Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1910)
- Article
- Jüdische Dozenten an der Berliner Universität
- Date
- 1910-10-01
- Page
- Seite 649 - 650 (sequence 6)
- Language
- German
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649 Dr. Carl Pinn: Jüdische Dozenten an der Berliner Universität. 650 Eine Besonderheit, der Berliner medizinischen Fakultät ist die enorme Zahl seiner jüdischen Privatdozenten. Das ist ein eigenes schmerzliches Kapitel! Das ganze Elend der Universitätskarriere steckt darin. Wer den Titel Professor erlangt hat, weiss, dass er nun *$mf&-- .yP^ Prof. Dr. E. Remak. Prof. Dr. Joachimsthal. alle Hoffnungen begraben kann. Er mag selbst die bedeutendsten Werke schaffen: er ist ausgeschaltet aus der Reihe derer, die berufen sind, die Lehrer der akademischen Jugend zu sein. Nur die wenigsten dürfen es noch als Glück preisen, dass ihnen die Möglichkeit, gej^jf^^Y,^ fe^» V' geben ist, in den Laboratorien der staatlichen Institute weiter^- zum Ruhm der — Herren Chefs zu arbeiten. Andere müssen sich in privaten Polikliniken und Studierstätten mühen, um das Material für ihre wissenschaftliche Leistung mühselig zu gewinnen. Die Lehrer der propädeutischen Fächer stehen fast alle ausserhalb des Bildungsbetriebes der Universität. Bernhard R a w i t z treibt besonders über das Nerven- und Drüsensystem der Wirbellosen und niederen Wirbeltiere vergleichende Anatomie und hat sich unter den Darwinforschern durchgesetzt. Ludwig Pick ist pathologischer Anatom in einem städtischen Krankenhaus und bei der Landauschen Klinik. Er hat wesentlich zur Erkenntnis der Geschwulste beigetragen. Adolf Loewy (der sich nebenher mit Geh. Med.-Rat allgemeiner Praxis müht) hat die im wesentlichen von Prof. Dr. Martin Bernhardt, getauften und ungetauften Juden (Mosso, Nathan, Zuntz) durchgeführten Studien über den Menschen im Hochgebirge gefördert. Friedenthal hat die Kenntnis des menschlichen Haares erweitert und den Zusammenhang von Menschen- und Affenstämmen durch Anwendung spezifischer Blutreaktion studiert. P. Frankel ist gerichtlicher Mediziner. Bruno Heymann wird die Tollwutstation am Hygienischen Institut leiten. Unter den Pharmakologen zeichnet sich der temperamentvolle Louis L e w i n aus, der neben der Giftlehre (er hat besonders die Schlangengifte und die Pfeilgifte der Wilden studiert) in geradezu klassischen Studien die Neben Wirkungen der Medikamente geprüft hat. Lewin gehörte eine Zeitlang zu den energischsten Vertretern der konservativen Repräsentanten in der jüdischen Gemeinde. Von den Vertretern praktischer Fächer haben einige internationale Bedeutung gewonnen. Da ist in erster Reihe zu nennen Leopold C a s p e r , dessen glückliche Verwertung elektrischer Beleuchtungsmöglichkeit das dunkle Gebiet der menschlichen Blase und Nierenleiter aufgehellt hat. Ihm ist die Methodik der Untersuchung wie das ganze Instrumentarium des komplizierten Spiegelsystems zu danken. Heinrich Finkelstein gilt mit Recht als einer der Begründer der modernen Säuglingsheilkunde. Seine umwälzenden Forschungen hat er am Säuglingsasyl der Stadt gemacht. Die Universitätkinderkliniken wurden für die unfähigen, aber dafür christlichen Assistenten reserviert. Als Ophthalmalogen sind Georg Abelsdorf und Georg Lewinsohn zu nennen. Unter den Hals- und Nasenärzten haben sich Edmund Meyer und Grabower bekanntgemacht. Als kritischer Kopf und exakter nüchterner Beobachter hat Benno B a g i n s k y wesentlichen .Anteil an der Entwicklung der modernen Otiatrie gehabt. Das Prof. Dr. Leonar Michaelis. wm u Prof. Dr. Th. Rosenheim. Prof. Dr. MaxHugo Michaelis. Prof. Dr. Leopold Casper. Priv.'Doz. Dr. L. Jacobsohn.