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Ost und West · 1910-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1910) · p. Seite 581 - 582

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1910)
Article
Die Märtyrer von Berlin
Date
1910-08-01
Page
Seite 581 - 582 (sequence 11)
Language
German
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581 3. Samuel: Die Märtyrer von Berlin. Den Märtyrern von 1510 sollte aber nachträglich eine Genugtuung zuteil werden. Rabbi Joselmann von Rosheim, der noch nicht genügend gewürdigte und heinahe vergessene Fürsprecher deutscher Juden im 16. Jahrhundert, erzählt in seinen Memoiren die allerdings von keiner andern Seite bestätigte Tatsache, dass kein geringerer als Philipp Melanchthon, auf der Frankfurter Fürstenversammlung vom Frühjahr 1539, wo auch von den Juden die Rede war, bekundet habe, dass die Juden im Jahr 1510 unschuldig verbrannt worden wären. Paul Fromm hätte nämlich in der Beichte seinem Pfarrer gestanden, die Juden fälschlich bezichtigt zu haben, der Pfarrer habe davon alsbald seinem Vorgesetzten, dem Bischof Hieronymus von Brandenburg, Mitteilung gemacht,: um einen Justizmord zu verhüten. Kraft seines Amtes jedoch habe der Bischof dem Pfarrer Schweigen geboten. Als Zeugen zitierte Melanchthon Martin Butzer, den grossen Judenfeind, der zusammen mit zwei Strassburger Edelleuten, die am Frankfurter Tag teilnahmen, sich von der Wahrheit seiner Behauptungen überzeugt hatte. — Es ist zu bemerken, dass alle sonstiger Relationen Joselmanns von der Kritik als streng wahrheitsgetreu anerkannt worden sind. Im Jahr 1873 schrieb der Hofrat L. Schneider, Vorleser Kaiser Wilhelms I. (Schriften des Vereins zur Geschichte der Stadt Berlin, 8) über den Prozess von 1510: ,,Man kann sich des Schauderns nicht erwehren, wenn man die Beschreibung dieser Prozedur in den schlichten Worten des alten Chronisten Angelus liest: Dieser fürchterliche Hohn weitläufiger Formalitäten den unglücklichen, von der Folter zur Verzweiflung getriebenen Juden gegenüber, diese fanatische Gier nach dem Blut Andersgläubiger, Andersdenkender, denen man die unglaublichsten, abenteuerlichsten Dinge aufbürdete und sich dazu berechtigt glaubte, nur weil sie keine Christen waren. Gott sei Dank, diese Zeiten sind vorüber, lange vorüber, und wahrlich, nicht ebenso vieler Jahre wird es bedürfen, um auch die letzten Schlacken ungerechter Vorurteile abzustreifen. Wie urteilen wir über das, was die Juden vor 363 Jahren an körperlichen Qualen erdulden mussten, und wie werden unsere Nachkommen über das urteilen, was sie in späterer Zeit an Vorwürfen, Zurücksetzungen und Anschuldigungen geistig ertrugen? Aber sie haben auch Worte des Trostes, der Hoffnung und des guten Willens gehört, und diese Worte sind, zur Ehre wahrhaft christlicher Gesinnung, Wahrheit geworden." — Vorläufig allerdings noch nicht. Und wir Juden werden gut tun, solchem edlen Optimismus einige Skepsis entgegenzubringen. Uns jedoch geziemt es, in weihevoller Stunde mit der Erinnerung bei jenen Heimgegangenen zu verweilen, und ihre stillen, tapferen, reinen Seelen herauf zurufen. Die für ihren Glauben starben, nennt man Märtyrer. Das ist ein dem urkirchlichen Sprachgebrauch entnommenes Wort und bedeutet Zeugen. Die Märtyrer legen durch ihren Tod Zeugenschaft ab, dass ihr Bekenntnis wahr sei. Die jüdische Auflassung ist das nicht. Die Wahrheit wird nicht um eine Nuance wahrer, wenn hunderttausend Menschen sich für sie opfern. Und Gott bedarf nicht, dass die Menschen für ihn zeugen. Aber alle, die ihr Leben hingaben, um den Namen Gottes nicht zu entweihen, um ihr Bekenntnis nicht zu verleugnen, um den Namen Gottes zu heiligen, sie haben für sich •selbst Zeugenschaft abgelegt.. Ihr freiwilliger Tod bewies, dass ihnen das Leben nur unter der Bedingung lieb war. 3v-en>& *kiliixvv(kniJiQl|^sehiT^i»t[eiß Besitz gewisser geiziger/ ^^^ewn^iBoflspndte^ijdldd ihnen teurer waren alsT.d^snbfitoaöilMnft ^He^hgenbdiwx Juden seit iinvordenkli^enoÄ^ßnxiam Itaebdhilrioa^hdtl trotzdem war ihnen däsiii^enbdlsiiijQÜtefoej^Mstiefe nicht. Sie streiften es ahr/l^h^e 2MgßFn,'i;fi»öiiigfi[iiml> unter Gesängen, wrenn eil «©wjeitr jgefesöimehj'iwgB^ dass sie es nur umdiePreisgäl^idesstffl^'köuieiijtonfHwri^ was ihnen das Wertvollste war. Und das ist die wahrhaft heroische Auffassung des Daseins. Wehe denen, die hier auf Erden nichts mehr besitzen, als ihr bischen Leben, die nichts haben, wofür sie freudig dieses Leben hinzugeben bereit $i»<jh[ Unsere Vorfahren waren so arm nicht. Sie wussten wohl, dass die Welt Schätze birgt, die köstlicher sind, als das irdische Leben. Und einen dieser Schätze zu besitzen waren sie sicher. Das war ihr GlaufeeP^SoMm sie diesen nicht mehr bekennen durften, hSrt^^is fl3§iföj9£* das sie sonst so liebten, auf, für sie einen l^itei^h^fr^ und sie starben gern. Und wie starbsde'tobihHrä Angesichte des Todes sangen sie: „DarqHriihtfffeiv wir zu dir, Ewiger, unser Gott, alsbald die H^föJ^hjjg&fii deiner Kraft zu erblicken, da die Götzen von d§r<jErde verschwanden und die W7elt verjüngt wird -dugcj^ das Reich Gottes". Das ist nicht nur Todesverachtung das ist Todesüberwindung. Diese Menschen hatten gewiss ihre grossen Fehler. Vor allem waren sie8'tfff| ästhetisch. Ihre Kleider hatten einen hässlicHra Schnitt. Beim Gebet schrien sie zu laut. Sie hattet nichts von der Eleganz und der Tapferkeit etwa derr damaligen Ritterschaft. Jeder christliche, Strassenjunge durfte sie anspeien und ihnen zurufen: „Mach Mores, Jud!" Sie verstanden nicht zu leben. Aber sie verstanden zu sterben. Vornehm und mit Würde zu sterben. Wie es den Nachkommen der Patriarchen, Propheten und Lehrer geziemte. Jene Berliner Juden, die, mit eisernen Balken an den Scheiterhaufen geschmiedet, während die Flammen emporztingelten, „nit allein gesungen unn gelacht sunder auch zum teyl gesprungen unn geiugzt" und mit „grosser bestendigkeit den todt gelitten haben, den pawvelligen Christenn zcu sundern erschrecken"; jener Sternberger Aron, von dem wir nichts weiter wissen, als die stolzen, ruhigen Worte, an den Herzog Magnus gerichtet, die uns ein geschmackloser und naiv-roher Feind als „sophistisch schneidend" überliefert, während er, den Märtyrern wider Willen huldigend, hinzufügt, dass sie „ohne Widerstreben und Tränen zum Tode gingen, und unter alten heiligen Gesängen ihr Leben aushauchten", — sie waren grössere Helden, als alle jene todesmutigen Ritter und Kämpen, die im Getümmel der Schlacht, mitten im Pfeifen der Kugeln und in dem Rauschen der Fahnen und Blitzen der Schwerter ihr Leben wagten. Jene Juden wussten, dass ihrer keine Kränze, von schöner Hand dargereicht, harrten, keine Siegessäulen und keine Festspiele. Sie hatten auch keine bewundernden Zuschauer. Nur Einer sah ihr Leiden, das wussten sie, und das genügte ihnen. Kein Wort des Hasses kam in der Stunde des qualvollen Todes über ihre Lippen. Schon in dem wunderschönen Midrasch. von den „Asarah haruge malchuth", dem ältesten, jüdischen Martyrologium, ist das ersichtlich. Sie starben ruhig "und fröhlich. Fröhliche Menschen hassen nicht und schnauben nicht nach Rache. „Wir hoffen zu dir, Ewiger unser Gott, alsbald die Herrlichkeit deiner Macht zu sehen, da die Götzen von der Erde A^erschwinden und die Welt verjüngt wird durch das Reich Gottes, da alle Sterblichen deinen Namen

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