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Ost und West · 1910-10-01 · Heft 10 (Oktober 1910) · p. Seite 641 - 642

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 10 (Oktober 1910)
Article
Jüdische Dozenten an der Berliner Universität
Date
1910-10-01
Page
Seite 641 - 642 (sequence 2)
Language
German
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641 Dr. Carl Pinn: Jüdische Dozenten an der Berliner Universität. 642 Prof. Emanuel Mendel. Staatsexamen zum Abschluss brachte. Kaum aber hatte er die ärztliche Praxis begonnen, als er diesem Beruf, dem er nur mit inneremWiderstreben oblag, für immer Valet sagte, da ihm der ehrenvolle Ruf zur Mitarbeit an den „Monumenta Germaniae historica" zuteil wurde. Fast neun Jahre war er an diesem grossen Nationalwerk, und zwar anerkanntermassen als einer der tüchtigsten der damaligen Mitarbeiter, tätig. Die vierte und letzte Periode seines Lebens, in die er nun (1862) eintrat, wird durch seine Dozententätigkeit gekennzeichnet. Als erster Jude in Preussen wurde er in diesem Jahr zum ausserordentlichen Professor an der Berliner Universität ernannt. „Bibliotheca rerum Germanicarum" heisst von nun ab die Aufgabe, deren Lösung er sich gestellt und die er zum Teil auch befriedigend gelöst hat. Ostern 1870 erschoss er sich in einem Hotel zu Wittenberge. Seine freiwillige Lebensflucht erregte ungeheures Aufsehen. Die einen erklärten sie damit, dass die Beförderung zum ordentlichen Professor ausgeblieben war. Ihn habe Reue über seine Taufe erfasst, die er hatte vollziehen lassen, nachdem seine nächsten Angehörigen dahingeschieden waren. Nach der andern Version kränkte ihn die Missdeutung, die sein Glaubenswechsel bei seinen früheren Glaubensgenossen erfuhr. Das Leben erschien dem schaffensfreudigen Mann auf einmal schal und verlor für ihn jeden Wert. Jaffes Biograph, Alfred Dove in Freiburg (Breisgau), will bei der Beurteilung des Selbstmordes alle konfessionellen Motive ausschalten und ihn' lediglich aufVerfolgungswahnsinn zurückführen, dessen Spuren sich schon früher bei dem unglücklichen Gelehrten geäussert hätten. Ist nicht aber die Frage berechtigt, inwiefern gerade seine Schicksale als Jude, die dem hochbegabten Mann seine besten Lebensjahre verbitterten, die Bedingungen des Verfol- Prof. Ludwig Traube. Prof. Dr. Ludwig Katz. Prof. Dr. Zabludowsky. gungswahnes Am geschaffen haben? Eine eigentümliche tragische Ironie des Schicksals hat es übrigens mit der sprichwörtlich gewordenen Duplizität der Ereignisse gefügt, dass der gleiche Fall sich zwei Dezennien später mit einem engeren Beruf sgenossen Jaffes, S a c k u r in Strassburg, abgespielt hat. Auch ihn verfolgte Reue über seine Ableugnung des alten Glaubens, und ein wohlgezielter Pistolenschuss machte seinem, ihm jetzt erst doppelt verfehlt erscheinenden Dasein ein Ende. War schon die Ernennung eines Juden zum ausserordentlichen Professor vor beinahe 50 Jahren ein Novum, so erregte es geradezu Aufsehen, als einem Juden sogar die höchste Staffel in der akademischen Stufenleiter zugänglich wurde. Wie Jaffe der erste ausserordentliche, so war Ludwig Traube der erste ordentliche Professor nicht bloss in Berlin, sondern in Preussen überhaupt. Er war nicht bloss Honorarprofessor, mit welchem Titel heute verdiente jüdische Gelehrte von Weltruf, wie Senator, HermannMunk, Hirschberg, früher auch Moritz Lazarus abgefunden wurden. Traube, dessen klinische Verwertung der Auskultation und Perkussion eine neue medizinische Aera eröffnete, „ein Talent und ein Charakter", zugleich auch in bezug auf Glaubenstreue ein leuchtendes Vorbild, starb viel zu früh für die leidende Menschheit im Jahr 1876. Auch sein Sohn, der vor zwei Jahren aus dem Leben schied, Louis Traube, hielt mit Zähigkeit an dem angestammten Glauben fest, weshalb er, längst eine anerkannte Autorität auf dem Gebiete des mittelalterlichen Lateins, erst recht spät eine Professur an der Münchner Universität erhielt. Ludwig Traubes Ernennung zum ordentlichen Professor erfolgte in der „liberalen Aera" Preussens (1872). Seitdem haben wir manchen Schritt rückwärts gemacht. Gleichwohl bleibt Prof. Dr. Moritz Litten. Prof. Dr. Georg Lewin.

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