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Ost und West · 1910-10-01 · Heft 10 (Oktober 1910) · p. Seite 629 - 630

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 10 (Oktober 1910)
Article
Aus vorletzten und letzten Gründen
Date
1910-10-01
Page
Seite 629 - 630 (sequence 2)
Language
German
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629 Eduard Saenger: Aus vorletzten und letzten Gründen. 630 Typischen, der Idee sich Nähernden, also Höheren, richtiger als die des Gewöhnlichen, Durchschnittlichen, dessen Normalität ja eigentlich darin besteht, dass es von der Norm abweicht und mangelhaft ist. Auf diese Weise ist der Normalmensch gleichbedeutend mit dem Idealmenschen, nach dem wir nicht injein Nietzschesches Fabelreich zu schweifen brauchen, da^er bereits auf Erden in grossen Geistern (wie Goethe) verwirklicht war; demgemäss sind die Idealisten keine verstiegenen Schwärmer, sondern die grössten Praktiker, die, welche die Ideen der Dinge sehen und auf geradem Wege dem Ziel der Natur zustreben, während die andern Irrwege gehen. Das wahre Leben der Menschen, das ewige Leben, soll erst beginnen, wenn sie sehend geworden sind und nicht mehr „für' Leichen schaffen". Zu ihren Zielen rechnet Nadel den* ewigen Frieden, zu den unerlässlichen Bedingungen für eine Fortentwicklung den Verzicht auf falschen Sonderkult, wie er sich im Rassenfanatismus ausspricht. Politik. Dies leitet zur Politik (im platonischen Sinne) hin, von der jedoch der Verfasser nur das Allerwesentlichste, die Herrscherfrage, vom Standpunkt des Idealisten behandelt. Zwei Ueberschriften: „Fürsten als ^Götter" (S. 499) und „Für die Könige", verraten Nadeis Anschauung und zeigen ihn diesmal wirklich auf der Bahn Nietzsches. Nadel geht von der These aus, dass in jeder Körperschaft irgendwo Einer herrsche. Wo Macht, da Weisheit, und wo Weisheit — da Güte. Nicht von der Evolution, wie sie von der Demokratie und den Präsidentenstühlen ausgehen könne, sei das Heil zu erwarten, sondern von dem gottschöpferischen Wirken des weisen Revolutionärs auf dem Thron. Die Herrschaft des einen Willens über die sich souverän dünkende Menge, die Zufälligkeit jeder Wahl und der hieraus einleuchtende Vorzug eines angestammten, „ehrlichen" Königs, all dies wird, von metaphysischen Sätzen unterstützt, in engem Rahmen glänzend dargestellt. Moral. Die Grundlage, auf welcher der Menschheit Ziel und Lebensform gegeben wird, ist die Ethik, im engeren Sinne die Moral. Diese gründet Nadeljteils auf Erkenntnis, teils auf Güte; in einer zusammenfassenden Darstellung würde er wohl die notwendige Vereinigung dieser beiden Elemente durchführen und vielleicht deren gegenseitige Bedingtheit nachweisen. Er unterscheidet eine erste Moral (Naturmoral), beruhend auf dem Wesen der Natur, die in ihrer Art immer moralisch, immer gerecht sei, also eine auf die Menschen nicht anwendbare, nur für Einen bestimmte Moral, sodann eine zweite Moral (Pflichtmoral), beruhend auf dem Willen zur grösseren Lust, unmoralisch und ungerecht, für eine Mehrheit von Menschen bestimmt; schliesslich eine aus dem Zusammenstoss der beiden hervorgehende dritte Moral, die dadurch entstehe^ dass der Stärkere dem Schwächem die zweite Moral anbefehle. Die Moral — das ist das Resultat — gibt es nicht: „Handelt wie ihr wollt, und ihr handelt wie ihr sollt. Ihr wollt die Moral? Ihr habt sie." — Jedoch auf diesem skeptischen Standpunkt bleibt Nadel nicht stehen, sondern nimmt ein Kriterium der wahren Moral, an, jetzt aber ein metaphysisches, nicht im Bereiche menschlicher Forderungen liegendes, nämlich die Güte. Das Produkt aus Erkenntnis und Güte, den beiden Grundbedingungen, ist also wiederum Güte. Welche Güte? Im folgenden zeigt es sich nun, dass Nadel JOSEPH OPPENHEIM ER. BERLIN. Dame in Grau. die Güte der Tat, die von Wahrheitssinn, Redlichkeit, liebevoller Anteilnahme bestimmte und ohne diese gar nicht mögliche Leistung meint, welche die Glückseligkeit selbst sei, während die Moral nur eine Vorstufe derselben bedeute. Vortrefflich ist Nadeis Ablehnung der verschiedenen Moralbegründungen, auf die ich hier nicht eingehen kann. Ein wenig befremdend wirkt die scheinbare Konzession an Nietzsche, die in der zu schnellen Abkehr vom Ursprung der Moralität zu deren Wirkung, der Tat, liegt. Hier waltet bei Nadel ein mystischer „Wille zum Kreis", der ihn stürmisch fortreisst, nachdem er ihm die Erkenntnis eingegeben: „Im Anfang war die Tat, in der Mitte die Moral; am Ende sei die Tat!"

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