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Ost und West · 1910-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1910) · p. Seite 487 - 488

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1910)
Article
Zum achtzigsten Geburtstag Kaiser Franz Josef I.
Date
1910-08-01
Page
Seite 487 - 488 (sequence 8)
Language
German
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487 iBinjamin Segel, Lemberg: Zum achtzigsten Geburtstag Kaiser Franz Josef I. 488 Gleichberechtigung entspricht. „Dass die Juden in unserer (Polens) Vergangenheit kein so anstössiges Element gewesen sein mussten, dafür haben wir das beste Zeugnis in unserer Geschichte, da die Juden bei uns damals gleich allen solche Rechte und Privelegien genossen, wie sie ihnen in keinem anderen Lande zuteil wurden." „Und wenn man ihnen schon damals bei uns eine fast völlige Gleichberechtigung zuerkannte, so werden wir ihnen dieses Recht um so weniger verweigern dürfen/' Trotz der tapferen Verteidigung des Antrags durch den Abg. Dubs und den Berichterstatter gelang es der Opposition, ihn an die Kommission zurückzuleiten. Am 8. Oktober erschien er wieder auf dem Tapet, eingeleitet von einer wirkungsvollen Rede Smolkas, der seine bezwingende markige Beredsamkeit, die Wucht seiner Persönlichkeit und sein grosses Ansehen als Parlamentarier und Politiker in die Wagschale warf, für die Hinwegräumung des letzten Ueberrestes der Rechtsbeschränkungen. „Die Juden, die einen so wichtigen Teil unserer Gesellschaft bilden, die seit Jahrhunderten mit uns Leid und Freud geteilt haben, brauchen heute nicht mehr (wie der Armenier es gefordert) zu verlangen, dass ihnen die Gleichberechtigung in der Theorie zuerkannt werde." Er beleuchtete die Frage vom Standpunkt der Gerechtigkeit und dem Standpunkt der nationalen polnischen historischen Tradition. „Man muss jene freisinnigen, von Licht und Gerechtigkeit umstrahlten Denkmäler der polnischen Judengesetzgebung vergangener Jahrhunderte betrachten, um einzusehen, wie sehr jene Gesetzgebung an Grossherzigkeit, Aufklärung, staatsmännischer Weisheit und christlicher Liebe das Niveau der von der Opposition in diesem hohen Haus ausgesprochenen Anschauungen überragt." Er griff in die graueste Vergangenheit zurück, die einen Juden, Abraham Prochownik, mit der Krönungsgeschichte des ersten Polenkönigs verwoben sein lässt; wies nach, wie schon in der Heidenzeit die Polen den Juden gegenüber Gastlichkeit und Freiheit geübt hatten, wie später Könige und Reichstage die Juden kräftig schützten, als die Synodalbeschlüsse Gesetze zu ihrer Absonderung heischten und die Städter, Fremde wie sie selber, ihre Handelskonkurrenz fürchtend, Bedrückungen und „Tumulte" wider sie heraufbeschworen, so dass die königliche Gewalt ernsthafte Massregeln zu ihrem Schutz ergreifen musste. Er beschwor die glorreiche Erinnerung an denVierjährigen Reichstag herauf, „der den Juden die völlige Gleichberechtigung in jeder Beziehung zuerkannt oder besser, zurückgegeben hatte," und schloss mit den Worten: „Dieser Nationalgeist, welcher aus den Gesetzen des letzten polnischen Reichstages in bezug auf religiösen Freisinn und volle Gleichberechtigung der Juden hervorleuchtet, hat uns deren Vollziehung unter Androhung unsres eignen Untergangs überwiesen, denn eine Nation, die ihren leitenden Nationalgedanken verleugnet, muss untergehen. Der Nationalgeist, meine Herren, hat uns die Vollziehung dieses seines letzten Willens überwiesen, deshalb, meine Herren, werden Sie wohl die heutige Kommissionsvorlage in ihrer Gänze annehmen!" Der machtvolle Eindruck dieser Rede hallte noch Jahrzehnte später in der polnischen Gesellschaft nach. Ein wichtiger Vorwurf, mit dem die Widersacher besonders die bäuerlichen Abgeordneten aufzustacheln suchten, war, dass die Juden sich dem Militärdienst zu entziehen suchten. Wie ungeheuer übertrieben dieser Vorwurf war, beweist die Tatsache, dass bis 1859 allein 17 000 Juden, unter ihnen 800 Offiziere und Chargierte, im österreichischen Heere gedient, einzelne jüdische Offiziere und Aerzte sich durch Tapferkeit rühmlichst ausgezeichnet hatten. Der christliche Regimentsarzt Derblich hatte ihnen das Zeugnis ausgestellt: „Sie kämpften heldenmütig auf allen Schlachtfeldern". Zahlreiche Unteroffiziere waren zu Offizieren avanciert und hatten Orden und Tapferkeitsmedaillen erhalten. Der jüdische Hauptmann Theodor Edler von Salemsfeld aus Prag hatte im Gefecht bei Melegnano die Regimentsfahne gerettet und wurde dafür mit einer der höchsten kriegerischen Auszeichnungen, dem Leopoldsorden, geschmückt. Im Jahr 1866 hatten 500 jüdische Soldaten auf den böhmischen Schlachtfeldern ihr Leben gelassen. Trotz dem allen erhob man gegen die Juden den noch heute beliebten Vorwurf der Militärscheu. Schon Gniewosz suchte den Vorwurf zu entkräften, indem er hervorhob, dass „nicht bloss die Juden ungern zum Militär gehen, und nicht sie allein verschiedene Mittel anwenden, um sich von dieser Pflicht zu befreien". Noch kräftiger redete Smolka: „Ich frage: Wer von uns drängt sich denn zum österreichischen Heere? Wer? Gewiss geht niemand aus freien Stücken dahin. Wir müssen, daher gehen wir, aber auch wir entziehen uns, wenn wir können. Wenn die Juden dies im grösseren Masse tun, so haben sie auch mehr Recht dazu, denn wie kann man von ihnen verlangen, dass sie ihr Blut für ein System vergiessen, welches ihnen alle Rechte verweigert? W i r verteid igen unsere Privelegien, es ist aber schwer, von den Juden zu verlangen, dass sie ihr Blut für unsere Privelegien und ihre Beschränkung vergiessen!"' Schlagend und treffsicher beleuchtete diese Frage der jüdische Abgeordnete Hönigsmann, einer der hervorragendsten Juristen des Landes und verdienstvoller Vorkämpfer der Juden: „Auch der

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