Das Wesen des Judentums. 708 Jenem Heiden, der verlangte, man solle ihm die pauze Thora beibringen, während er auf einem Fusse stehend aushielte, würde ich geantwortet haben: ,,Du sollst dir (von der Gottheit) kein Bild und keine Gestalt machen — das ist die ganze Thora, alles andere ist nur der Kommentar dazu". Denn der Grundzug der jüdischen Lehre, der sie von allen anderen unterscheidet, ist ihre entschiedene Neigung, die religiöse und ethische Erkenntnis über alle siunlich wahrnhembare, begrenzte Gestalt zu erheben und sie unmittelbar an ein abstraktes Ideal, welches in keinem Bilde anschaulich ist, anzuknüpfen. Können wir uns das Christentum ohne Jesus, oder auch nur den Islam ohne Mohammed vorstellen? Das erstere hat Jesus zum Gott gemacht. Aber nicht darauf kommt es an. Auch wenn er nur der „Menschensohn" geblieben wäre, oder auch nur der Prophet, wie etwa Mohammed für seine Gläubigen, im Kerne käme es auf eins hinaus: das Gebundensein des religiösen und ethischen Bewusstseins an eine bestimmte menschliche Persönlichkeit, die als das Ideal der absoluten Vollkommenheit gilt, und an die zu glauben einen wesentlichen Teil der Religion ausmacht, sodass diese ohne jenen Glauben nicht gedacht werden kann. Nur das Judentum allein hängt an keiner menschlichen Persönlichkeit. Als Ideal der absoluten Vollkommenheit gilt ihm Gott allein, und nur ihn allein soll der Mensch sich stets vor Augen halten, um seinen Wegen nachzuwandeln. Ein Erdensohn, und sei er noch so vollkommen, ist nicht frei von Mängeln und Sünden und kann vor dem religiösen Bewusstsein, welches zum Urquell der Vollkommenheit hinstrebt, nicht als Ideal dastehen. Moses starb seiner Sünden wegen, wie jeder Mensch, und er war nur der Sendbote Gottes, der seine Lehre durch ihn offenbart hat, aber seine Persönlichkeit wurde nicht mit dem Kern der Religion verschmolzen, um zu einem wesentlichen Bestandteil von ihr zu werden. Darum fanden die späteren Lehrer des Judentums es gar nicht auffallend, dass einer von ihnen arglos ausspiach: Esra wäre würdig gewesen, dass die Thora durch ihn uns offenbart würde, aber Moses ist ihm zuvorgekommen (Synhedrin 21 a). Könnte ein christlicher Geist auch nur den Gedanken fassen, dass etwa Paulus würdig gewesen wäre, der eingeborene Sohn Gottes und Heiland zu werden und die Welt zu erlösen, wenn Jesus ihm nicht zuvorgekommen wäre? Von den anderen Propheten braucht nicht erst gesagt zu werden, dass ihre individuellen Gestalten nicht mit dem Wesen des Judentums verknüpft sind. Von den grössten unter ihnen, Hosea, Arnos, Jesaja, wissen wir nicht einmal, wer und was sie waren. Ihre persönlichen Gestalten sind verschwunden wie die Schatten, und nur ihre Worte sind bewahrt und überliefert worden vön Geschlecht zu Geschlecht, weil diese nicht ihre Worte waren, sondern „das Wort Gottes, welches ihnen aufgetragen ward." Und die Bedeutung des in fernster Zukunft erwarteten Messias beruht auch nicht auf seiner Person, sondern auf seiner Eigenschaft als Abgesandten Gottes, um Israel und der ganzen Menschheit die Erlösung zu bringen. Das Zeitalter des Messias beschäftigte die Gedanken der Weisen Israels mehr als der Messias selber. Und bekanntlich gab es unter ihnen einen, der gar nicht an einen persönlichen Messias glaubte, sondern an eine unmittelbare Erlösung durch Gott selber, ohne darum als Ketzer zu gelten. Und diese Grundeigenschaft des Judentums war vielleicht das Haupthindernis, welches seiner Verbreitung über die Welt im Wege stand. Es ist der menschlichen Natur im allgemeinen schwer, an einem abstrakten Ideal, das den Sinnen unfassbar ist, Genüge zu finden, die Gefühle des Herzens entzünden sich leichter, wenn sie sich einem Menschenwesen zuwenden. Vor dem Siege des Christentums beschuldigten die Griechen und Römer die Juden, dass sie keinen Gott hätten, denn eine Gottheit, die man nicht in Menschengestalt anschauen konnte, galt in ihren Augen nicht als Gottheit. Als aber die Zeit kam, da der Gott Israels der Gott aller Völker wurde, konnten diese gleichwohl seine Herrschaft nicht auf sich nehmen, ohne ihm ein Ideal in Menschengestalt zuzugesellen, um einem tiefen Bedürfnis des Menschenherzens Befriedigung zu gewähren. Es ist nicht hier der Ort, nach den Ursachen zu forschen, die in der jüdischen Volksseele, im Gegensatz zu andern Völkern, die Neigung zu einem abstrakten ethisch-religiösen Ideal erzeugt haben, aber die Tatsache besteht seit Jahrtausenden, und so lange das jüdische Volk in seinem innersten Wesen sich nicht wandelt und nicht ein ganz anderes wird, wird es ihm unmöglich sein, von einem Buch wie das Neue Testament sich religiös inspirieren zu lassen, welches zum Gegenstand der religiösen Hingabe und der ethischen Nachfolge nicht die abstrakte Gottheit allein erhebt, sondern in erster Reihe einen sterblichen Menschen, einen Weibgeborenen, einerlei, ob er als Gottes Sohn, Messias oder Prophet bezeichnet wird. Dem jüdischen Volke ist es unmöglich, die Worte eines Menschen, der in seinem eigenen Namen spricht, mit religiöser Begeisterung als Gottes Wort entgegenzunehmen. AVenn es nicht heisst: „Also spricht Gott!" sondern: „Ich aber sage euch!" so genügt dies Ich allein, um die Juden für alle Zeiten vom Evangelium fernzuhalten. Und wenn Mr. Montefiore mit grossem Schwung von der religiösen Erhebung spricht, die aus der Hingabe an Jesum fliesse, und man es seinen Worten ansieht, dass er mit diesem Quell der Erhebung auch das jüdische Volk beglücken möchte, so bezeugt er nur damit, dass er und seine Gesinnungsgenossen sieh dem Wesen des Judentums entfremdet haben, denn dieses erkennt in einem Menschen keine Heiligkeit und ideale Vollkommenheit. Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich, der Ewige, euer Gott — das ist Judentum; aber: Heilig sollt ihr sein, denn heilig ist der Messias oder der Prophet, das mag vielleicht unter anderen Völkern die Herzen eher beschwingen und erheben. Aber so lange in einem Juden nicht das letzte Fünkchen des wahren Juden-

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