Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1910)
- Article
- Zum achtzigsten Geburtstag Kaiser Franz Josef I.
- Date
- 1910-08-01
- Page
- Seite 489 - 490 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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489 Binjamin Segel, Lemberg: Zum achtzigsten Geburtstag Kaiser Franz Josef I. 490 Landmann tut, was er kann, um seinen Sohn vom Militär zu befreien; der eine verschreibt zu diesem Zweck sein Besitztum auf den Sohn und behält sich den lebenslänglichen Genuss vor, der andere kauft ihm ein Stück Boden, ein dritter wendet sich an den Arzt oder an den amtierenden Kommissär, um nur seinen Sohn auf irgend eine Weise zu befreien/' Der Abg. W§zyk, Generalredner pro, führte aus: „Die Gleichberechtigung ist keine Prämie für Bürgertugenden noch für Polentum, denn die Gleichberechtigung ist eine europäische, kosmopolitische Errungenschaft, und sie gebührt den Juden, nicht deswegen, weil sie Juden oder Polen sind, sondern weil sie Menschen sind/*' „Wir haben die kräftige Ueberzeugung, dass so wie der Absolutismus und der Despotismus den Verfall Polens herbeigeführt haben, nur die Freiheit es wieder aufrichten kann." ,$Wir haben nicht nur in unsrem Landtag schon Repräsentanten jüdischen Glaubens, auf die jede Nationalität, jede Konfession stolz sein könnte, sondern auch ausserhalb des Landtags eine Menge Juden, die man um ihren Patriotismus, um ihre Anhänglichkeit an das Land beneiden muss." Der Antrag des Abgeordneten, früheren Statthalters Grafen Goluchowski, die Kommissionsvorlage en bloc zum Beschluss zu erheben, wurde mit allen gegen vier Stimmen unter grossem Jubel des Hauses angenommen. Damit war die Emanzipation der Juden endgültig besiegelt und die Schmach des vormärzlichen Regimes weggetilgt. S m o 1 k a und G n i e w o s z hatten es noch selber erlebt, dass mehrere der grössten galizischen Städte oft und oft ihre Verwaltung jüdischen Bürgermeistern anvertrauten, und es sind gerade nicht die am schlechtesten verwalteten Städte. Kein Mensch im Lande auch nicht die verbissensten Antisemiten, möchten oder könnten jetzt die Mitwirkung der Juden bei der autonomen Verwaltung des Landes und der Gemeinden vermissen. * * * Der Talmud verzeichnet eine schöne Sage von einer Diskussion, die. Alexander der Grosse mit den Weisen des Südens über die höchsten Fragen hatte. In neun Dingeil Hess sich der König von den Weisen überzeugen; als sie aber sagten, der Mensch müsse Herrschaft und Regierung vermeiden, antwortete er: ,Ich' weiss es besser. Er soll Herrschaft und Regierung anstreben, aber er soll sie benützen, um den Menschen Gutes zu tun." Wenn ein Mann wie Kaiser Franz Josef zweiundsechzig Jahre hindurch eines der grössten und ältesten Reiche Europas beherrscht und ein buntes Gewimmel von Völkern regiert, wer wird es zu ermessen wagen, was er über Macht und Regierung, wie über alles Irdische, denkt? Aber eins ist sicher: mit jenem Ausspruch, den der Talmund dem grossen Mazedonierkönig in den Mund legt, wird er sich vollkommen einverstanden erklären. Gut ist Macht und Regierung, wenn man sie dazu verwendet, den Menschen Gutes zu tun. Und in der stillen Brust darf er das beglückende Bewusstsein tragen: Ich habe Macht und Regierung nie anders verwendet, als um den Menschen Gutes zu tun! Mit starker und mutiger Hand, mit der Hand eines wahren Fürsten, nicht nur der äusseren Stellung nach, sondern eines Fürsten im Geist und im Herzen, hat er all das Unrecht wieder gut gemacht, das vergangne Zeiten angehäuft, hat in reicher Fülle Keime des Guten und Edlen ausgestreut, deren Früchte erst die künftige Generation ernten wird. Ihm blieb kein menschliches Leid erspart. Aber die Schicksalsschläge haben seine Güte und sein Verstehen, seine Kraft zum Guten nur vertieft und gestärkt. Und vielleicht mehr noch als seine anderen Völker haben wir Juden seine gütige Hand gefühlt, die er in Zeiten des Sturmes und der Gefahr schützend über uns hielt. Häufig genügte ein Wort, eine Aeusserung von ihm, um die hochgehenden Wrogen des künstlich aufgepeitschten Hasses zu beschwichtigen und. die über uns schwebende Gefahr zu bannen. Der Kaiser ist eine tief religiöse Natur, und gerade aus seiner tiefen, seelenvollen Erfassung des Christentums heraus hat er dem Judentum als der Mutter aller Religion stets eine vornehme, ehrfürchtige Sympathie entgegengebracht und unsere religiösen Institutionen warm gefördert. Nie hat er verfehlt, auf seinen Reisen die ehrerbietigen Grüsse der jüdischen Religionsgemeinden huldvoll entgegenzunehmen, vor den Emblemen unserer Religion sein ehrwürdiges Haupt zu neigen und in der Synagoge einem Gottesdienst beizuwohnen. Das tiefe Leid, das er persönlich erfahren, hat sein angeborenes Mitgefühl mit den Bedrückten und Verfolgten nur noch gesteigert und verfeinert. Wenn er jetzt von der Höhe des Lebens auf den weiten, weiten Weg, den er zurückgelegt hat, herabblickt, so ist es wohl ein unvergleichliches Hochgefühl, das seine Brust schwellt, aber es ist nicht ein Fünkchen von Müdigkeit in dem Blick, mit dem er das Heraufziehen der Abendröte sieht. In hohen Regionen pflegt die Abendröte lange zu dauern. 0, möge sie lange, recht lange dauern!