Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1910-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1910) · p. Seite 579 - 580

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1910)
Article
Die Märtyrer von Berlin
Date
1910-08-01
Page
Seite 579 - 580 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2583875-2583993-2584002-2595250--10809-2595406
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

579 B, Samuel: Die Märtyrer von Berlin. 580 gesprochen, indem er sagte, dass die Massen gerne ihren eigenen Glauben hinausprojizieren und bei den Andersgläubigen vermuten. Da man von der Zauber- und" HeOitraft des Menschenblutes fest überzeugt war (und noch ist), so war man auch fest überzeugt, dass die Juden es zu allerlei geheimen Zaubereien und religiösen Zeremonien gebrauchten. Eine Betrachtung der Hostienschändungsprozesse bestätigt diese-Hypothese Stracks. Solange in der Christenheit der Glaube an die wundertätige Kraft der Hostien und des „Heiligen Blutes" lebte, wanderten Juden wegen deren angeblicher Schändung auf den Scheiterhaufen. Und so oft äussere Ursachen die Wogen des Hasses aufpeitschten, tauchte die Beschuldigung auf, — eine kräftige Waffe im Kampf gegen die Juden. Ganz wie heutzutage [die Blutbeschuldigung. Dem auftauchenden Judenhass in Ungarn verdankte die angebliche Hinschlachtung der Esther Solimossy in Tisza-Eslar ihren Ursprung. Da hatten die Juden am hellichten Tage in der Synagoge das arme Opfer abgeschlachtet und ihm das Blut abgezapft, während ein zwölfjähriger Junge, der leibliche Sohn des Hauptmissetäters, durchs Schlüsselloch zuschaute. Mitten in der Hochflut des Antisemitismus in Deutschland „verübten" die Juden Knabenmorde zu Xanten und Könitz. Und als die Wiener christlichsoziale Bewegung, in deren Arsenal die Blutbeschuldigung seit jeher in vorderster Reihe stand, sich in Böhmen ausbreitete und bedrohliche Formen anzunehmen begann, da hielten die gesamten Juden den Zeitpunkt für gekommen, den armen, halbblöden Krüppel und Schwächling Hilsner zu beauftragen, eine, nein, zwei kräftige, handfeste Bauerndirnen hinzuschlachten, um die gesamten Gemeinden mit Christenblut zu versorgen. Wahnsinn, du siegst! Aber in dem Wahnsinn ist Methode, sehr raffinierte Methode. Und hier fällt mir ein Erlebnis aus meiner Knabenzeit ein. In meinem Geburtsdorf hielt die Schlachtbank ein Jude, ein im Talmud sehr bewanderter Mann. Er versorgte die ganze Umgegend, Juden wie Christen, mit Fleisch. Zwei- oder dreimal in der Woche wurde geschlachtet. Der Schochet aus dem benachbarten Städtchen besorgte die rituelle Schlachtung. Jedesmal eilten die Bauern mit Gefässen herbei, um das Blut aufzufangen, das sie kochten und verzehrten. Es schmeckt wie Leber, sagten sie, und leostet nichts. Die umstehenden Juden, die das mit Ekel erfüllte, kargten nicht mit spöttischen Bemerkungen hierüber. Der katholische Ortspfarror, der einmal dabei stand, rief: „Seid nur nicht so stolz, ihr Juden! Ihr habt noch vor dreitausend Jahren in eurer Thora das Verbot des Blutgenusses vernommen. Was Wunder, dass ihr einen Blutekel habt? Diese Leute dagegen sind noch halbe Heiden. Aber wartet nur. Wenn sie einmal rasend werden, fallen sie über euch her und beschuldigen euch, dass ihr die Bluttrinker seid, dass ihr sogar Menschenblut trinket." Welch eine Tragik in dieser Ironie der Geschichte! * * * Der Berliner Prozess von 1510 drehte sich, wie man sieht, nur zum Schein um angeblich durchstochene Hostien und geschlachtete Kinder. In Wirklichkeit war es ein finanzpolitischer Kampf, geführt von den Städten und der Ritterschaft mit Hilfe der Geistlichkeit gegen den Kurfürsten, der schliesslich unterlag. Der Kurfürst war streng kirchlich, und da die ruchlose Schandtat der Juden gegen das Allerheiligste Sakrament ans Tageslicht gekommen war, musste er „seine" Juden mitsamt ihren Einkünften preisgeben. Es gehört mit zu den Seltsamkeiten dieses Prozesses, dass die Beschuldigungen sich zunächst gegen die Jüngstprivilegierten richteten, und dass, wie Holtze ausgerechnet hat, während sämtliche Privilegierten zusammen 270 Gulden Schutzgeld zu zahlen hatten, der Anteil der in den Prozess Verwickelten allein nicht weniger als 238 Gulden, also fast acht Neuntel der Gesamtsumme betrug. „Gerade die reichsten hatte man sich ausgesucht, sie, die mit ihrem Besitztum für den Kurfürsten eine ergiebige Finanzquelle werden sollten, sie mussten nun unter den Augen desselben Kurfürsten mit anderen ihrer Glaubensbrüder den Scheiterhaufen besteigen." „(Ackermann.) Der arme Kurfürst! Welch schweres Opfer musste er seiner „cristlichen lieb" bringen. Es bricht einem förmlich das Herz. Alle Juden aus der Mark wurden vertrieben und ihr Vermögen eingezogen. Man erfährt, dass der Kurfürst 22 Jahre später Juden aus Meseritsch und Schwerin in Polen insofern begünstigte, dass er ihnen den Besuch brandenburgischer Märkte gestattete. Und es wird die Vermutung ausgesprochen, dass die derart Begünstigten eben die Vertriebenen aus der Mark waren, die sich nach Polen gewendet hatten. Der Kurfürst mochte im Grunde seines Herzens von ihrer Unschuld überzeugt gewesen sein. Im Jahr 1514 fand noch ein Nachspiel zum Berliner Prozess statt, und zwar in Halle, an der Saale. Dort liess . nämlich der Markgraf Albrecht von Brandenburg, Erzbischof von Magdeburg, Bruder des Kurfürsten Joachim, einen getauften Juden, Johann Pfefferkorn (nicht identisch mit dem bekannten Denunzianten) nach vorheriger Folterung verbrennen, weil er gestanden hatte, einen Teufel zur Verfügung gehabt zu haben, mit dessen Hilfe er allerlei Unfug getrieben, und den er schliesslich an einen arideren verkauft habe; mit Hilfe dieses Teufels habe er auf Anstiften „der Juden" den Kurfürsten Joachim, dessen Bruder Markgrafen Albrecht und deren Hofleute, aber auch alle Bewohner des Magdeburgischen und Halberstädtischen ums Leben zu bringen beabsichtigt. Er wurde, wie gesagt, lebendig verbrannt. Lange Zeit war die Mark Brandenburg „judenrein". Ob sie glücklicher war, wissen wir nicht. Dann tauchen einzelne Juden auf, die sogar bei Hof in hoher Gunst standen und von denen einer ein tragisches Ende nahm. Aber erst 1670 liess der Grosse Kurfürst 50 Familien der gerade damals wieder einmal aus Wien ausgewiesenen Juden einladen, in der Mark sich niederzulassen, damit sie den Handel und die Industrie im Land heben. Die Bedingungen waren sehr hart, aber für jene Zeit und jene Umstände erträglich. Einige von den eingeladenen Familien Hessen sich in Berlin nieder, wo ihnen der Platz vor dem Rosenthaler Tor eingeräumt wurde, wo „die Frauen in der Schande sassen", der Schindanger und Henkersplatz lag und die verrufenen Bäder standen. Diese wenigen Familien bildeten den Kern der nachmals so bedeutenden und tonangebenden grossen Gemeinde. Und das von ihnen okkupierte Viertel ist bis auf den heutigen Tag das Zentrum von Handel und Industrie; von hier aus ist mit die Kraft ausgegangen, die die wirtschaftliche Ueberlegenheit Berlins in Preussen und mittelbar die Preussens in Deutschland begründen half. Der Grosse Kurfürst war ein besserer Wirtschaftspolitiker als seine Vorgänger.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.