Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1910)
- Article
- Das fünfzigjährige Jubiläum der Alliance
- Date
- 1910-08-01
- Page
- Seite 601 - 602 (sequence 8)
- Language
- German
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601 Mitteilungen der AUiance Israelite Universelle: Das fünfzigjährige Jubiläum der Alliance. 602 passte Chorgesänge an, und die Zeremonie endete mit einer spontanen Sympathiekundgebung für die Alliance; fast 50 neue Mitglieder wurden gewonnen. Der Nachmittag wurde ein Triumph für die Alliance und ihre Schulen. Es war eine glänzende nationale und internationale Kundgebung, das öffentliche Bezeigen der Achtung und Sympathie, mit der man allgemein die Alliance und ihr Schulwerk umgibt. Der Saal und die weiten Galerien des israelitischen Waisenhauses (Talmud Tora) waren schwarz von Menschen, doch war die Ordnung und Ruhe nicht einen Moment gestört. Unter den Anwesenden bemerkten wir viele hervorragende Persönlichkeiten: Mahmoud Muktar Bey, Vali des Vüajets, die Herren Colomies, Generalkonsul von Frankreich, Tewfik Bey, Direktor des öffentlichen Unterrichts, Nazmi Bey, Vorsitzender des Gemeindebezirks, der Erzdechant Valiadis, Präsident der griechisch-orthodoxen Kirche, der Stiftsherr Dom Mirzan, als Vertreter des katholischen Erzbischofs, die Leiter und Leiterinnen der muselmanischen, griechischen und armenischen Schulen, den Direktor der Tabakregie und Frau Cartali, türkische und armenische Priester, den Direktor der Gendarmerie und mehrere höhere Offiziere der Armee, die Vertreter des Comites „Einigkeit und Fortschritt", Herrn Pittabis, Direktor des griechischen Museums, Herrn G. Boubly, der ausgezeichnete Smyrnaer Advokat, den Direktor der „Reform" (französische Zeitung) usw. Nachdem von dem Musikkorps der Vereinigung der Rechadie-Marsch gespielt worden war, eröffnete Herr Mardochee Levy, Präsident des Gemeinderats, die Reihe der Vorträge. In geläufigem Türkisch ehrte er das Gedächtnis der grossherzigen Gründer der'Alliance. Er hob alles Gute hervor, das die Israeliten von ihr empfangen haben, er betonte ihre humanitäre und im ottomanischen Sinne patriotische Arbeit, die sie durch ihre Schulen in der Türkei geleistet hat. Ihm folgte der Schulleiter Herr Nabon auf die Tribüne. Dieser .gab in kurzen Worten ein Bild der geschichtlichen Entwicklung der AUiance und erinnerte an die Umstände, die ihre Gründung veranlasst hatten. Er wies an der Hand der Tatsachen, Zahlen und Urkunden auf die Grösse des von der AUiance begonnenen und ausgeführten Werkes hin, das in seiner Schönheit, Reinheit und Uneigennützigkeit dazu beigetragen hat, einem Volk das Gefühl seiner Würde wiederzugeben, ihm den Platz wieder zu erobern, der ihm in der Geschichte zukommt, ihm durch Erteilung von Unterricht und Erziehung zur Arbeit alle die Wege menschlicher Betätigung wieder zu eröffnen, die Bosheit und Fanatismus ihm versperrt hatten. Er zeigte, wie das ganze Trachten der Alliance darauf gerichtet wäre, aUe jüdischen Kinder, die ihr anvertraut sind, zu ehrlichen Menschen zu machen, die über ihrer Eigenliebe das Gebot der Nächstenliebe nicht vergessen, zu gewissenhaften und aufgeklärten Menschen von vornehmem Denken und hoher Gesinnung, aufrichtigen und überzeugten Patrioten. Die Rede machte auf das Publikum tiefen Eindruck. Der Dolmetscher der Gefühle der Dankbarkeit und unerschütterlichen Anhänglichkeit der ehemaligen Schüler und Schülerinnen der AUiance war der junge und rührige Präsident der Vereinigung, Herr N. Cori. In überzeugender R ede schilderte er die gegenwärtige Lage der Israeliten im Orient gegenüber dem Zustand, in dem sie sich ca. 40 Jahre früher befanden und betonte die riesenhaften Fortschritte des AUiancewerks, dessen Gründern und Fortführern er ehrerbietige Worte der Dankbarkeit widmete. Er gedachte auch unseres verehrten Präsidenten und aUer Lehrer, die den Sinn zahlreicher Generationen dem Unterricht und der Zivilisation erschlossen haben. Alle anwesenden ehemaligen Schüler und Schülerinnen applaudierten diesen Ausführungen mit Wärme. Alsdann erbaten das Wort ein griechischer Advokat, Herr Coudoleon, und Herr Pittakis, Direktor des griechischen Museums. Der erstere sprach griechisch, der andere französisch. Beide drückten in einer Ansprache voU erhebender Gedanken und Empfindungen den Tugenden des israeUtischen Volkes und dem erhabenen AUiancewerk ihre ehrfurchtsvolle Bewunderung aus., Die Anwesenden waren über dieses Lob ihrer beiden griechischen Mitbürger sehr erfreut und spendeten ihnen reichen Beifall. Die Vorträge nahmen ein Ende. Schüler und ehemalige Schaler betraten die Bühne und führten einige hübsche kleine Theaterstücke auf. Die jungen Schauspieler wurden stark applaudiert. Mitten in der VorsteUung ereignete sich ein bedeutungsvoUer ZwischenfaU: Herr Colomies, Generalkonsul von Frankreich, erhob sich und erklärte, dass in Antwort auf ein von der Vereinigung ehemaliger Schüler an ihn gerichtetes Schreiben der Minister der Auswärtigen Angelegenheiten in Frankreich, Herr Pichon, ihn gebeten habe, öffentlich auszusprechen, „welche Bewunderung er für das grosse Werk der AUiance empfindet, dass er mit wohlwoUender Aufmerksamkeit die täghchen Fortschritte in ihren Schul- und Lehrlingsanstalten beobachte, und dass er den zu Ehren der Fünfzigjahrfeier veranstalteten FeierUchkeiten glückUchen Verlauf wünsche." Diese Erklärungen des Herrn Colomies wurden mit einem wahren Beifallssturm aufgenommen. Es war ein Augenblick hoher Begeisterung, und während die Musik die Marseülaise anstimmte, Hess jedermann in der Bewunderung und herzhehen Sympathie für das Land, das zuerst unsren Brüdern Bürgerrechte gewährt hat, seinen Gefühlen freien Lauf. Der französische Generalkonsul war sichtlich bewegt von dieser spontanen Kundgebung. Zum Abschluss der FeierUchkeiten Avurde am Abend in dem gleichen Saal von der Vereinigung und dem Verein „Bonne Volonte" ein Bankett zu 120 Gedecken veranstaltet. Man war so Uebenswürdig, hierzu den SchuUeiter und die Leiterin, die Lehrer und Lehrerinnen der AUiance einzuladen. Es war eine intime, elegante GeseUschaft. Die Damen waren zahlreich erschienen. Von neuem wurden schöne und rühmende Worte zu Ehren der AUiance, ihrer Schulen und ihres Personals gesprochen. Wir heben besonders den schmeichelhaften Trinkspruch des armenischen Advokaten Herrn Boubly hervor, der ein grosser AUiancefreund ist. Auf unsere Glaubensgenossen, sowie auf unsre nichtisraeUtischen Mitbürger haben alle diese FestUchkeiten grossen Eindruck gemacht. Alle Zeitungen haben darüber geschrieben, aUe haben Notiz genommen von der aUgemeinen Anerkennung und Bewunderung, die der AUiance bei diesem Anlass zuteil wurde; alle haben ihre zivüisatorischen Ziele, ihr uneigennütziges Wirken gerühmt und haben anerkannt, dass die Kinder der AUiance würdige Kinder des ottomanischen Vaterlandes sind. In diesem Konzert von Lobeserhebungen war keine abweichende Stimme zu hören. Adout. Die Gemeinde von Smyrna hat an das Central- Comite folgenden Brief geschrieben: Wie wir in unsrem Telegramm vom 22. Ihnen bereits mitgeteilt haben, hat unsere Gemeinde mit unbeschreiblicher Begeisterung und Freude das Jubüaum des fünfzigjährigen Bestehens der AUiance gefeiert. Die ganze Gemeinde hat es für ihre Pflicht gehalten, durch eine Reihe festUcher Veranstaltungen ihre Dankbarkeit denen gegenüber zu bezeugen, die Ihnen in der Ausführung Ihrer vornehmen und hochherzigen Arbeit während eines halben Jahrhunderts beigestanden^haben, einer Arbeit, der die Gemeinden des Orients und Afrikas ihre inteUektueUe und soziale Wiedergeburt und die Erkenntnis ihrer Pflichten gegen die Judenheit und das Vaterland verdanken. Die Wiedergeburt, die sich bei uns dank Ihren Schulen vollzogen hat, hat sich auch auf die NichtisraeUten erstreckt. Darum ist Ihr Werk als ein Verdienst nicht nur um die Judenheit, sondern um die ganze Menschheit überaU gepriesen worden. Es ist uns Ehrensache, für die zahUosen Wohltaten, mit denen Sie uns überhäuft haben, Ihnen ewige Dankbarkeit zu bewahren. Wir werden vor keiner Anstrengung, vor keinem\Opfer zurückschrecken, um uns unsrer edlen und grossherzigen Mutter AUiance würdig zu zeigen. Wir bitten Sie, bei Ihren ausgezeichneten Mitarbeitern der Vermittler unseres Dankes zu sein, und indem wir unsre Wünsche für Ihre baldige Genesung wiederholen, versichern wir Sie, Herr Präsident, unsrer tiefen und ehrerbietigen Ergebenheit. Für den Gemeinde vorstand: Der Grossrabbiner Der Vorsitzende: J. B e n s i g n o r. Mardochee Levy.