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Ost und West · 1910-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1910) · p. Seite 599 - 600

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1910)
Article
Das fünfzigjährige Jubiläum der Alliance
Date
1910-08-01
Page
Seite 599 - 600 (sequence 7)
Language
German
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599 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Das fünfzigjährige Jubiläum der Alliance. 600 In der Synagoge nahmen der Grossrabbiner, unser hebräischer Lehrer und der Präsident des Comites abwechselnd das Wort. Sie sprachen von den Segnungen des Unterrichts, von dem Wirken der Alliance im Orient und anderwärts und richteten zugunsten Ihres Werkes einen warmen Aufruf an die Versammlung. Nach dem Gottesdienst eilte die Menge nach der Schule, um der angekündigten Feier beizuwohnen. Die am Eingang postierten Gendarmen hatten Mühe, den Menschenstrom zu ordnen, der sich gewaltsam in den grossen Saal ergoss, in dem wir die Bühne hergerichtet hatten. In wenigen Augenblicken war der Saal gefüllt. Die überzähligen Zuschauer verteilten sich bald auf die anstossenden Räume, Fenster und Türen waren von Menschen besetzt, teilweise wurden auch die Treppen gestürmt. Dem Lärm, der grossen Versammlungen vorauszugehen pflegt, folgte auf ein Glockenzeichen, das den Beginn der Vorstellung anzeigte, allgemeines Schweigen. Alle Augen richteten sich auf die Bühne. Die Anwesenden folgten dem ausdrucksvollen Vortrag der Gedichte mit wachsendem Interesse und grosser Bewegung. Die Schüler spielten lebendig und mit bemerkenswerter Geläufigkeit Stücke in französischer, türkischer und hebräischer Sprache. Sie ernteten reichen Beifall. Manche Leute konnten ihre Bewegung nicht zurückhalten und vergossen Tränen der Rührung. Der Feier wohnten auch einige Türken bei. Ich kann den Eindruck, den sie von ihr erhalten haben, nicht besser ausdrücken, als durch die Wiedergabe folgender Worte, die sie einem Glaubensgenossen gegenüber aussprachen: „Welches Verfahren wendet ihr Juden an, um zu so guten Schulen zu gelangen?" T a g g e r. Saffi (Marokko). Am Montag, dem 2. Mai, nachmittags 4 Uhr, haben wir in der Knabenschule das fünfzigjährige Jubiläum der Alliance gefeiert. Ausser den Zöglingen der beiden Schulen und deren Verwandten sind viele Gemeindemitglieder unsrer Einladung gefolgt, um mit uns diesen denkwürdigen Tag zu feiern. Einige Damen machten uns das Vergnügen — was in Saffi bisher noch nicht vorgekommen ist — durch ihre Anwesenheit unser Fest zu verschönern, das einfach aber von würdiger Feierlichkeit war. Dank seines religiösen Charakters war es am besten geeignet, die Gesinnung unsrer Glaubensgenossen kundzutun, die den hohen Wert des AUhnce-Werks zu verstehen beginnen. Nachdem ich den Anwesenden für ihr zahlreiches Erscheinen gedankt hatte, stimmte ein von unsren Schülern gebildeter Chor einen der Gelegenheit angepassten Psalm an. Darauf wurde das Minchagebet gesprochen, nach dessen Beendigung Herr Barchechat in jüdisch-arabischer Sprache eine Rede hielt, in der er an die schmerzlichen Ereignisse erinnerte, die die Gründung der Alliance hervorgerufen haben, an die bescheidenen Anfänge der Gesellschaft, die von glänzendem Erfolg gekrönt waren, an die vielen Wohltaten, die sie den leidenden Juden aller Länder erwiesen hat und erweist. Er hob hervor, dass die Alliance es gewesen ist, die tausende unsrer Glaubensgenossen, die durch grausame Verfolgungen zu materiellem und sittlichem Verfall gebracht worden waren, durch ihr Schulwerk wieder emporgehoben hat. Er benutzte die Gelegenheit, um die Gemeinde von Saffi aufzufordern, jedes Opfer zu bringen, um den Fortschritt des Werkes zu sichern, an dem die Alliance sie teilnehmen lässt. Er verfehlte auch nicht, die Eintracht in der Gemeinde zu predigen, die im Interesse aller Gemeindemitglieder liege und nötig sei, um wirksamen Anteil an dem grossherzigen Werk der Alliance zu haben. Er forderte die Anwesenden auf, mit ihm einzustimmen in den Ruf: „Hoch die Alliance! Hoch Leven!" Ein begeistertes Echo gab diese Worte unter lebhaftem Beifall zurück. Die Feier fand heitern Abschluss. Von den Zöglingen beider Schulen wurden Lieder vorgetragen, während Erfrischungen gereicht wurden. Selame. Smyrna. Wenn man aus den zahllosen Feierlichkeiten der letzten Tage einen Schluss ziehen kann, so ist es der, dass die Alliance mehr als jemals geliebt wird, dass die Schulen der Alliance die einzigen sind, auf die man hofft und zu denen man Vertrauen hat, die einzigen, die geeignet sind, um die israelitischen Kinder zu irgendeinem Beruf vorzubereiten. Das sind die Gesinnungen und Meinungen, die in allen Reden zutage getreten sind, in allen Ansprachen, die Rabbinen, Gemeindevorsteher und Vertreter von jüdischen und nichtjüdischen Institutionen anlässlich der Jubiläumsfeier gehalten haben. Die israelitische Gemeinde von Smyrna hat ihre Ehre darin gesetzt, eine glänzende Kundgebung als Zeichen ihrer Erkenntlichkeit und Treue gegen die Alliance zu veranstalten. Es sei vorweg bemerkt, dass alle Vereine, welcher Art sie auch seien, sich vereinigt hatten in dem Wunsch, der grossen Organisation, aus der sie hervorgegangen sind, den Beweis ihrer Sympathie und ihrer Dankbarkeit zu erbringen. Alle Wohltätigkeitsvereine, Vereine für Krankenhilfe, zur Förderung des Unterrichts, für Armenhilfe wi^n bei der Feier vertreten, ferner die Vereinigungen ehemaliger Schüler und Schülerinnen. In Gemeinschaft mit dem Gemeindevorstand arbeiteten sie ein Programm für die Feierlichkeiten aus, die in ihrer Schlichtheit nicht der Grösse ermangelten: der grosse Tag wurde grossartig gefeiert. Am Morgen des 22. Mai, gegen 9 Uhr, begaben sich mehr als 200 Kinder, die Musik der Vereinigung voran, im Zuge nach dem Tempel von Caratache (Vorstadt von Smyrna). Unsere Schüler wurden während des ganzen Weges von der Bevölkerung freudig begrüsst, von den Balkons wurden ihnen Blumen herabgeworfen. In Anwesenheit eines grossen Publikums fand eine imposante religiöse Feier statt. Nachdem die Kinder das „ma tobu" gesungen hatten, verlas der Grossrabbiner Bensignor eine Rede, die ein geschichtliches Gedenkblatt in der Entwicklung der Gemeinde von Smyrna bildet. Es mögen hier einige Stellen dieser wichtigen Ausführungen wörtlich wiedergegeben werden: „Irgendwelche Personen schreien und sagen, dass die Tätigkeit der Alliance, vom rein zivilisatorischen Gesichtspunkt undiskutierbar ist, im Hinblick auf das Judentum ist sie unheilvoll gewesen. Die so reden, behaupten^ dass es die Alliance ist, der Geist, den sie in ihren Schulen verbreitet, dem die Indifferenz der jüngeren Generation gegenüber den religiösen Pflichten zuzuschreiben ist. Wir müssen gegen diese Auslassungen energisch protestieren, die mir, als geistlichem Oberhaupt, wenn ich sie für begründet hielte, nicht gestatten würden, die Alliance zu loben. Wäre diese Behauptung zutreffend, so würde ich mich entschuldigt haben, das Wort hier nicht ergreifen zu können. Aber alle Israeliten ohne Ausnahme müssen und können die Alliance segnen, die uns soviel Gutes getan hat. Es ist gewiss, dass seit dreissig Jahren eine beklagenswerte Tatsache die Aufmerksamkeit aller gläubigen Israeliten auf sich lenkt, nämlich die Verminderung der Zahl der Gläubigen in den Tempeln. Aber ist es denn die Alliance, der wir diesen bedauernswerten Zustand zuschreiben dürfen? Nein. Gibt es etwas in ihrer Unterrichtsmethode, das unsere Kinder zu Zweiflern macht und sie der religiösen Betätigung entfremdet? Nein, tausendmal nein. Die Behauptung derjenigen, die die Alliance verleumden, könnte einen Schein von Berechtigung haben, wenn es nur die Zöglinge der Allianceschulen wären, die den Tempel meiden. Aber blicken Sie um sich, und Sie werden sehen, wieviel Personen, die niemals einen Fuss in eine Allianceschule gesetzt haben, den Weg in die Synagoge nicht mehr finden. Viele Gründe erklären dieses Uebel, und einer von ihnen ist der Mangel an Initiative, um es zu bekämpfen usw. „Abgesehen von allem Guten, das wir der Alliance schulden, hat sie viel dazu beigetragen, der jüngeren Generation eine tiefe Zuneigung zum Judentum einzuflössen. Diese Zuneigung, durch das Beispiel und den Unterricht der Alliance hervorgerufen, hat eine Bewegung geschaffen, deren Wirkung sich überall wie auch bei uns fühlbar macht. Es ist der allseitig vorhandene gute und rühmliche Wille, Israels Ansehen wieder zu heben, die sprichwörtliche Mildtätigkeit der Israeliten zu entfalten. Wie viele grossartige Einrichtungen müssen wir der Tätigkeit der Alliance zuschreiben!'* Nachdem der Gfossrabbiner das Seelengebet für die verstorbenen Gründer und Wohltäter der Alliance gesprochen hatte, verlas der Rabbiner Abulafia ein Gebet für die Alliance. Aufs neue stimmten unsere Schüler abwechselnd mit denen der Talmud Tora und den Rabbinen der Gelegenheit ange-

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