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Ost und West · 1910-07-01 · Heft 7 (Juli 1910) · p. Seite 465 - 466

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 7 (Juli 1910)
Article
Die Wirren in Sannah (Persien) und Hamadan
Date
1910-07-01
Page
Seite 465 - 466 (sequence 3)
Language
German
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465 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Wirren in Sannah (Persien) und Hamadan. 466 Herrn mit, dass über 800 Personen sich vorigen Tages ausserhalb der Stadt versammelt und dem Scheich ihren Entschluss kundgegeben hätten, auf jede Gefahr hin den übergetretenen Juden Faradsch Dschadid aus dem Gefängnis zu befreien, in dem er auf Befehl des stellvertretenden Gouverneurs Muschir-el-Divan gehalten werde, und das jüdische Viertel und unser Haus zu überfallen. Ich schickte sofort meine Familie, deren Gesundheit durch die jüngsten Ereignisse erschüttert ist, zu dem türkischen Konsul, zu dem wir in herzlichen Beziehungen stehen. Ich selbst begab mich zum Scheich, damit er mir die Worte seines Boten bestätige. Er wiederholte sie und fügte hinzu: „Ich habe bisher getan, was in meinen Kräften stand, um das unwissende Volk von seinem bösen Beginnen abzuhalten. Heute fühle ich mich ausserstande, der Menge die Spitze zu bieten. Ich habe meine Schuldigkeit als Mann und Freund Ihnen gegenüber getan, in dem ich Sie von dem Vorhaben der Menge in Kenntnis setzte. Nun ziehen Sie die Folgerungen." — Danach ging ich zu dem Muschir-el-Divan, dem ich von der Unterhaltung berichtete. Ich fand die Strassen voller Menschen. Die harten Gesichter, denen ich begegnete, Hessen mich nichts Gutes ahnen. Muschir-el-Divan lehnte entschieden ab, seinen Gefangenen freizugeben. Zwischen ihm und dem Scheich wurden durch Vermittlung der beiderseitigen Sekretäre sauersüsse Reden ausgetauscht. Ernste Verwicklung wäre entstanden, wenn der Scheich nicht eingewilligt hätte, für Faradsch Dschadid Bürgschaft zu übernehmen. — Der Gefangene wurde entlassen, die Menge beruhigte sich. Ich habe den Eindruck, dass die Ruhe nur äusserlich ist, und wilde Szenen bei erster Gelegenheit zu beklagen sein werden. Es wäre zu wünschen, dass der seit mehreren Monaten angekündigte Gouverneur recht bald käme. Denn die Stadt ist in voller Anarchie. Allnächtlich werden von Uebeltätern Hunderte von Flintenschüssen abgegeben, Häuser werden verwüstet, Menschen verwundet oder getötet. Die Dörfer fallen Räubern zur Beute. Die Bauern beschäftigen sich nicht mehr mit Landarbeit. Sie verkaufen ihre geringe Habe und verschaffen sich Gewehre und andere Waffen. Sogar in unserer Stadt lässt jeder, der Waffen besitzt, sie ausbessern. Das deutet nicht auf ruhige Zeiten. Wir können nur ohnmächtig das Kommende abwarten. Tarragano. Hfamadan, 20. Mai 1910. Die Wirren' in Sannah, von denen mein Kollege Ihnen sicher berichtet hat, sind nicht ohne Rückwirkung auf Hamadan geblieben. Da Sannah in zwei Tagen zu Pferde von hier aus zu erreichen ist, so hat die Ermordung des Juden Daud Kuluris sich in unserer Stadt schnell verbreitet. Die Erregung der Gemüter benutzend, haben einige fanatische Priester die Bevölkerung in der Hauptmoschee vereinigt und dort den Krieg gegen die Juden gepredigt. Seit dem neuen Regime haben die Priester sehen müssen, dass ihre gewöhnliche Anhängerschaft sie verliess. Die Prozesse, die früher von den Priestern entschieden wurden, und ihnen grosse Einkünfte brachten, werden jetzt von dem „Adlie" genannten Gerichtshof erledigt, der in jeder Provinzstadt eingesetzt wurde. Daher die Unzufriedenheit der Priester mit dem konstitutionellen Regime, daher ihr Wunsch, der frühere Zustand möchte zurückkehren. Um die verlorene Stellung wiederzugewinnen, versucht die muselmanische Geistlichkeit, durch alle Mittel der neuen Regierung Schwierigkeiten zu bereiten. Von der Hefe der Bevölkerung unterstützt, agitiert sie überall und wendet sich natürlich gegen die Schwächsten, d. i. gegen die Juden. — Anderwärts ist es die Beschuldigung des Ritualmords, die leicht die Menge erregt und sie gegen die Juden bewaffnet. In Persien verfährt man anders. Hier beschuldigt man einen Juden, dass er unerlaubte Beziehungen zu einer moslemitischen Frau habe. Der Unglückliche, gegen den ein solcher Vorwurf erhoben wird, ist verloren, und manchmal wird seine ganze Gemeinde dem Mord und der Plünderung überliefert. Zahlreiche Unschuldige sind bereits die Opfer solcher Verleumdungen geworden. Fast wäre es einem unserer Glaubensgenossen in Hamadan begegnet, dasselbe Schicksal zu finden wie Daud in Sannah. Die ganze Gemeinde hat recht trübe Stunden durchgemacht. Sobald die Priester die Ereignisse von Sannah erfahren hatten, erfanden sie sofort ein ähnliches Geschichtchen, um einen Vorwand zum Angriff wider unsere Glaubensgenossen in Hamadan zu haben. Am Sonntag, den 8. Mai, abends, kehrte ein kleiner israelitischer Ladenbesitzer, namens Ibrahim Morad, nach Hause zurück. Er trug einige Lebensmittel in der Hand, die er eben auf dem Markte gekauft hatte. Die Strassen von Hamadan sind sehr eng, kaum 2—3 Personen können nebeneinander darin gehen. Ibrahim dachte an einen Rechnungsfehler, den er im Laufe des Tages gemacht hatte. Während er darüber nachsann, streifte er, ohne es zu wollen, an eine moslemitische Frau. Einige Personen, die auf die Gelegenheit zu lauern schienen, den Juden zu belästigen, beschuldigten den unglücklichen Händler, dass er die Frau in den Arm gekniffen habe. Sie stürzten sich auf Ibrahim und hätten ihm gewiss ein übles Los bereitet, wenn sich die Polizei nicht eingemischt und den Unglücklichen aus den Händen seiner Verfolger gerettet hätte. Um den Juden der WTut der Menge zu entziehen, steckte ihn der Polizeichef ins Gefängnis. Am nächsten Montag waren düstere Gerüchte im Basar im Umlauf. Man sprach davon, Ibrahim gewaltsam zu ergreifen und ihn auf öffentlichem Platz zu töten, danach aber das ganze israelitische Viertel anzugreifen. In früher Stunde hatte sich die Bevölkerung in der Hauptmoschee vereinigt, in der mehrere Redner allen Juden den Prozess machen, die der Tugend moslemitischer Frauen nachstellten, die alle Reichtümer des Landes an sich zögen und die, wenn man sie gewähren liesse, bald über die Moslim die Herrschaft erlangen würden. Irgend jemand schlug vor, die Juden zu zwingen, dass sie wie ehemals äussere Merkzeichen an ihren Kleidern tragen und lud alle Anwesenden ein, selbst dieses Zeichen als Merkmal des Protestes anzulegen. Zwischen 200 und 300 Moslim folgten dieser Aufforderung, eilten in den Basar und forderten dort mit lautem Geschrei den Tod Ibrahims. Alle Händler wurden von panischem Schrecken ergriffen und schlössen eiligst ihre Läden. Die Menge, die aus der Moschee kam, warf sich auf die Juden, und zwei Stunden lang, von 10—12 Uhr, dauerte das Unheil unter dem Geschrei „Ya AH, Ya Ali". Es waren schreckensvolle, wilde Szenen. Die Rasenden, mit Keulen und dicken Stöcken bewaffnet, stürzten sich auf die armen Juden, die ohne Waffe waren und ihre Häuser zu erreichen suchten. Etwa 30 Israeliten wurden verwundet, einige darunter schwer, etwa 100_wurden mit Stöcken geschlagen_und^aller Habe

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