Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1910)
- Article
- Jüdische Dozenten an der Berliner Universität
- Date
- 1910-10-01
- Page
- Seite 647 - 648 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2583875-2583993-2584003-2595513--10899-2595687- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
647 Dr. Gaii Pinn: Jüdische Dozenten an der Berliner Universität.1 648 1902 verstorbene Julius Wolff, in weiten Kreisen als der „Knochen- Wolff" bekannt. Mit Recht kann er als der Vater der modernen Lehre von den Verlegungen, Verkrümmungen, Brüchen und angeborenen Anomalien der Knochensysteme genannt werden. Wie er theoretisch Prof. Dr. Albert Albu. Prof. Dr. A, Loewy. feststellen konnte, dass die feinere Struktur des Knochengewebes genau . den auch in der Architektur geltenden Gesetzen entspricht, so hat seine operative und konservative Praxis Hunderttausenden wieder den Gebrauch ihrer Glieder ermöglicht. Zu den „Messer-" beiden" gehört i- ' \ ■ - j\ \ Prof. Dr. Hugo Liepmann. mmm Ü Prof. Dr. J. Pagel. Prof. Dr. B. Bendix. auch der langjährige Assistent und Vertreter v. Bergmanns, Moritz Borchardt, der gleich seinem Meister mit besonderer Vorliebe das schwierige Gebiet der Gehirnchirurgie pflegt. Weit über die Grenzen Deutschlands reicht der Ruhm* Leopold. Landaus, dessen Klinik für das Gesamtgebiet der operativen Gynaekologie vorbildlich geworden ist. Sein von den Jahren nicht bedrücktes Temperament, das braust und schäumt wie köstlicher (sehr „trockner") Champagner, hat ihn zu einem leidenschaftlichen Verfechter jüdischer Ideale und Interessen gemacht. Seine Hilfsbereitschaft ist unermüdlich. Er war jahrelang Repräsentant der jüdischen Gemeinde. Ein eifervoller Kämpfer, dessen jugendliche Leidenschaft die Konzession ausschliesst. Für alle die Güte, die er Armen und Ringenden gab, wurde er belohnt durch einen Sohn, Edmund, dessen mathematische Genialität ihm — dem stolzen Juden — am Beginn seiner dreissiger Jahre das vorher von Minkowsky vertretene Ordinariat in Göttingen erobert hat. Zu den treuen Söhnen ihres Stammes gehört auch die originelle Gelehrtennatur P a g e 1 s , dem eine mühselige Armeleutpraxis im Norden der Stadt Müsse Hess, grundlegende Werke, besonders über mittelalterliche Medizin, zu liefern. Seine Kenntnis des Hebräischen hat auch viel zur Aufhellung der Lebenswerke alter jüdischer Aerzte, besonders des Maimonides, beigetragen. Pagel hat es nicht zu einem Ordinariat gebracht, wie sein Lehrer August Hirsch, der vor ihm die vernachlässigte Geschichte der Medizin in Berlin vertrat. Aber A. Hirsch hatte sich (ebenso wie sein Bruder, der Greifswalder Historiker Theodor H.) bei Zeiten eine brauchbarere Religion zugelegt. Ohne diese Narkose des Gewissens hat sich F. Strassmann die Leitung des Berliner Leichenschauhauses erarbeiten können. Sein Scharfblick und seine juristische Durchbildung haben ihn zu einem Meister der gerichtlichen Medizin gemacht, dessen psychologische Eindringlichkeit seine Gutachten auszeichnet. Als letzten dürfen wir August von Wassermann nennen, den Sohn des jüngst in den erblichen Adelstand erhobenen Münchner Bankiers Angelo Wassermann. Wassermann (über dessen Haupt der Nobelpreis sichtbar schwebt) hat als der genialste Schüler Paul Ehrlichs die Wissenschaft vom Serum mitgeschaffen. Seine Auffindung der Syphilisreaktion, die es ermöglicht, eine schon vor 45 Jahren erfolgte, aber nie ganz ausgeheilte Infektion festzustellen, ist ein unentb ehrliches Hilfsmittel der Medizin geworden. Wassermann hat ein Heilserum für die epidemische Gehirnhautentzündung geschaffen und der Bekämpfung der Tierseuchen wertvolle Methoden geliefert. Prof. Dr. Julius Heller. Prof. Dr. Strauss. Prof. Dr. Ludwig Brieger.