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Ost und West · 1910-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1910) · p. Seite 483 - 484

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1910)
Article
Zum achtzigsten Geburtstag Kaiser Franz Josef I.
Date
1910-08-01
Page
Seite 483 - 484 (sequence 6)
Language
German
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483 Binjamin Segel, Lemberg: Zum achtzigsten Geburtstag Kaiser Franz Josef I. 484 mit einem gewaltsamen Ruck die galizischen Juden nach dem Ebenbild der französischen Enzyklopädisten umformen. Dazu sollte der von dem verhassten und verachteten Herz Homberg gebraute Aufkläricht dienen, den man den Juden in heftigen Stössen beibringen wollte. Bald darauf wurde diese gewaltsame Aufklärungsarbeit von einer ebenso gewaltsamen Reaktion abgelöst. Diese Experimente steigerten nur noch den ohnehin vorhandenen Widerwillen gegen den sog. „Berliner Fortschritt". Alle jene bedeutenden und uneigennützigen Männer, die für die Verbreitung von Bildung und Kultur wirkten, gerieten bei der Masse in den Verdacht, im Sold der Wiener Machthaber auf die Untergrabung der Religion und den Verrat der Juden hinzuarbeiten. Die Regiererei der vormärzlichen Bureaukratie in Galizien lastete übrigens nicht bloss auf den Juden schwer, sondern auf dem ganzen Land, sie hat es ökonomisch verheert und heruntergebracht und ihm Wunden geschlagen, die noch heute nicht vernarbt sind. Die noch heute, trotz aller heroischen Anstrengungen, im Land herrschende Verarmung und Rückständigkeit sind eine Folge der absolutistischbureaukratischen Wiener Herrschaft, die von 1772 bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts das Land umklammert hielt, und von der die oben geschilderten Judengesetze nur ein kleines Pröbchen bildeten. * Das änderte sich langsam aber gründlich seit der Thronbesteigung Kaiser Franz Josef I. Aber indem wir des noch heute zu unsrem Glück lebenden Monarchen dankbar gedenken, ziemt es, dass wir auch jener schon hingegangenen Männer nicht vergessen, die dem Werk der Freiheit und Gleichheit ihr Leben geweiht hatten. Da ist in erster Reihe Dr. Franz S m o 1 k a zu nennen, der Präsident des ersten österreichischen Reichstags von 1848, der nachher mehrere Legislaturperioden hintereinander dem konstitutionellen Abgeordnetenhaus mit hoher Würde, Festigkeit und Unparteilichkeit präsidierte. Er war eine der herrlichsten Gestalten der europäischen Demokratie des vorigen Jahrhunderts, uneigennützig, selbstlos, reiner Gesinnung, treu, mild und unbeugsam, unerschrocken, wahrhaftig und bescheiden, freiheitsliebend bis an sein Lebensende. Im Jahr 1848 stellte er sich an die Spitze einer Deputation der Lemberger Bürgerschaft, die eine von ihm verfasste Petition nach Wien brachte. Darin hiess es: „Die Gleichstellung aller Volksklassen und Glaubensbekenntnisse vor dem Gesetz ist ein Prinzip, welches sich bereits im ganzen zivilisierten Europa Bahn gebrochen. ... Es ist überdies eine Forderung der Gerechtigkeit, dass, wer alle Bürgerpflichten erfüllt, auch aller Bürgerrechte teilhaftig werde. Wir erachten es daher als dringend notwendig, dass alle im Land bestehenden Volksklassen und Glaubensparteien in gerichtlicher, bürgerlicher und politischer Hinsicht vor dem Gesetz vollkommen gleichgestellt werden. Insbesondere sollen alle Religionssteuern (Licht- und Koscherfleischsteuern) unverzüglich erlassen und alle Beschränkungen der Religion wegen aufgehoben werden. Die Geistlichkeit beider Riten, sowie aller andrer Konfessionen, soll sich gleicher Rechte, Privilegien und Würden erfreuen." Die Petition wurde von den angesehensten Bürgern Galiziens aller Konfessionen, an deren Spitze von dem Bischof, nachmaligem Erzbischof von Lemberg, Wierzchleyski, unterschrieben. Bald begannen die Wahlen in den Reichstag, der auch schon jüdische Abgeordnete in seiner Mitte zählte. Es waren dies J. Goldmark und Adolf Fischhof. Die Juden von Brody wählten den damals berühmten, hochverdienten Wiener Prediger Isaak Noah Mannheimer, die von Krakau entsandten ihren unvergesslichen Oberrabbiner Berisch Meiseis. Meiseis war einer der merkwürdigstn Erscheinungen seiner Zeit und ist leider noch nicht seiner vollen Bedeutung, nach gewürdigt worden. Berühmt als eine der grössten^ talmudischen Autoritäten, Sprössling eines der höchstgeachteten Geschlechter unter den Juden, vereinte er in sich tiefe rabbinische Gelehrsamkeit mit weitem politischen Scharfblick und grosser Tatkraft, hervorragendes organisatorisches Talent mit feuriger Beredsamkeit und kaustischem Witz. Er hat im Jahr 1863 als Oberrabbiner von Warschau während des polnischen Aufstandes die dortigen Juden organisiert. Smolka erzählte noch im hohen Alter mit Bewunderung von dem grossen Eindruck, den ihm die eigenartige Persönlichkeit von Meiseis gemacht hatte. Damit auch hier, wie in allen grossen Bewegungen, das komische Element nicht fehle, wählten die Juden von Stanislau zum Abgeordneten einen Mitbürger namens Abraham Halpern, einen biedern Kommis, der auf irgendeine Weise grosse Reichtümer erworben hatte und eine Rolle spielen wollte, aber so unwissend war, dass er nicht einmal seinen Namen schreiben konnte. Uebrigens war er 2nit einem körperlichen Defekt behaftet, welches, ohne im Geschäft hinderlich zu sein, ihn der Lächerlichkeit preisgab. Er ist auch nie im Reichstag erschienen. Als man sich darüber aufhielt, bemerkte Smolka: Lasst ihn doch in Ruhe; er hat ganz was andres „auf dem Kopfe"; übrigens müsste er die Mütze aufbehalten, und er ist doch kein Rabbiner!

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