Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1910)
- Article
- Aus vorletzten und letzten Gründen
- Date
- 1910-10-01
- Page
- Seite 631 - 632 (sequence 3)
- Language
- German
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631 Eduard Saenger: Aus vorletzten und letzten Gründen. 632 Optimismus und Pessimismus. Aus Lebensstimmung und .Lebenserkenntnis geht unser Verhältnis, zu den Lebenswerten hervor, das man je nach dem, ob es bejahend oder verneinend ist, als Optimismus oder als Pessimismus bezeichnet. Nadel ist als Verkünder der Tat Optimist; er fühlt und sieht ein Glück im JErkennen, im Schaffen und schon im Sehnen des Menschen; er hat erfahren, dass Heiterkeit und Denken, Güte und Freude, Sehnsucht und Lebensmut zusämmenwönnen,. und dass nicht nur alle Lebenswerke, sondern Leben und Sterben selbst um der Lust willen geschehen. Zur Beleuchtung der beiden Geistesrichtungen stellt er in einem Kapitel ergötzliche Antinomien auf, bei denen die Antithese des Optimisten in sich selbst den Sieg trägt. Unmittelbar überzeugend, wenn auch nicht für die Wahrheit, so doch für die sieghafte Kraft des Optimismus, spricht der Satz: „Die optimistische Natur des Menschen schafft jede Ohnmacht in eine Macht um: Ohnmacht der Erkenntnis'-in. Glauben, Ohnmacht des Tuns in Willensfreiheit, .Ohnmacht des Schauens in Sein." Die Quintessenz endlich ist hier wiederum: „Ihr wollt das Glück? Ihr habt es." Philosophie und Erkenntnis. Wir steigen nun . auf den Grund nieder, auf dem Nadel sein Wissen von.irdischen Dingen aufbaut oder vielmehr einst aufbauen wird. Wenn wir hier mit einer gewissen Selbstverständlichkeit auf ganz neuem Boden wandeln, so ist' das der eigentliche Beweis dafür, dass der Philosoph auf dem rechten Wege zur Erkenntnis ist. „Philosophie" — so lautet seine Definition — „ist die Darstellung der Wirklichkeit" und „der Philosoph ist ein Mensch, der logisch denkt". Es gibt zwei Philosophien: die der „vorletzten Gründe", welche von den Gegenständen einschliesslich Mensch und Seele, und die der „letzten Gründe", welche von der Materie handelt. Die Materialisten wären also, wenn sie nur materialistisch genug dächten, die wahren Philosophen. Die Möglichkeit letzter Erkenntnis wird von Nadel vorausgesetzt; er erblickt eben die schwere Aufgabe des Denkers darin, das Halbwissen der Menschen zu einem ganzen Wissen zu gestalten, d. h. die halb verborgenen, -aber unverlierbaren Gedanken des Menschengeschlechts in das Licht klarer Erkenntnis zu rücken. So hebt er nur ein paar Probleme heraus, durch die er bisan den Kern einerneuen, eigenen Weltanschauung vordringt, indem von verschiedenen Seiten unmerklich die vorletzten Gründe durchschritten und die letzten Gründe aufgetan werden. Zunächst, um einen Begriff vom denkenden Wesen, vom Menschen zu geben, wird einiges über Natur und Bewusstsein gesagt. Das Bewusstsein, so heisst es, könne, da es selbst noch ein Stück Natur sei, nichts über die Absichten der Natur wissen und müsse daher solange fehlgehen, bis die höhere Geistigkeit, .die Erkenntnis, hinzukäme und den Weg des Geschehens, d. h. die Idee der Natur erfasste. Am besten wird die Stellung des Menschen innerhalb der Materie durch folgende Skala im Sinne Nadeis veranschaulicht: Tod (die Gegenstände), Leben (das Tier), bewusstes Leben (der Mensch), Erkenntnis (der höhere Mensch). — Die andere Eingrenzung erfolgt in einem hochwichtigen Kapitel über den Willen. Bei Spinoza ist der Wille ein Gedankending, die Akte des Willens sind als Glieder der Ursachenkette unfrei, Kant lässt den Willen, d. h. den abstrakt gedachten jeweiligen Willensakt, durch den Verstand frei sein. Bei Schopenhauer ist der Wille das Ding an sich und hat intelligible Freiheit. Spinoza hatte, das Problem geleugnet, indem er alles Wollen ohne Unterschied als kosmisch und bedingt nahm. Schopenhauer umgeht das Problem, indem er den Willen in der Natur und den Willen im Menschen metaphysisch vereinheitlicht, obgleich das menschliche Willenswunder der Weltverneinung seine letzte Wahrheit ist. Der Metaphysiker müsste aber — besser als Kant — gerade den Gegensatz zwischen Natur und Geist, ohne den es gar kein Problem gäbe, erfassen und feststellen, wieweit der Wille ausserhalb oder über der Natur steht, also frei ist. Dies tut Nadel in wenigen unumstösslichen Sätzen. Nach ihm ist Willensunfreiheit eine Erkenntnis der „letzten Gründe", in denen es überhaupt keinen Willen, also auch keine Unfreiheit gebe. „Der Mensch ist entweder kein Ich, oder er ist ein Ich — und frei." Worin besteht nun die Freiheit des Ich? In den Bewegungsmöglichkeiten, die der Träger des Ich infolge seiner Erkenntnis vor der toten Materie und den Tieren voraus habe. Der Abstand zwischen Willen und Tat mache seine Freiheit aus, in der zwischen beiden liegenden Gehirntätigkeit sei das Wesen Mensch am freiesten. Mit der Annahme dieses Abstandes wendet sich Nadel natürlich gegen Schopenhauers Projektion des Willens in die Natur, deren Wesen ja nur. Wirken sei, und die daher nichts von einem Willen wisse. Nachdem so die Stellung des Menschen geistig und ethisch angedeutet ist, wendet sich der Autor einer feineren Untersuchung des Menschengeistes zu und gibt in ganz grossen Zügen eine Kritik der Sinne und des Denkens. Unsere Augen — so führt er aus — sind bestimmt, Gegenstände zu schaffen; daher können wir das Grösste und das Kleinste nicht wahrnehmen, d. h. die Materie nicht erfassen. Dem physischen Sehen nämlich entspricht das geistige; und von jenem bestimmt ist schliesslich unser Ich-Bewusstsein: „Wir sind nur, weil wir weitsichtig sind." Der Weg zur Erkenntnis der letzten Wirklichkeit, der Materie, liegt hrder Entgrenzung der Gegenstände. Die letzte Wahrheit also — das nehme ich vorweg — ist der Chaotismus. Am Eingange zum Chaos aber ist der Tod des Denkens, da kehrt der Gedanke zur Materie zurück. Als Wissenschaft bleibt die Philosophie des Gegenstandes (Kosmologie). Die Probleme werden auf drei zurückgeführt: auf die Fragen nach der Begrenztheit des Alls, nach der Zusammensetzung des Alls, nach dem Wesen der letzten Bestandteile. Psychologie, Ethik, Aesthetik werden zur Philosophie zweiten Ranges gestempelt. Zu all dem aber ist man durch das Denken gelangt; es stellt sich also die Frage nach Wesen und Kompetenz des Denkens. Nadel führt aus: „Das Denken ist die feinste Auslese der Materie." „Sie errang sich das Du." Das besagt wohl nichts anderes als: Ein Teil bekam die Empfindung für die Teile ausser sich. „Daraus wurde das Ich." D. h. daraus wurde die Empfindung für das eigne Sein: das Selbstbewussbsein. „Das Ich kam bewusst zum Du." Hiermit sieht Nadel gleichzeitig auch den Beweis für das Vorhandensein der Materie als erbracht an. Der in der Entwicklung der Philosophie unvermeidliche Fehlerkreis der Skeptiker bei der Frage, ob sich mit dem Denken über das Denken denken lasse, wird vom Verfasser nicht noch einmal beschrieben, sondern abgetan mit dem Machtwort tieferer Erkenntnis: „Jedes Nein ist ein Ja,"