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Ost und West · 1910-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1910) · p. Seite 565 - 566

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1910)
Article
Die Märtyrer von Berlin
Date
1910-08-01
Page
Seite 565 - 566 (sequence 3)
Language
German
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565 B. Samuel: Die Märtyrer von Berlin. 566 ungskraft war ausserordentlich und nachhaltend. Die Wallfahrten zu ihm dauertea.bis 1552, wenngleich sie gegen das Ende viel schwächer wurden. Die Wunder, die hier geschahen, tragen alle einen eigentümlichen Charakter. Das heilige Blut heilte nämlich aus der Ferne, weckte Tote auf usw., aber unter der Bedingung, dass die Genesenen, Auferstandenen und Befreiten dann eine Wallfahrt zu ihm machten. Dies Gelübde der Wallfahrt konnte auch von den Angehörigen getan werden, wenn der Betreffende es nicht selbst vermochte; es musste aber bei Strafe der Wiederkehr des Leidens gehalten werden. Zwischen Ostern und Pfingsten kamen aus fernen Landen stellvertretende Pilger, die die Wallfahrt gegen Entlohnung für andere unternommen hatten. An Stelle der abgebrannten D orfkirche erhob sich ein monumentales Gotteshaus, das für das Heilige Blut eine würdige und wirkungsvolle Folie bildete. Die Wunder stiegen ins Ungeheure und Ungeheuerliche. Erst 20 Jahre darauf stellten sich Zweifel und ernste Gegnerschaften ein. Ein Prager Bürger mit einer gelähmten Hand pilgerte nach Wilsnack und opferte dort eine silberne Hand. Die Heilung trat aber nicht ein, und er verabschiedete sich von den Priestern, blieb aber noch drei Tage, um zu hören, was sie wohl über seine Hand predigen würden. Am dritten Tag verkündete der Priester, er wäre gesund von dannen gegangen und hätte zum Dank für seine Genesung die silberne Hand geopfert. Da erhob sich der Prager und sagte laut in der Kirche: „0, Priester, was lügst du? Hier siehe, meine Hand ist noch so kontrakt als ehedem." Doch erst in den Jahren 1426—53 entbrannte ein heftiger Kampf gegen das Heilige Blut, den der Dr. Heinrich Tocke, Domherr von Magdeburg und Brandenburg, Professor der Theologie zu Erfurt, mit grosser Zähigkeit und Energie führte. Tocke war nicht etwa ein Freigeist, sondern ein streng frommer, wahrheitsliebender und einsichtiger Mann, der den Wunderglauben im Interesse der Kirche und der Religion bekämpfte. „Als alle BENNO BECKER. Landschaft. Menschen die Kirche verlassen hatten, bat ich, man möchte mir das Heilige Blut zeigen," berichtet er über einen Besuch in Wilsnack. „Wir traten in die Kapelle ein. Die Kapsel wurde geöffnet, ich nahm die Monstranz in meine Hand und besichtigte sie sorgfältig; aber da war nichts Rotes noch irgend etwas von veränderter Farbe zu sehen; vielmehr waren die Hostien gar sehr verzehrt und sahen wie Spinngewebe aus, so dass man mit Recht zweifeln konnte, ob überhaupt der Stoff des Brotes zurückgeblieben war. Ich wurde ganz bestürzt, denn ich meinte, es wären wenigstens rote Flecken auf den Hostien, aber nichts dergleichen. Ich hatte viel Uebles von dem Ort gehört, aber solche Bosheit hatte ich nicht erwartet, dass man der ganzen Christenheit vorlügt, da wären blutige Hostien, und es ist geradezu nichts da. Ich fragte die beiden Priester, die rechts und links von mir standen: Seht ihr etwas Rotes? Der Propst antwortete: ,Ich sehe nichts Rotes und habe auch nie etwas gesehen.' Der Priester, der die Hostien zu bewahren hatte, sagte gleichfalls: ,Ich sehe nichts Rotes'." Tocke und sein Erzbischof überzeugten sogar den berühmten Nikolaus von Cusa von der Nichtigkeit des Wunderblutes und der Verwerflichkeit der Motive, die es aufrecht erhielten. Es kam zu einem Kampf vor dem Papst und den höchsten Behörden der Kirche. Capistrano verteidigte das Wunderblut. Die Interessen, sowohl lokaler als politischer Natur, die sich an die Erhaltung des Wunderglaubens knüpften, waren zu stark und zu zahlreich. Der Kampf gegen ihn war bald wie ein Märchen verschollen. Das Geschäft blühte. Erst seit Beginn der Reformation fing der Glaube an die Wunderkraft des Heiligen Blutes, von den Neuerern „der Abgott" genannt, zu schwinden an. Und der erste reformierte Prediger von Wilsnack, Ellefeld, ververnichtete es am 28. Mai 1553, indem er in Gegenwart von Zeugen das Ciborium erbrach, die Monstranz herausnahm, den Kristall, worin das Heilige Blut eingeschlossen war, entzweischlug und den Inhalt in einen Kessel mit glühenden Kohlen warf. Fünfzig Jahre zuvor wäre er für diese H andlung' leb endig verbrannt worden. Kehren wir zum Sternberger Fall zurück. In Sternberg wohnte ein Jude Eleasar, „welcher weitverzweigte Verbindungen [im Land hatte und diese zur Sättigung seiner Rache benutzte". Die ganze Geschichte hört sich wie ein Kindermärchen an, nur sind die Kinder hier blutdürstig, boshaft und perfid. Es ist nicht klar, an wem und wofür der genannte Eleasar Rache zu nehmen begehrte. Aber „er versuchte seine Künste zuerst in Penzlin, indem er einen dort als Kapellan lebenden Franziskaner zum Judentum zu bekehren sich bemühte". Das gelang ihm denn auch im Verein mit mehreren Genossen, darunter einem aus Russland; worauf MUENCHEN. die Juden in den bekehrten

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