Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1910)
- Article
- Das fünfzigjährige Jubiläum der Alliance
- Date
- 1910-08-01
- Page
- Seite 593 - 594 (sequence 4)
- Language
- German
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593 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Das fünfzigjährige Jubiläum der Alliance. 594 fünf Jahren in Cavalla besteht. Ich Hess erkennen, dass noch manche Lücke in dem System unsrer Schuleinrichtungen vorhanden ist, und richtete warmen Appell an alle Wohltätigkeitsgesellschaften dahin, alle Kräfte, zu vereinigen, um dem Schulcomite bei der dringend notwendigen Gründung eines Kindergartens behilflich zu sein, auch die Schaffung von Abendkursen zu unterstützen, die für die Kinder bestimmt sein sollen, die uns mitten im Jahr verlassen,. um sich der Tabakbearbeitung zu widmen. Endlich hielt Herr Florentin im Namen des Gemeindevorstands eine schwungvolle Rede und kündigte an, dass dieser geneigt sei, eine Sammlung für den Bau eines Kindergartens und eines Wohnhauses für die Direktoren der Allianceschulen zu veranstalten. Dieses neue Gebäude solle an der Vorderseite einen Gedenkstein erhalten, auf dem das Datum des unvergesslichen Tages, des 1. Mai 1910, verzeichnet ist. Von Knaben und Mädchen unserer Schulen wurden zwei kleine Theaterstücke, das eine in französischer, das andere in türkischer Sprache, vorgetragen. Die beiden Stücke wurden sehr hübsch dargestellt, besonders das türkische fand bei den Zuhörern ausserordentlichen Beifall. Die Anwesenden' waren überrascht und erfreut über die Fortschritte in der türkischen Sprache, die in unsren Schulen in so kurzer Zeit erreicht worden sind. Sie beglückwünschten die jugendlichen Darsteller und die Lehrer zu diesem Erfolg. Die Vorstellung wurde nach dem ersten Akt durch den Gouverneur unterbrochen, der seine Freude nicht länger zurückhalten konnte und eine Rede hielt, in der er seine vollkommene Hochachtung allen denen aussprach, die an dem Fortschritt unsrer Schuleinrichtungen arbeiten. Er sagte uns, dass er glücklich wäre, festzustellen, wie grosse Mühe die ottomanischen Juden aufwenden, um ihre Kinder die Landessprache zu lehren. Diese Anhänglichkeit an die Nationalsprache verdankten sie ihrer Vaterlandsliebe. Das Ziel, das die Israeliten in ihren Schulen verfolgten, so, wie es sich heute vor ihm offenbart hätte, sei sehr deutlich, nämlich: ihre Kinder durch rein ottomanische Erziehung zu Ottomanen zu machen. Das befestigt nur die hohe Meinung, die jedermann in der Türkei von der Arbeitsamkeit und Intelligenz des jüdischen Volkes hat. „Fahren Sie fort," so schloss er, „auf dem eingeschlagenen Wege. Die Erziehung, die wir den neuen Generationen angedeihen lassen, sei ottomanisch, echt ottomanisch, denn von ihnen wird der Ruhm und die Grösse des ottomanischen Reiches ausgehen. Mit dem Beginn der konstitutionellen Aora sind Ihre Arme frei. Ihre ererbten Fälligkeiten, Ihre Intelligenz wird nicht säumen, sich hier die Stellung zu erringen, die Ihre Glaubensgenossen im Westen heut einnehmen. Sie werden die ersten Faktoren der wirtschaftlichen Wiedergeburt des Landes sein. Ich sehe mit lebhaftem Vergnügen, dass Sie die erste Bedingung zu Ihrer Erhöhung, nämlich das Studium der türkischen Sprache, mit Aufmerksamkeit und Sorgfalt erfüllen. Die Fortschritte, die Ihre Kinder in dieser Sprache gemacht haben, überraschen mich, und ich glaube, dass Ihre Schulen den anderen Schulen der Stadt zum Muster dienen können. Ich beeile mich, dem Direktor und dem Personal meine aufrichtigen Glückwünsche auszusprechen, dass sie es verstanden haben, derartige Resultate zu erzielen." Die Worte des Redners, die auf die Anwesenden tiefen Eindruck gemacht hatten, fanden reichen Beifall. B a s s a t. Konstantinopel. Das fünfzigjährige Bestehen der Alliance wurde am Sonntag, 15. Mai, in der neuen Schule zu Galata, deren Einweihung von dem Schulcomite auf diesen Tag festgesetzt worden war, festlich begangen. Von dem Landescomite war ein aus vier Mitgliedern bestehendes Organisationscomite eingesetzt worden, das alle Massnahmen ergriffen hatte, um die Feier glanzvoll zu gestalten. In angemessener Weise sollte die Sympathie und Anhänglichkeit einer der grössten jüdischen Gemeinden des Orients gegenüber der Alliance zum Ausdruck gebracht werden, die sich die vornehme und grossartige Aufgabe gestellt hat, die ottomanische Judenheit kulturell zu heben. Mehr als 1200 Einladungen waren an die Mitglieder der Alliance, an die Notabein der verschie-denen Vorstädte und an die Behörden ergangen. Mit den Damen, die an dem Fest teilnahmen, hatten wir auf mehr als 2000 Personen zu rechnen. Das Organisationscomite beschloss nach vielem Zögern, die Doppelfeier in dem grossen Schulhof zu begehen, der für diesen Zweck von Herrn Robert Levy mit vielem Geschmack ausgeschmückt wurde. Teppiche, Behänge, Fahnen und Blumen in verschwenderischer Fülle hatten ihn in einen richtigen orientalischen Salon verwandelt. Der Beginn der Feier war auf 10 Uhr morgens festgesetzt. Unglücklicher weise hatten wir schlechtes Wetter. Es hörte nicht auf zu regnen, und wir waren gezwungen, den Hof, der eine Art Vorzimmer geworden war, zu verlassen. Wir schmückten schleunigst unsren Speisesaal aus, damit wir den hervorragenden Gästen, die zu dem Jubiläum erschienen, Platz schaffen konnten. Ungeachtet dieser Widerwärtigkeiten und des engen Raumes, über den wir verfügten, hatten über 600 Personen in dem für die Feier hergerichteten Saal Platz genommen. Ungefähr 400 blieben draussen unter dem verdeckten Spielplatz. Unter den Anwesenden bemerkte man den Gesandten der Vereinigten Staaten von Amerika, Herrn Oskar Strauss, mit seiner Gemahlin, den Militärgouverneur von Pera, Oberst Mohieddin Bey, den Vorsitzenden des sechsten Gemeindebezirks, Vertreter der französischen Alliance,*) die Redakteure und Korrespondenten der Lokalblätter, Senatoren und die israelitischen Abgeordneten und das ganze Lehrpersonal. Die Militärmusik von Erthogrul, die uns der Marineminister liebenswürdigerweise zur Verfügung gestellt hatte, hatte am Eingang der Hauptpforte Aufstellung genommen und spielte die schönsten Stücke ihres Repertoires. Ein Chor von 125 jungen Mädchen, aus den fünf Schulen der Alliance zusammengesetzt, hatte sich unter dem Verdeck gruppiert. Mit ihren weissen Kleidern und roten Schärpen, die mit dem weissgestickten Embleme der Alliance geziert waren, boten sie einen reizenden, vielbewunderten Anblick. Der Musiklehrer Ihrer Schulen, Herr Goldenberg, dirigierte den Chor, der von einem Klavier und sechs anderen Instrumenten begleitet, fünf Lieder sang, denen das entzückte Auditorium reichen Beifall spendete. Der Grossrabbiner der Türkei eröffnete die Feier mit einigen Ausführungen in hebräischer Sprache. Er sprach von der Bedeutung der Alliance, von der Rolle,, die sie seit 50 Jahren gespielt hat, von der Zukunft, die der Gemeinde durch die neuen und hygienischen Schuleinrichtungen der Alliance geboten ist. Er schloss mit einem heissen Gebet für den Landesvater, worauf die Musik den Kaisermarsch spielte. Der Advokat Daud Russo, einer der fähigsten Schüler unsrer Schule in Smyrna, bestieg nun die Tribüne und sprach der Versammlung von dem erhabenen Werk der Alliance, von den durch ihre Schulen erzielten unschätzbaren Resultaten. Ihr Verdienst sei die durch Erziehung und Unterricht, bewirkte radikale Umwandlung der neuen Generationen, einer Umwandlung, die notwendig die unerschütterliche Anhänglichkeit der Juden an die Einrichtungen unsres. teuren Vaterlandes zur Folge haben musste, und die das Bestreben weckte, zur Blüte und Stärke einer freien und aufgeklärten Türkei beizutragen. — Ich verlas im Namen des Herrn Tedeschi, der von schwerer Krankheit soeben genesen war, dessen Rede. Endlich hielt Herr Grossrabbiner- Nahum das Publikum 20 Minuten lang durch seinen Ibilderreichen Vortrag gefesselt. Er sprach von der tiefen Einwirkung des Allianceschulwerks auf die israelitischen Familien, und hob seine Bedeutung für die weibliche Jugend hervor. Die jungen Mädchen würden später als Mütter ihren Kindern die Prinzipien einer höhern und gesunden Moral einschärfen, die sie selbst einst auf den Bänken der- Alliance gewonnen haben. Mittags war die Feier zu Ende. Das Publikum begab sich, Herrn Nahum folgend, in alle Etagen und besichtigte eingehend sämtliche Klassen, Säle und Nebenräume. Man war entzückt von dem herrlichen Schulgebäude, das die Gemeinde dank dem von der Alliance bewilligten Darlehn hat errichten lassen können und von. der unvergesslichen Feier zum Gedächtnis des fünfzigjährigen Bestehens der Alliance, der mächtigsten jüdischen Institution, die das 19. Jahrhundert hat entstehen sehen. Benvenist e. *) Eine nichtjüdische Gesellschaft mit Sitz in Paris,., die eine Anzahl Schulen in den französischen Kolonien und_ sonst im Ausland gegründet hat.