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Ost und West · 1910-10-01 · Heft 10 (Oktober 1910) · p. Seite 673 - 674

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 10 (Oktober 1910)
Article
Der Niedergang des österreichischen Antisemitismus
Date
1910-10-01
Page
Seite 673 - 674 (sequence 2)
Language
German
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673 Binjamin Segel: Der Niedergang des österreichischen Antisemitismus. 674 wie diese Verleumdung, und dass sie zugleich für strebsame Geister ein nützlicher Fingerzeig ist, wie mans zu machen habe, wenn man einmal in den Besitz der Macht käme. Er machte eine schlau mit Hyperloyalität und Hyperfrömmigkeit vermengte Fronde gegen den hohen Klerus, den Adel, und sogar den Hof und das Heer, und gab so dem Philister das angenehme Gruseln, sich als Revolutionär fühlen zu dürfen, während er mit schwerbeladenem Magen gemütlich aus der Volksversammlung vor zehn Uhr nach Hause gehen konnte, um sich das Sperrgeld zu ersparen. Mit dem unter Schönerers Führung marschierenden deutsch-nationalen Antisemitismus (dem sich sogar einige getaufte Juden, wie der jetzige Führer der Sozialdemokratie Adler, angeschlossen hatten) ging er eine Strecke lang, trennte sich aber bald von ihm und bekriegte ihn als vaterlandsfeindlich und „preussisch", behielt aber von ihm das antisemitische Ingrediens und so viel vom Chauvinismus, als heutzutage jede populäre Bewegung nötig hat. Entschlossen wandte er sich gegen den Sozialismus, den er geschickt als jüdisch denunzierte. Bald hatte er einen grossen Heerbann um sich vereinigt, bestehend aus den Hausmeistern, Kutschern, Bierwirten, Handlungsgehilfen, Friseuren, kleinen Handwerkern und Geschäftsleuten, die sich vom Grosskapital bedroht fühlten. Diese Klassen bedürfen einer kurzen Formel, gleichsam einer Nationalökonomie in der Westentasche, die ihnen mit einem Schlag alle die komplizierten Erscheinungen des modernen Wirtschaftslebens erkläre und ihnen für die eigne Misere ein greifbares Opfer biete, zugleich aber alle ihre niedern Instinkte, wie Hass, Neid, Missgunst, gefahrlos befriedige. Der mit „christlich-sozialer" Haut überzogene Antisemitismus war wie nichts sonst dazu geeignet. Aus der grossen Schar der Anhänger formte sich der Führer eine Garde, bestehend aus gierigen, völlig bedenkfreien Strebern, für die die ideelle politische Macht sich in sehr reale Geldwerte umsetzte. Man sah gar seltsame Figuren das grosse Wort in der Bevölkerung der alten, auf ihre Kultur so stolzen Kaiserstadt führen, Analphabeten, die mit ihrer Unwissenheit prahlen; der eine spricht das grosse Wort aus, dass alle Bücher ihm in der Seele verhasst seien, weil sie ja nur dadurch entstehen, dass ein Jud vom andern abschreibe. In öffentlicher Sitzung des Abgeordnetenhauses nennt er Tolstoi einen alten „Teppen" (Trottel). Man hat sich vor kurzem in der Welt bass verwundert, als man vernahm, dass der Petersburger Magistrat eine Anzahl Aerzte, die sich zur Bekämpfung der grassierenden Cholera gemeldet, zurückwies, weil sie Juden waren. Und ein mit Grauen vermischtes Lachen hallte durch ganz Europa, als das Stadtoberhaupt von Odessa die Anwendung des Ehrlichschen Antisyphilitikums im dortigen städtischen Spital verbot, weil Ehrlich Jude und „sein Mittel als Erfindung eines Charlatans" - zu ' bezeichnen sei. Alle zivilisierten Menschen sagten sich, dass in Russland grosse Gemeinwesen offenbar von Trunkenbolden oder bösartigen Narren regiert werden, die man hinter Schloss und Riegel setzen müsste, und dass es bei dieser Wirtschaft nicht zu verwundern sei, dass in Russland die Epidemien eigentlich nie erlöschen und dieses Land mit seinen ewigen Seuchenherden eine stete Gefahr für ganz Europa bilde. Indessen tut man den weisen Stadtvätern in Russland bitter unrecht. Denn in dem erlauchten Wien ist es so manches Mal nicht viel anders zugegangen. Wenn man hier jüdischen Aerzten in gefahrvollen Zeiten nicht das Ausüben der Praxis verbot, so geschah es, weil man nicht die Macht dazu hatte. An gutem Willen jedoch fehlte es nicht. Als vor drei Jahren hier die Pockenepidemie herrschte, wurde ein heftiger Kampf gegen die Impfung als eine „jüdische Erfindung" geführt. Es gibt eine Organisation „arischer Aerzte", die in der Aerztekammer grossen Einfluss ausübt und den jüdischen Kollegen nach Kräften das Leben schwer zu machen sucht; das Oberhaupt selber führte die alten Kräutelweiber zum Kampfe gegen die moderne „verjudete" Medizin. Er hatte Spezialisten für Blutbeschuldigungen, und für alle und jede Sorte von Anfeindungen der Juden und des Judentums. Talmudkenner, Kabbalisten, Rassenschnüffler, alle'Tauf dem Niveau des Wiener Hausmeisters und Grünzeughändlers stehend. Der Prinz Alois Liechtenstein, jetziger Landmarschall von Niederösterreich, eine der Hauptleuchten der Partei, beschimpfte einmal in öffentlicher Reichsratssitzung den Namen des Propheten Jesajas! Hoch oben sah man anfangs mit Unruhe und Widerwillen dem Anschwellen dieser Macht zu. Aber allgemach wurde man gewahr, dass hinter dieser scheinbaren Fronde sich nur die leicht zu befriedigende und sehr nützlich zu verwendende Machtgier einiger Streber verbarg, und dass aus der grossen Partei sich ein bequemer Deich gegen die anbrandende „rote Flut" errichten liess. So konnte es nicht fehlen, dass Lueger doch endlich den stolzen Traum seiner Jugend in Erfüllung gehen sah und das goldne Kettlein sich umhängen durfte. Die Garde stürzte sich alsbald auf die Stadtverwaltung mit wahrem Heisshunger. Man hatte den Anblick einer Bande von Apachen, die mit schmutzigen Fingernägeln über einen Kuchen sich hermacht, den andere gebacken. Die Korruptionsriecher führten eine Korruption ein, wie sie noch nie dagewesen. Lueger hat der Gemeinde eine Schuldenlast aufgehalst, an der sie noch viele Jahrzehnte zu schleppen haben wird. Er hat die vom vorigen Regime vorbereiteten und entworfenen Werke ausgeführt und in den Augen seiner urteilslosen Horde mit geschickter Fälscherkunst als seine eignen Schöpfungen ausgegeben. Auch das natürliche Wachstum der Stadt setzte er auf sein Konto. Alle Ehren und Genüsse, an denen eine kleine Plebejerseele ihre Freude haben kann, wurden ihm zuteil. Er starb, nachdem er seine Phantasie an der erhebenden Vision einer „schönen Leich" weiden konnte, und nach dem Tode wird ihm der Ruhm, der einzige ehrliche Mann in seiner Partei gewesen zu sein. Er hatte das Gegenteil auch nicht nötig, da er unverheiratet war und nur das Bedürfnis nach reichlichem Essen und Trinken hatte; dazu langte aber das Bürgermeistergehalt reichlich hin. Anders die in seinem Gefolge zur. Macht gelangten Streber, Handlungskommis und subalternen Beamten. Wenn sie nicht Ministerportefeuilles und Verwaltungsratsstellen er-

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