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Ost und West · 1910-10-01 · Heft 10 (Oktober 1910) · p. Seite 671 - 672

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 10 (Oktober 1910)
Article
Der Niedergang des österreichischen Antisemitismus
Date
1910-10-01
Page
Seite 671 - 672 (sequence 1)
Language
German
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671 672 DER NIEDERGANG DES OESTERREICHISCHEN ANTISEMITISMUS. Von Binjamin Segel. Damit kein Missverständnis entstehe, sei gleich bemerkt, dass hier nicht yom Niedergang des Antisemitismus als Prinzip die Rede sein soll, sondern von dem der politischen Fraktion, die seine sichtbare Trägerin und erfolgreiche Verkünderin war, der christlich-sozial sich nennenden Partei. Noch ist kein halbes Jahr seit dem Tode Luegers, des „grossen" Führers, verflossen, und schon wankt der stolze Bau der mächtigen Reichspartei und kracht in allen Fugen. Freilich bildet sie noch immer die stärkste Partei im Reichsrat, übt im niederösterreichischen Landtag die absolute Herrschaft aus, und ihre Führer und Kreaturen halten die einflussreichsten und . . . einträglichsten Stellen im Staat besetzt; sie hat sogar zwei Vertreter im Kabinett. Allein die gleich nach Luegers Abgang ausgebrochenen Zänkereien zwischen den Häuptlingen legten eiternde Geschwüre blos, die nur das Resultat eines lang andauernden Zersetzungsprozesses sein können, und die der Partei keine allzu lange Lebensdauer in Kraft und Unternehmungsfähigkeit verheissen. Der Antisemitismus in seiner jetzigen Gestalt ist in Oesterreich kein heimatliches Gewächs; er ist von Berlin hierher verpflanzt worden, aber während er in der Urheimat bereits abgestorben ist und seine Reste schon anfangen, in Fäulnis überzugehen, hat er in Oesterreich, speziell in Wien, einen sehr günstigen Boden gefunden, und gedieh mächtig empor. Natürlich verdankte er das nicht der innern werbenden Kraft seiner „Idee", sondern der eigentümlichen Beschaffenheit des Bodens, auf den die edle Saat gefallen war. Die Träger des Liberalismus waren fett, faul und alt geworden. Im Besitz der politischen Macht hatten sie sich, auf ihre unbestreitbar grossen Verdienste pochend, nahezu kastenmässig gegen alle neuen Strömungen und alle neuen Männer abgeschlossen. Das Grosskapital hatte das Kleinbürgertum und den Handwerkerstand stark an die Wand gedrückt, und beide hatten in ihrer Gemütlichkeit und Denkfaulheit nicht wie in Deutschland den Weg gefunden, um innerhalb der kapitalistischen Ordnung den goldenen Boden zu retten, und suchten das Heil in der Rückkehr zum Zunftwesen und zu den vormärzlichen Rechtsformen. Kirche und Klerus und der ihnen verbundene Adel waren gereizt über den oft herausfordernden und übermütigen Ton eines Teils der liberalen Presse und — namentlich der Adel — unzufrieden und neidisch über den sozialen Aufstieg des industriellen und finanziellen Bürgertums. Die Sozialdemokratie reckte gewaltig die Glieder, und hoch oben sah man unruhevoll das „rote Gespenst" emporsteigen. Dazu kam eine allgemeine, dem Wiener eigne, im Grunde gemütliche, aber lärmende und ungebärdige Nörgelsucht. Da bedurfte es nur eines Mannes, der alle diese Ressentiments, Befürchtungen und Unzufriedenheiten in eins zusammenfasste, sie in ein populäres, die gemeinen Masseninstinkte aufstachelndes Schlagwort presste, um eine bedeutende Stosskraft zu schaffen, die wenigstens eine Zeitlang vorhalten musste. Dieser Mann fand sich in dem Nachdruck verboten. vor wenigen Monaten verstorbenen Karl Lueger, und dieser Mann fand das passende Schlagwort im Antisemitismus. Der Antisemitismus war in Oesterreich nie Selbstzweck, sondern stets nur Mittel. Man hat ihn den Sozialismus des dummen Kerls genannt, aber er war auch der Loyalismus und sogar die Frömmigkeit der dummen Kerls von Wien. Er ist im wesentlichen eine Schöpfung Luegers, und seit seinem Verschwinden ist er, wenigstens in seiner jetzigen Gestalt, dem Zerfall geweiht. Lueger selber war weder den Instinken, noch der Ueberzeugung nach ein Antisemit. An Ueberzeugungen hatte er überhaupt so gut wie gar nichts. Nur eins stand für ihn fest: er wollte und musste Bürgermeister der Reichshaupt- und Residenzstadt werden. Der Portiersohn kannte keinen höheren Ehrgeiz, als sich auf die sella curulis seiner Vaterstadt niederzulassen und die goldene Kette um seinen Hals zu hängen. Er hatte keine Pläne zu verwirklichen, keine Ideen in die Tat umzusetzen; er strebte nach der Macht um der Macht willen, wie alle plebejischen, von keinem höhern Drange berührten Naturen. Zuerst machte er sich an die herrschenden Liberalen heran. Allein diese in ihrer senilen Borniertheit wehrten dem ehrgeizigen Streber den Zugang. Da machte er rasch entschlossen eine Schwenkung nach abwärts. Vollkommen unwissend und bildungsfeindlich, war er seelisch tief verwandt mit dem Pöbel von Wien, und es kostete ihn nicht das geringste Opfer, zu ihm hinabzusteigen. Er schmeichelte bedenkfrei und gewissenlos seinen trübsten Instinkten. Der damals in Deutschland mit so grossem Getöse propagierte Antisemitismus war ihm ein willkommenes Schlagwort, um das ewige Hassensbedürfnis der geistig rohen Mehrzahl auf billige und bequeme Weise zu befriedigen. Die Juden wurden alsbald der Sündenbock, die Inkarnation aller Uebel, die Abieiter aller Unzufriedenheit, jedem einzelnen Individuum aus den beschränkten Massen sichtbar und greifbar, dazu ein Gegner, den man gefahrlos und mit allen Mitteln bekriegen und beschimpfen durfte. So wurde Lueger, der stets nur mit Juden Umgang gepflegt und unter ihnen zahlreiche Freunde hatte, der ehemalige Liberale und Judenfreund, zum giftigsten Judenhasser. Seine Beredsamkeit, wortreich, seicht, mit Zitaten und Gassenhauern gespickt, breitspurig und inhaltslos, von jenem echt Wiener Strassen- und Kaffehauswitz getragen, war ganz danach angetan, sein Publikum zu bezwingen. In seinem Gefolge spielten die Weiber eine Hauptrolle. Der „schöne Karl" mit dem Stiernacken, der Löwenmähne, den glänzenden braunen Augen und dem wohlfrisierten Bart, Karl, der so breit lachte, in unzähligen Versammlungen so „komisch" redete, soviel Gulasche verzehrte und unzählige Seidel hinter die Binde jagte, ward alsbald der Abgott der schönen Wienerin, die womöglich noch dümmer ist, als der dumme Kerl von Wien. Die Altliberalen waren trotz aller ihrer Sünden persönlich höchst intakt. Aber Lueger scheute sich nicht, sie immerfort der Korruption anzuklagen, wohl wissend, dass nichts auf die Instinkte des Pöbels so kräftig wirkt,

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