Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1910)
- Article
- Kol-Nidrei
- Date
- 1910-10-01
- Page
- Seite 665 - 666 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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665 Alessandro Carasso: Kol-Nidrei. 666 einen kranken Säugling der Obhut eines Kindes anzuvertrauen, lange Nachtstunden hindurch — Gott möge sie nicht strafen wegen ihrer sündigen Gedanken! Als sie in ein abseits führendes Gässchen kam, nicht weit mehr von ihrem Häuschen, erreichten sie plötzlich durch die Stille der Nacht merkwürdig süsse, bekannt-unbekannte Töne. Ihr Herz begann noch stärker zu klopfen. Sie blieb einen Augenblick stehen, unruhig lauschend, dann aber verdoppelte sie die Hast ihrer Schritte. Und nun war sie schon in der Nähe ihres Häuschens. Doch, um Gottes willen, was ist das? Wirklich ein Unglück passiert? Nicht umsonst hat ihr Herz vor Erregung gehämmert! Was steht da für eine Menge unter ihrem Fenster? Oder ist es nur ein Spuk, ein Trugbild? Aber nein, das sind ja ihre Nachbarn. Doch sie stehen so unbeweglich-ruhig? . . . Nur ein „Pst, pst" hört man ... Und die wunderbar-süssen Töne kommen doch aus ihrem Häuschen. . . . Guter Gott, was soll das alles bedeuten? Sarah ist beim Häuseben angelangt. An der Türe bleibt sie stehen und schöpft Atem. Ihre Hand liegt auf der Türklinke, sie hat Angst, sie niederzudrücken. Ihre Seele ist von einem seltsam-heiligen Gefühl beherrscht. Ein Schauder läuft durch ihren ganzen Körper. Aber das mütterliche Herz siegt über die Furcht. Da drin sind doch ihre Teuersten, ihre geliebten unglücklichen, verwaisten Kinder. Und sie drückt die Klinke nieder und tritt ein. Ein heisser, machtvoll-inniger Ton trifft ihr Ohr. Sarah ist wie betäubt. Mit schweren, unsicheren Schritten geht sie an den Tisch heran. Ihr angstvoller Blick sucht instinktiv die Wiege, und es schwindelt ihr vor den Augen. Auf der andern Seite der Wiege sitzt Salmenke. Die Augen hat er zur Decke gerichtet, und sie strahlen in einem Feuer, das die ganze Stube in Glanz taucht. Aus seinem Munde aber strömen in lieblichen Trillern Wort und Weise des „Kol-Nidrei". In seiner rechten Hand hält er aufgeschlagen das dicke Gebetbuch, während seine Linke ruhig die Wiege des Kindes schaukelt. Still und glücklich blickt ihn der Säugling an. Sarah steht noch immer da, erschrocken, verwundert und begeistert. Endlich fasst sie sich ein Herz und ruft mit zitternd-gepresster Stimme: „Salmenke!" Sie war nicht sicher, ob das wirklich ihr Kind sei. Der Knabe rührt sich nicht. Ohne Unterbrechung fliesst sein Gesang weiter und die Worte klingen: „. . . Zum Fremdling, der unter euch wohnt ..." Sarah wiederholt ihren Ruf. Doch wieder bemerkt es der kleine Sänger nicht. Am ganzen Leibe zitternd tritt sie an ihn heran. Salmenke singt weiter. Einen Augenblick ihre Angst überwindend, berührt sie seine Schulter. Er fühlt es nicht. Niedergedrückt von banger Verzweiflung ruft sie wie verloren: „Halt doch ein, mein Kind! Gott sei mit dir!" Der Säugling beginnt wieder zu weinen. Jetzt erst blickt Salmenke auf. In derselben Sekunde verdunkelt sich sein strahlender Blick und seine verwirrten Augen füllen sich mit Tränen. Das Weinen des Säuglings geht wieder in ein massloses Schreien über. Vor Aufregung zitternd wirft sich die Mutter über das Kind und zieht es an ihre Brust. Aber das Kind wirft krampfhaft das Köpfchen nach hinten und schreit wie früher. Alle Zärtlichkeiten, alle Versuche, es zu beruhigen, regen es noch mehr auf. Sarah wirft einen verzweifeltbittenden Blick auf Salmenke. Salmenke wird von einem schweren, kalten Schauder erfasst. Wie im Traum ergreift er wieder das Gebetbuch, öffnet ein wenig die zusammengepressten Lippen und will von neuem anfangen zu singen: „Kol-Nidrei ..." Aber im selben Augenblick schüttelt ein Krampf seinen Körper, sein Gesicht verzieht sich qualvoll-schmerzlich und aus dem verzerrten Munde kommt kaum ein undeutliches: Mm-mm, mm..... Und Salmenke hat nie mehr gesungen. „DAS KIND LIEGT IN WIEGELE." Jüdisches Volkslied. Mitgeteilt von B. M. KASSEL und A. B. PICK (Littauen). Bearbeitet von JUL. ENGEL.