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Ost und West · 1910-10-01 · Heft 10 (Oktober 1910) · p. Seite 627 - 628

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 10 (Oktober 1910)
Article
Aus vorletzten und letzten Gründen
Date
1910-10-01
Page
Seite 627 - 628 (sequence 1)
Language
German
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;627 628 AUS VORLETZTEN UND LETZTEN QRUENDEN. Von Eduard Saenger. Nachdruck verboten. Das vorliegende Buch1) von Arno Nadel ist kein Werk, das ein Programm oder eine fertige neue Weltweisheit in der unzulänglichen Form der Aphorismen verkündet, sondern es .spricht die Wahrheiten aus, die ein Denker auf dem Wegezur Erkenntnis gefunden hat und als Bausteine zu einem grösseren Werk dereinst verwenden wird: Wahrheiten, die in der Welt der menschlichen Vorstellungen wurzeln, und solche, die darüber hinaus an die Urgründe des Seins rühren. Und hierbei lässt der Verfasser — zur grössten Förderung des denkenden Lesers — immer wieder die Grenze zwischen dem Bereiche der vorletzten und dem der letzten Gründe vor dem Auge sichtbar werden. Eine sinnvolle Einteilung der Probleme führt Uns, trotz der Zufälligkeiten hei der Konzeption und trotz einzelner kleiner Fehlgriffe in der Einordnung, auf immer wachsender Basis empor zu jener Höhe, Von der aus alle Tiefe sich erst auf tut. Und hier spricht ein Mensch, dessen Rede sich mehr und mehr zur höchsten Einfachheit und Reinheit durchringt, dessen angeborner Sinn für die Rätsel des Seins schon in jungen Jahren hellseherisch geschärft war, der von menschlichen und, ich möchte sagen, von göttlichen Dingen mehr zu sagen weiss, als irgendein zeitgenössischer Denker. In einer glänzenden Einleitung stellt Nadel fest, dass wir, trotz der geistigen Höhe der Alten, mehr wissen, mehr können, mehr sind, weil ihre Schönheit und Weisheit in uns lebt und durch unsre Errungenschaften, die schliesslich nur dem Geiste dienen werden, dereinst gesteigert werden wird. Unser höheres Wissen betrifft vorerst die Gottheit, das Gebild unsrer ahnenden Seele, dessen Wesen die Tat ist, das Symbol unsres reineren Strebens: den „Rest". Sodann die Menschen, für die wir in unsrem Bewusstsein einen untrüglichen Massstab haben. Und wie Emerson Repräsentanten der Menschheit zeichnet, so charakterisiert Nadel die „grössten Menschen" und führt als solche die grössten Religionsstifter, Dichter, Künstler und einen Philosophen, im ganzen acht Männer, auf, die er als die „Schwärmer und hochmütigen Grübler" den erst in zweiter Reihe folgenden Männern der exakten Wissenschaft, den Erfindern und Entdeckern, die er ferner als Optimisten den Pessimisten gegenüberstellt. Das Ergebnis der Betrachtung ist, dass unser metaphysisches Wissen endlich zur Feststellung ewiger Wahrheiten, unser Wissen vom Menschen zur entschiedenen Sonderung der kleinen Menschheit der Schaffenden von der grossen Menschheit der Kaufleute gelangen muss. Die zeitlich auseinander liegenden Gedanken des Buches binden sich nicht streng an das Programm der Einleitung and sind dennoch getragen von deren Geist: dem Geist kühnen Aufwärtsstrebens, unbeirrter Wahrheitsliebe, eines ungetrübten Idealismus und ahnungsvollen Selbstvertrauens. Wir greifen, unabhängig von der gegebenen Einteilung, die wichtigsten vom Verfasser gegebenen Probleme heraus. Als Schaffender auf verschiedenen Gebieten der Kunst weiss er zunächst über diese manches treffliche Wort zu sagen. ') „Aus vorletzten und letzfen Gründen" von Arno Nadel. Verlag Egon Fleischel & Co. Berlin 1909. Preis brosch. 3,50 Mk., geb. 5,00 Mk. Kunst. Kunst definiert Nadel ihrem Wesen nach als „vermenschlichte Natur", ihrem Wirken nach, als „logische Phantasie". Ihr Gegenstand ist das ^Normale" im höchsten Sinne, die Ausnahme, das was dem Typischen zustrebt; dies also ist gleichbedeutend mit dem „Schönen", welches allerdings stets einer Erweiterung durch neue chaotische Elemente fähig ist. Die drei Mittel der Kunst: Bild, Ton und Wort, setzt Nadel in Beziehung zu der letzten und der vorletzten Erscheinungsform des Alls, nämlich zum Sein und zum Werden, und macht die Bildkunst zum Gleichnis des Seins, die Musik zu dem des Werdens, die Wortkunst zu dem des Seins und Werdens zugleich. Der Musik räumt er die erste Stelle unter den Künsten ein, weil sie das, was sie geben wolle, am realsten zum Ausdruck bringe, nämlich durch Bewegung. Die grossen Tonkünstler stehen auch da, woer vornehmlich an Kunst denkt, seinem Herzen am nächsten und empfangen aus seinem intuitiven Geist den echten Stempel ihres Wesens. Der Schaffende. Der Künstler in seiner Verallgemeinerung ist der höhere Mensch, derjenige, welcher der Menschheit neue, nicht praktische, sondern seelische Werte gibt: der Schaffende. Er ist eigenartig und redet doch wie das Volk; er ist schamhaft in seinen Gefühlen, streng und stolz in seinen Forderungen an sich selbst und sieht seine wichtigste Aufgabe in der Rettung und Verwirklichung der menschlichen Ideale. Der Weise. Ueber dem Schaffenden jedoch steht der Weise, der mit dessen Klugheit seine eigne Güte verbindet und durch ein inneres Mass, eine letzte Selbstüberwindung, der Gefahr des Geistes, dem Wahnsinn, entsprang. Seine Güte ist die Frucht der Erkenntnis: „Des Weisen Gewissen ist sein Wissen". Dieses Wissen ist das Kriterium des höheren Glückes, das sicherste Pfand der Seligkeit, sicherer als der Glaube, der ja nur ein vorweggenommenes Wissen ist. Zwar finden sich in diesem Abschnitt bei Nadel Nietzschesche Elemente, doch laufen die Grundideen auf einen Gegensatz hinaus; denn Nietzsche haftet an dem vom Willen zur Macht beherrschten Europa, Nadel dagegen sieht in Europa „nur eine Etappe im Leben der Menschheit" und erwartet das Heil von Asien, dem Ursitz der Weisheit. Mensch und Menschheit. „Der Mensch ist eine aus dem bewusstlosen Sein sich entringende Materie. Das Streben nach Wahrheit gehört zu den Wesenheiten seines Seins wie die Bewegung." Demnach ist der Weise, als derjenige, welcher mehr Erkenntnis (d. h. Wahrheit) besitzt, der höhere Mensch. Und so wäre er auch das Ziel der Menschheit, von der Nadel sagt, sie sei nicht um der Menschheit, sondern um des Menschen willen da. Im Menschen erreicht die schaffende Natur den Höhepunkt des Seins, im höheren Menschen ihr Ziel. Dieser ist nach Nadel der wahrhaft normale Mensch, während die andern — die ihm selbstverständlich nicht gleichwertig sind — nur Variationen vorstellen. In der Tat ist, die Auffassung des Normalen als des

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