Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1910)
- Article
- Aus vorletzten und letzten Gründen
- Date
- 1910-10-01
- Page
- Seite 633 - 634 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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633 Eduard Saenger: Aus vorletzten und letzten Gründen. 634 Chaotismus. Nun aber war bereits das unheimliche Wissen von der letzten Wahrheit im Chaos aufgedämmert. Der Mensch sieht kosmisch, also nicht wahr; der Denker kann ins Chaos eingehen. Der Lohn ist die Ueberwindung der Natur; die grosse Gefahr der Abgrund des Wahnsinns, in dem der Philosoph „charakterlos" wird. Jetzt sieht er die einzelnen Gegenstände als Teile der Gesamtmaterie, die Einzelvorgänge als einen einzigen Vorgang. Das Werden hört auf, das Sein beginnt. Erkannt ist das Ding an sich. Aus dem Scheinleben heraus ist der Geist zum wahren Leben auferstanden. Der Kreis vom Chaos zum Chaos ist vollbracht. Denn des Kindes Denken war chaotisch, in die Tätigkeit des reifen Geistes spielte immer etwas Chaos, d. h. Wirklichkeit hinein, und dem Weisen endlich erscheint die ganze Welt als Chaos. Wir, die wir zwischen Kosmos und Chaos, d. h. zwischen vorletzten und letzten Gründen schwanken, müssen, sobald wir philosophieren, jene beiden Wahrheiten auseinanderhalten, weil wir sonst zu Missverständnissen im Denken, zum Verzweifeln an der Wahrheit, zu Betrug und Blendwerk im Schaffen und kt der Erkenntnis gelangen. Denn Chaos und Kosmos ringen als Sein und Geist miteinander in allen Dingen: in der Natur, im Leben des Einzelnen, im Leben der Völker, in der Erkenntnis, in der Kunst, in der c Religion. — Ein letztes Wissen und Ahnen, welches sich nicht in gewöhnlichen Worten verdichtet, weil es eben der gewöhnlichen Erfahrung fremd ist, gibt Nadel am Schluss in der halb mystischen, unbewusst vom Geiste der Veden durchtränkten Dichtung: „Chaos und Kosmos". Hier eine erläuternde Ueb ersieht: Chaos und Kosmos. Das Chaos ist eine, wohl nach Gesetzen, aber nicht nach unsern Gesetzen, ewig kreisende Kugel im Nichts. Es ist das Sein an sich, an ihm ist alles. Kein Raum ist in ihm, keine Gegenstände — die schafft nur der Geist — kein Werden, keine Entwicklung, keine Ursache; nur Wirken. Aber es ist in sich veränderlich. Dehnbare Atome — freilich eine Unmöglichkeit — werden angenommen. Es ist rätselvoll: denn Geist und Sein sind Gegensätze. Und doch fasst der Geist das Sein im Gleichnis. Der Gegensatz aber war das Schrecknis der Geister. Daher die Mythen — und endlich das Verzichten auf Erkenntnis. Es gibt kein An-Sich. Was die Sinne nicht wahrnehmen, das ahnt der Geist: Das Wesen des Seins ist Wechsel und Wandel. Alles, was ist, ist Geist und Sein. Eins wird zum Andern, doch in bestimmten Grenzen; dem Stoff ist sein Weg vorgeschrieben. Wenn Sein zum Geist wird, dann sieht es dem Chaos ins Auge und sondert: Sprache, Zahl, Mass, Eigenschaften, Begriffe, z. B. Leben und Tod usw. So bildet der Geist den Kosmos, „das zweckvolle Weltall des Menschen". Das Mehr auf der einen Seite entscheidet und macht die festen Bestände, wie Gut und Böse, Leben und Tod, Leib und Seele, Gefühl und Gedanke, Schein und Sein. Diese Scheidung ist im Kosmos (in den vorletzten Gründen) notwendig. Ein Ding wird zum andern, d. h. es wechselt den Ort. Geist wird Sein, Tod wird Leben, Wirkung wird Ursache: Das ist der Kreislauf der Dinge. Wenn der Kosmos geschaffen, ist der Geist nicht am Ende seines Laufes, sondern erst am Anfang. Es folgt einerseits sein Triumph: der Optimismus; andrerseits sein Zweifel: der Pessimismus. Die Versöhnung der Gegensätze geschieht durch Erkenntnis der Einheit des grossen Getriebes, durch Erkenntnis der eigenen Schöpfernatur: Der Geist findet sich wieder im Chaos und baut als Selbstschöpfer, ordnend und waltend, aufs neue. Er weiss vom Chaos, vom Tode, erkennt sich als Gott, „lenkt sein Geschick wie am Faden". Neues Wissen vom Chaos: Dieser ist, wie er geahnt. Aber wir leuchten zu seiner Bahn. Wir schauen aus vorletzten in letzte Gründe. Wir gewinnen neue Einsicht in den Kreislauf: wir gewahren Teilgeburten, die der Vollkommenheit harren; wir wissen, dass wir uns hienieden wiederfinden, aber ohne Erkennung; denn das Alte ist „Geist dem Geist und Sein dem heutigen Sein". Das Sein überwindet uns alle. Bisweilen gibt es auch ein Erkennen: das ist die Liebe, die den Tod überwindet. Die „späten Seelen" sind solche, die sogar an einem Weltentag wiederkehren und ein seltsames Wissen von allen Dingen mitbringen. — So vertieft sich der Einblick in das Chaos, das ewige, das uns allgegenwärtig wird. MEMOIREN EINER OROSSMUTTER.*) Von Arno Nadel. Nachdruck verbown. Wenn man einem Andersgläubigen einen Begriff von echten Juden geben will, soll man ihm diese Lebensbeschreibung in die Hand geben. Wir finden in ihr die Tugenden und Schattenseiten, die guten und die schlechten Charaktereigenschaften der Juden. Und all dies in Symbolen dargeboten. Denn in diesen Blättern wollte eine wohlgestaltete, kluge, mit dem seltnen Sinn für das Normale begabte Seele Wahres erzählen und nichts weiter. Daher wäre es ein Fehler, wollte man undankbar diese Stücke auf ihren rein .*) Pauline "Wengeroff. Memoiren einer Grossmutter. Bilder aus der Kulturgeschichte der Juden Russlands im 19. Jahrhundert. H. Band. Verl. M. Poppelauer, Berlin. 1910. künstlerischen Wert hin prüfen. Man muss sie vielmehr so hinnehmen, wie sie uns dargereicht werden, eben als „Memoiren". (Doch möchte ich nicht unterlassen zu bemerken, wie selten Lebenserinnerungen zugleich ein Kunstwerk darstellen. Vielleicht kann man es überhaupt nur von drei Werken behaupten: Von den- Bekenntnissen des heiligen Augustinus, von Rousseaus Selbstbiographie und von Goethes „Dichtung und Wahrheit".) Als solche aber sind sie ein vortreffliches, aufrichtiges Dokument. Der erste Band ist vor zwei Jahren erschienen und s.Z. in „Ost und West", Dr. Theodor Zclocisti hat darüber geschrieben. Er enthält eine anschauliche Schilderung des jüdischen