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Ost und West · 1910-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1910) · p. Seite 481 - 482

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1910)
Article
Zum achtzigsten Geburtstag Kaiser Franz Josef I.
Date
1910-08-01
Page
Seite 481 - 482 (sequence 5)
Language
German
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481 Binjamin Segel, Lemberg: Zum achtzigsten Geburtstag Kaiser Franz Josef I. 482 stellte ihnen nur die Bedingung, dass sie ihre Wohnungen nicht an Juden vermieten und von 1803 ab auch selber darin nicht wohn n durften. Es ist leicht zu begreifen, dass diese Massregel ein rapides Sinken der Grundstücke im Preis, ein Stocken der Geschäfte und ein ökonomisches Chaos nach sich brachte, dessen Folgen jahrzehntelang anhielten. Noch heute erinnern sich ältere Leute in Lemberg der k. k.Schergen, die mit Raten bewaffnet den Eingang zu der wunderschönen Hauptpromenade der Stadt, „Hetmanswälle" genannt, bewachten, und jedem Juden, der es wagte, diese Spaziei statte zu betreten oder der sich nur doithin vei irrte, die Kopfbedeckung herabrissen und ihn mit Rutenstreichen auf das Haupt wegjagten. Drollig wirkt heutzutage die alberne und freche Anmassung dieser stumpfsinnigenGesetzgeber, die ihre Anordnungen „für alle Zukunft" treffen, ohne zu ahnen, dass der Boden, auf dem sie stehen, unterhöhlt ist. „Anerkannt ist," bemerkten die Gesetzgeber, „dass es unter den Juden nur wenig uneheliche Kinder, verhältnismässig zur Volkszahl, gibt; sey nun ihre frühzeitige Verehelichung, oder das eiseine Festhalten an ihren Religionsgesetzen Ursache davon." Die weisen Männer fanden, dass die Juden sich zu rasch vermehrten, und dem musste ein Riegel vorgeschoben werden. Ehen durften also, bei Androhung der Vermögenskonfiskation, oder auch der Leibesstrafe, nur nach Vermögensausweis und Erlegung der Taxe geschlossen werden. Das begann gleich im Jahr 1773 und dauerte Jahrzehnte. Nachher wurden Vermögensnachweis und Taxe aufgehoben, dafür eine Prüfung aus „deutscher Wissenschaft" und der von Herz Homberg angefertigten Moral gefordert. Es versteht sich', dass alle diese Massregeln nichts nützten, und die Juden einfach auf den Segen der hohen Obrigkeit verzichteten. Damit die Lemberger Judenschaft keinen Zuwachs erfahre, wurde den „ledigen und verwittweten Mitgliedern der dortigen Judengemeinde vom 18. April 1805 verboten, sich mit Mitgliedern anderer Gemeinden zu verehelichen, es wäre denn, dass sie zugleich Lemberg verlassen."' Wollte ein fremder Jude nach Lemberg übersiedeln, so musste er eine Reihe harter Bedingungen erfüllen, u. a. diese, dass zwei bisher nach Lemberg gehörige Judenfamilien zugunsten des neuen Ankömmlings auf die Befugnis des dortigen Aufenthalts für sich und ihre Angehörigen ohne allen Vorbehalt für immer verzichteten. Für Juden, die aus dem Königreich Polen kamen, wurde — allerdings in Reziprozität — der in Deutschland längst abgeschaffte Leibzoll eingeführt, den man aus Schamhaftigkeit „Geleitezoli" nannte und sorgsam nach Alter und Geschlecht abstufte. Noch im Jahr 1847 erwog man das Projekt, die hereinkommenden Juden nach dem Gewicht zu taxieren und von jedem, der mehr als 150 Pfund wog, einen Zuschlagszoll von 1 Gulden 30 Kreuzer zu erheben! Man könnte Bände füllen mit den Blüten der vormärzlichen österreichischen Judengesetzgebung. Doch das Gesagte dürfte genügen, um deren Geist zu kennzeichnen. Es war, als wollte die Regierung auf die galizischen Juden alle Bedrückungen und allen Jammer häufen, von denen sie in Polen verschont geblieben waren, und sie in kurzer Zeit die ganze Hölle durchkosten lassen, die sie ihren anderen jüdischen Untertanen zu bereiten gewohnt war. Die Juden Polens, die unter das österreichische Szepter oder unter die russische Knute gekommen waren, verspürten zum ersten Male seit Jahrhunderten, wie Golus schmeckt. Vielleicht die schlimmste Folge dieses Systems war jedoch die innere Reaktion, die es direkt und indirekt förderte. Was kann Gutes aus Wien kommen? sagten sich die Juden. Eine neue Steuer, eine neue Bedrückung oder Demütigung. Tiefes Misstrauen und Hass gegen alles, was in westeuropäischem Gewände auftrat, nistete sich beim Volke ein. Selbst die wohlgemeinten Massregeln Kaiser Josef II. stiessen auf Argwohn und Miss Verständnisse, brachten keine Früchte und Hessen nur ein dumpfes, gärendes Chaos in den Köpfen zurück. Dieser Kaiser wollte Dr. Franz Smolka. Siehe Text: Seite 4S3.

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