Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1910)
- Article
- Jüdische Dozenten an der Berliner Universität
- Date
- 1910-10-01
- Page
- Seite 639 - 640 (sequence 1)
- Language
- German
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639 640 JUEDISCHE DOZENTEN AN DER BERLINER UN1VERSITAET. Prof, Ernst Traugott Rubo. Das Universitäts- Jubi läum, das jetzt im Vordergrund des allgemeinen Interesses steht, löst in uns Juden ganz eigenartige Gefühle aus. Unserer viele haben an der Friderico-Guilelma ihre fachwissenschaftliche Ausbildung und geistige Anregung fürs ganze Leben empfangen. Gleichwohl ist unsre Jubiläumsfreude keine reine und ungemischte. Dankbarkeit ist von Wehmut begleitet; nicht bloss ob der unwiderruflich dahingeschwundenen „alten Burschenherrlichkeit"! Die Zurücksetzung hervorragender jüdischer Gelehrter um ihres angestammten Glaubens willen macht, dass der Rückblick schmerzliche Erinnerungen weckt. Wie leicht begreiflich, bei der damaligen ökonomischen und geistigen Rückständigkeit der meisten jüdischen Einwohner Berlins und der östlichen Provinzen, war die alma mater in der Hauptstadt Preussens gleich nach ihrer Eröffnung von jüdischen Musensöhnen nicht besonders stark besucht. Aber dieses mässig vertretene jüdische Element assimilierte sich gar schnell an die christlichen Kommilitonen. So berichtet Heinrich Heine, der als Studiosus der Friedrich-Wilhelms-Universität mit Moser und Gans einen „Verein für Kultur und Wissenschaft des Judentums" begründete, in seinen „Berliner Briefen" von einem zwischen zwei jüdischen Studenten der Medizin wegen einer Lappalie — der eine hatte aus Versehen den Platz des andern im Kolleg eingenommen — entstandenen Pistolenduell mit tödlichem Ausgang. — EduardGans, der mit der Philosophie Hegels die Rechtswissenschaft befruchtete, war neben N e a n d e r (vor seiner Taufe Neumann genannt), dem als Kirchenhistoriker hervorragenden evangelischen Theologen, der erste Berliner Universitätslehrer jüdischer Abstammung, aber nicht jüdischen Bekenntnisses. Denn Heine und Gans, die „Reformatoren des Judentums", Hessen sich nach bestandenem juristischen Doktorexamen taufen, um das „Entreebillett für die europäische Kultur zu erlangen". Gans gelang es nebenbei auch Karriere zu machen, was nach seinem bewährten Muster viele ihm nachgemacht haben. Dieses „zu- Kreuze-kriechen" scheint übrigens in neuster Zeit nicht recht vomärtszubringen. Der erste ungetaufte Jude, als Professor in Berlin wirkend, noch bevor es hier eine Universität gab, war Marcus Herz, der Gatte von Henriette Herz, ein genialer Arzt und Geh. Just-Rat Lewin Goldschmidt. I. Nachdruck verboten. (Mit Porträts.) Von Dr. Carl Pinn. Berliner Naturforscher, der vor einem grossen gebildeten Publikum, zu dem auch der damalige Kronprinz, spätere König Friedrich Wilhelm III., zählte, öffentliche Vorträge über Physik hielt. — Erst ein halbes Jahrhundert nach der Gründung der Berliner Universität erlangte ein Jude eine Professur. Natürlich auch nur eine ausserordentliche. Es warder Historiker Philipp Jaffe, geboren 1819 in Schwersenz bei Posen. Seine Lebensschicksale waren so eigenartige und zugleich in mancher Beziehung typische für die Universitätslaufbahn jüdischer Akademiker, dass wir von diesem charakteristischen Lebenslauf einiges berichten wollen. Schon in die Vorhallen der Wissenschaft gelangte Jaffe nicht ohne Schwierigkeit. Nachdem er das Posener Gymnasium absolviert hatte, musste er erst zwei Jahre auf dem Kontorschemel Platz nehmen, bis er nach Beseitigung verschiedener Hindernisse seinen Wissensdrang, den er schon als Kaufmannslehrling durch Besuch der Rankeschen Vorlesungen während der Mittagspause zu befriedigen suchte, nach Herzenslust stillen konnte. Der Meister der Geschichtsschreibung, Leopold von Ranke, konstatierte bei dem schmächtigen, schwarzgelockten, jüdischen Jüngling einen derartigen brennenden Eifer, wie er ihn bisher an keinem seiner Schüler wahrgenommen hatte. Kein Wunder, dass Jaffe die nächste Preisaufgabe auf seinem Spezialgebiet: „Geschichte des Deutschen Reiches unter Lothar von Sachsen" aufgriff und zur Zufriedenheit des Schiedsrichter-Kollegiums löste. Von der deutschen Kaisergeschichte — ausser Lothar von Sachsen hatte er auch dessen Nachfolger, den Hohenstaufen Konrad III., mit tiefgründiger Gelehrsamkeit behandelt — wandte er sich dem Papsttum" zu. Seine „Regesta ponti- / ¥ Prof. Julius Wölfl; ficum Romanorum" enthalten über 11000 päpstliche Urkunden, Briefe,, Bullen, Dekrete usw. Im Alter von 31 Jahren hatte er dieses, in der Geschichtswissenschaft noch heute massgebende Quellenwerk, dem selbst der damalige Papst Pius IX. hohe Anerkennung zollte, vollendet, stand aber völlig mittellos da. Da er als Jude keinerlei Aussicht auf Anstellung in seinem Fach hatte, wandte er sich nach Veröffentlichung seines Lebenswerkes dem Brotstudium der Medizin zu, das er nach drei Jahren mit einer medizinischgeschichtlichen Arbeit als Doktordissertation und "[dem