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Ost und West · 1910-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1910) · p. Seite 583 - 584

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1910)
Article
Die Märtyrer von Berlin
Date
1910-08-01
Page
Seite 583 - 584 (sequence 12)
Language
German
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583 B. Samuel: Die Märtyrer von Berlin. 584 anrufen, da alle Bösewichter der Erde sich zu dir bekehren, da jedes Knie sich vor dir beugt, jede Zunge zu dir schwört, da alle deinen Namen anbeten und deine Herrschaft auf sich nehmen in Liebe. Denn dein ist die Herrschaft, und du regierst in alle Ewigkeit. Wie es in deiner Thora geschrieben steht: der Ewige regiert immerdar, und es kommt der Tag, an dem er einzig und sein Name einzig sein wird." Was bedeuteten angesichts solcher Horizonte die armen, betörten, grausamen Würger? Mit diesen Worten beschlossen sie ihr alitägliches Gebet, und mit diesen Worten beschlossen sie auch ihr Leben. Sie verstanden, schön zu sterben, diese unsere Vorfahren. Und mit ihrem Sterben weihten sie uns, ihre späten Nachkommen, einem hehren, ewigen Leben. PAUL MORPHY, ODER DIE OBJEKTIVE KRAFT.*) Von Dr. Emanuel Lasker. Etwa um das Jahr 1850 war unter den Schachspielern von Europa eine Anschauung herrschend, die sich als Kultus der Heroen und der Genies charakterisieren lässt. Zum Heil für das königliche Spiel wurde ihre Nichtigkeit erwiesen. Ihr Bezwinger hiess Paul Morphy. Die Theorie des Genies, die damals Geltung hatte und die ausserhalb des Schachs auch noch heute vielfach anerkannt wird, schreibt der persönlichen Kraft eines vorzüglich begabten Menschen übertriebene Fähigkeiten zu. Der gewöhnliche Mensch kann dies und das, das Talent weit mehr, das Genie unendlich viel mehr, es kann auf eine unbegreifliche Weise alles vollbringen — so oder so ähnlich lautet die Formel des Heroenanbeters. Menschlich und als Empfindung ist diese Anschauung sehr schön, aber sie hat eine grosse Schwäche, indem sie Epigonen erzieht. Wer beim Anblick einer grossen Tat einfach ausruft, ihr Urheber sei ein Genie, stellt damit das Nachdenken ab und ist zufrieden, eine inferiore Kategorie von Mensch zu bleiben. Wer fortschreiten will, muss daher trotz der Bewunderung, die ihm das Genie abnötigt, dessen Erfolg auf objektive Art untersuchen und auf einfache Grundsätze zurückführen. Diese Arbeit hat Paul Morphy an den grossen Schachmeistern, die seine Zeitgenossen waren, durchgeführt. Er hat gefunden, dass der landläufige Glaube, der brillante Zug des Meisters sei eine unerklärliche Inspiration, hinfällig sei. Er entdeckte, dass dieser brillante Zug oder dieses tiefe Manöver, das den Sieg erreicht, nicht im Geiste des Meisters, sondern in einer Qualität der Stellung ihre Ursache' habe. Er analysierte diese Eigenart der Position, und es gelang ihm, ein allgemeines Gesetz zu finden, das also lautet: Die brillanten Züge und Manöver, die den Sieg erringen, sind nur möglich in Stellungen, in denen man vor dem Gegner einen Üeberschuss an wirkender Kraft voraus hat. In solchen Stellungen sind sie immer möglich, und, wenn man selbst die rechte Strategie befolgt, kann keine noch so tiefe und feine Idee des Gegners die Gewissheit von dessen schliesslicher Niederlage umstossen. Paul Morphy wurde im Jahre 1837 zu New- Orleans geboren. Schon in seinem zwölften Jahr besiegte er den Meister Löwental, als dieser den Schach- *) Ein in "Buenos-Ayres in französischer Sprache gehaltener Vortrag des Weltmeisters, den er uns aus der argentinischen Hauptstadt in eigener Verdeutschung zustellt. klub von Morphys Vaterstadt besuchte. 1857 gewann Morphy das Turnier von New-York, ging dann nach Europa und schlug dort alle berühmten Meister. Sein grösster Sieg war der gegen Anderssen, den damaligen Weltmeister. Er schlug ihn in einem Match zu Paris mit dem überwältigenden Score von 7 Gewinnen, 2 Verlusten und 3 Remisen. Um die Gegensätzlichkeit der beiden Anschauungen, wie sie durch Anderssen und Morphy vertreten waren, deutlich zu machen, gebe ich hier zwei Partien.. Die unsterbliche Partie. Anderssen. Kieseritzky. 1) e2—e4 e7—e5 2) f2-f4 e5xf4 3) Lfl—c4 Dd8-h4f 4) Kel-fl b7—b5 5) Lc4xb5 Sg8—f6 6) Sgl-f3 Dh4—h6 7) d2-d3 Sf6-h5 8) Sf3—h4 c7—c6 9) Sh4—f5 Dh6—g5 10) g2-g4 Sh5—f6 11) Thl-gl c6xb5 12) h2—h4 Dg5-g6 13) h4—h5 Dg6-g5 14) Ddl—f3 Sf6-g8 Weiss drohte Lclxf4. 15) Lclxf4 Dg5—f6 16) Sbl—c3 Lf8—c5 17) Sc3—d5 Df6xb2 18) Lf4—d6 Db2xalf 19) Kfl—e2 Lc5 x gl 20) e4—e5 Prachtvoll. 20) . . . . Sb8—a6 Er deckt sich gegen Sf5 xg7f nebst Ld6—c7 matt. 21) Sf5xg7f Ke8—d8 22) Df3—f6f Sg8xf6 23) Ld6—e7 matt. Das Matt der drei leichten Figuren gegen das ganze schwarze Heer ist wunderbar. Man begreift, wie bei einem Schachmeister, der ein solches Schlussspiel erzwang, selbst das unmögliche als möglich erscheinen konnte.

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