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Ost und West · 1910-10-01 · Heft 10 (Oktober 1910) · p. Seite 643 - 644

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 10 (Oktober 1910)
Article
Jüdische Dozenten an der Berliner Universität
Date
1910-10-01
Page
Seite 643 - 644 (sequence 3)
Language
German
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643 Dr. Carl Pinn: Jüdische Dozenten an der Berliner Universität. 644 Geh. Med,<Rat Prof. Dr. Lcop. Landau. Geh. Med.^Rat Prof. Dr. H. Senator. Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Hermann Münk. die Berliner Universität der untrüglichste Beweis für die alle Hindernisse überwindende Zähigkeit des jüdischen Wissensdranges und Forschungsgeistes. In der juristischen Fakultät traten von ihren ersten Anfängen an getaufte Juden hervor. Neben Eduard Gans war es besonders Julius Stahl (Schlesinger), der Theoretiker der konservativen Partei, dessen Name durch die von ihm erhobene erzreaktionäre Forderung einer „Umkehr der Wissenschaft" in deutschen Gauen allgemein bekannt war. Als dritter Neuchrist trat der als Pandektist früh zur Bedeutung gelangte Heinrich Dernburg hinzu, der lange Jahre die Universität im Herrenhause vertrat. Nach yollendung eines klassischen Kommentars zum Bürgerlichen Gesetzbuch starb er vor 4 Jahren, gerade als der Stern seines Neffen Bernhard Dernburg, des Sohnes von Friedrich Dernburg, aufging. Erfreulicherweise aber hatte die juristische Fakultät Berlins einen ungetauften ordentlichen Professor beinahe 25 Jahre aufzuweisen, Levin Goldschmidt (geboren in Danzig 1829, gestorben Berlin 1897). Unter den Namen der Männer, denen die deutsche Rechtswissenschaft des 19. Jahrhunderts ihre führende Stellung verdankt, wird der Levin Goldschmidts stets in erster Reihe stehen. Auf Forschung und Lehre, auf Rechtsprechung und Gesetzgebung hat er massgebenden'Einfluss ausgeübt. Die Wissenschaft des Handelsrechts aber hat er nach Niederlegung seiner Professur in Heidelberg und praktischer Betätigung als Mitglied des „Bundes- Oberhandelsgerichts" in Leipzig, das er auch während einer Legislaturperiode als nationalliberaler Abgeordneter im Reichstag vertrat, neu geschaffen. Fast zu gleicher Zeit wie Goldschmidt als ordentlicher wirkte hier der Amtsgerichtsrat Ernst Traugott R u b o , der Sohn des Justitiars der jüdischen Gemeinde, als ausserordentlicher Professor (1876—1895). Seine Bedeutung liegt hauptsächlich Prof. Dr. H. Oppenheim. in seinen Arbeiten über das Strafrecht, die sich durch dialektische Schärfe auszeichnen. Ein Sohn Rubos ist Regierungsrat. Natürlich getauft. Die nächste Generation sitzt sicherlich schon im Kirchenrat. So „verfeinert" sich ein Teil der jüdischen Intelligenz. Auch ein Sohn des kraftvollen und stolzen Verfechters jüdischer Rechte — Riessers — hat längst den richtigen Anschluss erreicht. Der Vorsitzende des Hansabundes, der kluge Vertreter der Interessen deutscher Industrie, Geh. Justizrat R i e s s e r , ist ordentlicher Honorarprofessor und liest über Handels- und Schiffahrtsrecht, dessen anerkannter Meister er ist. Von den gegenwärtigen Mitgliedern der Berliner juristischen Fakultät ist ungetauft der ausserordentliche Professor des Privatrechts Martin W o 1 f f, bei dem auch der Prinz August Wilhelm eine Zeitlang seine Vorlesungen hörte. Jude ist Hugo P r e u s s , Lehrer des Völkerrechts, auch an der Handelshochschule, der bekannte Politiker und Führer der „sozialfortschrittlichen Fraktion" der Berliner Stadtverordneten. Der Bekämpfer des Junkertums ist noch immer Privatdozent! . . . . Schliesslich erwähnen wir noch Jacob Friedrich Behrend, der, Sohn eines Berliner Stadtarztes, als begabtester Schüler seines Lehrers Goldschmidt sich an hiesiger Universität habilitierte, dann ordentlicher Professor des Handelsrechts in Greifswald wurde, wo er sogar als erster Jude an einer preussischen Universität im Jahre 1882/83 das Rektorat bekleidete, die gleiche Stellung mit einer solchen in Breslau und später mit der eines Reichsgerichtsrats in ^Leipzig vertauschte. Nach seiner Pensionierung kehrte er nach seiner Vaterstadt zurück. Die medizinische Fakultät, die einen Wissenszweig umfasst, dem die Juden schon im Mittelalter zur Blüte verhalfen, hat naturgemäss aus unseren Reihen viele Mitglieder aufzuweisen. Bis zu einer ordentlichen Professur haben es die Juden noch nicht gebracht. Die republikanische Verfassung der Universität und die ab-

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