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Ost und West · 1910-10-01 · Heft 10 (Oktober 1910) · p. Seite 663 - 664

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 10 (Oktober 1910)
Article
Kol-Nidrei
Date
1910-10-01
Page
Seite 663 - 664 (sequence 3)
Language
German
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663 Alessandro Carasso: Kol-Nidrei. 664 bung. Begann es dann zu zappeln und sich in einem stickenden Hustenanfall zu winden, so ging die Farbe in ein Gelb über. . Stieg dann das Geschrei noch höher, dann wurde das Körperchen fast grün. Salmenke fühlte sich einer Ohnmacht nahe. Was ihm in den Sinn kam, hatte er schon dem Kinde zugerufen; alles Bitten, auch sein Weinen halfen nichts. Schliesslich füllte sich sein ängstliches Herz mit Zorn und er rief heftig gereizt: „Du Teufel, du kleiner, stumm sollst du werden, hörst du! Ich bebekomme ja Furcht vor dir!" Das Kind tobte noch wilder. Salmenke steckte ihm die Zunge ins schreiende Mündchen und wollte es zwingen zu saugen. Aber der Säugling drehte jäh mit einem Gekreische des Widerwillens sein Köpfchen ab und begann noch lauter zu brüllen. Salmenkes Kraft und Geduld war zu Ende. Er warf das Kind in die Wiege und beschloss, nach dem Gotteshaus zu laufen und die Mutter zu holen. Aber das Kind allein in der Stube zurücklassen, in der Nacht, und dazu noch am Jom- Kipur — erschreckt verwarf er wieder seinen Entschluss. Ratlos liefen seine umnebelten Augen durchs Zimmer, als sie plötzlich an dem grossen, schmutziggelben Gebetbuch haften blieben.. . . Mit der Schnelligkeit eines Blitzes erleuchtete ein plötzlicher Strahl sein angespanntes* Gehirn. Seine himmelblauen Augen öffneten sich gross und flammten in einem seltsamen Feuer. Das Herz zitterte ihm. Ein aussergewöhnlicher Gedanke war in ihm aufgestiegen. Wie von einer geheimnisvollen Macht getrieben, lief er zum Tisch, ergriff das alte Gebetbuch, und mit einem Sprunge war er wieder an der Wiege. Aus dem unteren Rand des Gebetbuchs, bemerkte er, ragte das Ende eines Bändchens von einst grüner Farbe hervor. Er öffnete an dieser Stelle das Gebetbuch und vor seinen begierig geöffneten Augen standen die grossen fettgedruckten Worte des Kol-Nidrei. Wie ein Zauber ging es von den Worten aus und strömte durchs ganze Zimmer. Wie von einem fremden Willen geleitet, beugte sich Salmenke über das weinende Geschöpfchen und begann mit herzbrechendverzweifelter Stimme zu rezitieren: „Kol-Nidrei weessorei ..." Salmenkes Stimme floss auf ganz wunderbare Weise mit dem Jammergeschrei des Säuglings zusammen. Ein wild-aufgeregtes Stimmenhallen erfüllte die Stube. Aber das dauerte nur Augenblicke. Das verzweifelte Schreien des Kindes verstummte plötzlich, gleichsam jäh abgehackt. Wie wenn es aus einem schweren Schlafe erwacht wäre, erbebte es in einem leichten Schauder, schlug dann weit, weit seine schwarzen verweinten Aeuglein auf und schloss mit einem Male seine bläulichen Lippen. Dann streckte es gelassen seine noch zitternden Beinchen aus und lauschte mit dem Ausdruck ernster Aufmerksamkeit Salmenkes sonderbarem Gesang. Aber auch Salmenkes anfangs unheimlich lautes Singen war wie unter einem Zauber in weiche, herzinnige Töne übergegangen. Und wie er die magische Wirkung, die sein Beten auf das unschuldige, jammernde Geschöpfchen ausgeübt hatte, bemerkte, wurde seine erregte Phantasie von einer stolzen Begeisterung erfüllt. Tief in seinem Herzen fühlte er, dass der glückliche Gedanke, der ihn nach dem Gebetbuch greifen liess, nur vom Himmel gekommen sein könne. Kein andrer als ein gütiger Engel, der seine verzweifelte Hilflosigkeit gesehen, hatte sich seiner erbarmt und ihm den göttlichen Gedanken eingegeben. Salmenkes Gesicht strahlte vor Verzückung. So tief wie seine Begeisterung war, so hoch stieg seine Stimme hinan. Sein ganzes glückdurchtränktes Herz ergoss sich in die Wellen seiner Stimme. Jedes Wort, das aus seinem Munde strömte, schien wie von einer überirdischen Kraft hervorgezaubert. Als er zur Stelle im Gebete kam, wo es heisst: „. . . Und verzeihen wir der ganzen Gemeinde der Kinder Israel . . .", da war es ihm, als ob alle Engel im Chore mit ihm sängen und Gott, der Herr, selbst mit gewaltiger Stimme antwortete: „Ich habe verziehen nach deinen Worten. Ich habe verziehen. Ich habe verziehen . . Und alles ringsum ist süss erfüllt von Gottvaters Vergebung. Salmenke aber fängt wieder an: „Kol Nidrei. . ." Doch längst nicht mehr in verzweifelten Tönen, sondern in ruhig getragener, zärtlich-seliger Weise. Und so wundervoll-lieblich klingt das, als sei da nicht eine arme kleine Stube, sondern ein ehrwürdig-alter, stolzer Tempel, in dem die Leviten zu den Harfen singen und heilige Choräle der Sänger antworten. Seinem Mund entquillt der hoffnungsreiche Satz: „Von diesem Versöhnungstage bis . und in den Lüften klingen die Triller eines verliebten Wandervogels, der das Entzücken des wundervollen Morgens mit dem aufwachenden Wald und der grünen Haide teilt . . . Vor dem Fenster von Sarahs Häuschen aber hatte sich indessen eine ganze Gemeinde angesammelt, ihre christlichen Nachbarn und Spaziergänger, die hier festgehalten worden waren. Mit Staunen und Verwunderung hörten sie das Singen. Sie wussten nicht, war das ein Engel oder war es ein Kobold, der da drinnen die jüdischen Gebete verhöhnte. Vor Angst wagten sie gar nicht, in die Stube hineinzublicken. Drinnen aber begann die süsse Stimme wieder in langgezogenem Gesang: „Kol Nidrei . . Und der Gesang zog auf Schwingen durch die halbverschlafene Ruhe des Städtchens, zur Höhe hinauf, immer höher, bis zu den allerheiligsten geheimnisreichen Himmeln: „Kol-Nidrei . . Spät nachts war der Gottesdienst zu Ende. Nur einige alte ehrwürdig-fromme Männer blieben im Gotteshause zurück, um die ganze Nacht im Gebet und Psalmenlesen zu verharren. Die andern aber gingen still nach Hause. Wundervoll ruhig war jetzt die Nacht. Stellenweise war der Himmel schon lichter geworden. Ein paar fast schon erblindete Sternchen schauten mitleidig-neugierig zur Erde hinab. Sarah, allen voran, lief mehr als sie ging nach Hause. Ihr Herz klopfte. Die ganze Zeit war ihr so schwer zumute, ein Gefühl, als ob zu Hause — Gott behüte! — etwas passier*, wäre. Denn wahrhaftig:

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