Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1910)
- Article
- Die Wirren in Sannah (Persien) und Hamadan
- Date
- 1910-07-01
- Page
- Seite 463 - 464 (sequence 2)
- Language
- German
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463 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Wirren in Sannah (Persien) und Hamadan. 464 an der Zahl, vor dem Haus des Ermordeten vorüber, schreiend und Drohungen ausstossend. Die Soldaten, die das jüdische Viertel bewachten, waren ausser stände, die offenbar böses beabsichtigende Menge im Zaum zu halten. Soldaten und Neugierige umzingelten unser Haus, jene von Salar-Mukarem geschickt, dem Befehlshaber der Armee von Kurdistan, diese auf einen Vorwand zur Plünderung und Brandstiftung lauernd. Indessen warteten unsere armen Glaubensgenossen in den Kellern mit begreiflicher Angst auf den Fortgang der Ereignisse. Gegen Mittag schien die Ordnung wiedergekehrt. Einige Moslim hatten sich getraut, ihre Läden im Bazar wieder zu öffnen, und wir glaubten schon von dem Albdruck befreit zu sein, als wir in den Nachbarstrassen Flintenschüsse hörten. Folgendes hatte sich zugetragen: Ein wackerer Moslem, ein Freund der Kuluris, glaubte alle Gefahr vorüber und schickte sich an, einige Gegenstände zurückzubringen, die er tags zuvor den Plünderern entrissen und in seinem Haus verwahrt hatte. Er fürchtete nämlich für sich selbst und die Seinigen, da er erfahren hatte, dass den Fakis (Studierenden der Theologie) Kenntnis von seinem Verhalten gegeben worden war. Von einigen Soldaten geleitet, schickte er sich an, die Gegenstände zurückzustellen, als ein Haufen von Fakis mit den.Soldaten ins Handgemenge kam. Ein Mollah, der herbeigeeilt war, um jede Unordnung und die Wiederkehr der Szenen vom vorigen Tage zu verhüten, wurde in dem Gedränge verwundet. Bald verbreitete sich in der Stadt das Gerücht, dass die Israeliten einen Mollah ermordet hätten. Knüttelbewaffnete Leute kamen von überall her, um den Tod des Priesters zu rächen. Die schlimmsten Ausschreitungen befürchtend, entschloss ich mich, meine Familie zu Muschir-el-Divan zu schicken, einmal zu ihrer Sicherheit, sodann um den stellvertretenden Gouverneur zu ersuchen,, dass er den Kundgebungen ein Ende mache. Ich selbst blieb im Haus, wo meine Anwesenheit nötig war. Muschir-el-Divan zeigte sich ebenso energisch wie klug. Er schickte keine Soldaten, die die Sache hätten schlimmer machen können, sondern seine Bedienten, die selbst grosse Herren sind, um das Volk durch gütliches Zureden zu beruhigen. Der erwünschte Erfolg trat auch ein. In der Meinung; dass die Geister für den Augenblick beschwichtigt seien, aber neue Angriffe von der ungebildeten und begehrlichen Masse fürchtend, schrieb ich an Muschir-el-Divan, an Assof-el-Divan, an den Scheich-ül-Islam, an Hadschi Scheich Abdullah, einen Priester von grossem Einfluss, um sie zur Vermittelung zugunsten der Juden zu bestimmen. Alle beklagten in ihren Antworten die barbarische Handlungsweise, deren das Volk sich schuldig gemacht hatte, und versicherten, dass diese allseitig beklagten und missbilligten Szenen sich nicht wiederholen würden. Am Montag zeitig früh schickte mir Hadschi Scheich Abdullah, der, wie erwähnt, auch auf die fanatischsten Moslim grossen Einfluss besitzt, seinen Bruder, der im Namen des Scheichs das tiefste Bedauern über die Vorkommnisse vom Samstag aussprach und mich bat, ich möchte die jüdischen Ladeninhaber zur Rückkehr in den Bazar veranlassen. Nachdem ich dem Scheich für seine wohlwollende Gesinnung und Absicht gedankt hatte, legte ich dar, weshalb kein Mitglied unserer Gemeinde das Haus verlassen könne. Der Bruder des Scheich erkannte die Stichhaltigkeit meiner Gründe an und bat mich, um seine und seines Bruders Aufrichtigkeit zu beweisen, einige Notable kommen zu lassen, die er selbst mit einem Geleit von Mollahs in den Bazar führen wolle. — Gegen zehn Kaufleute folgten meinem Ruf. Die nötigen Befehle wurden gegeben, dass kein Israelit belästigt werde. Eine Ansprache, die der Bruder des Scheich auf offenem Markt hielt, tat die beste Wirkung, und die beruhigten Ladeninhaber öffneten ihre Magazine. — Dieser Akt der Duldsamkeit seitens eines Mollah ist vielleicht ohne Vorgang in den Annalen von Kurdistan. Mittags lauteten die Nachrichten aus dem Bazar beruhigend. Die Juden verliessen ihre Keller, doch die Besorgnis war noch nicht von ihnen gewichen. Einige Mitglieder der Gemeinde dankten mir für alles, was ich getan, und teilten mir ihre Befürchtungen mit. Zu ihrer Beruhigung schrieb ich an Muschir-el-Divan. Dieser versammelte die grossen Herren, den Scheichül-Islam, Hadschi, Scheich Abdullah, Salar-Mukarem usw., die über vier Stunden berieten. Sie beschlossen, den Mörder aufzusuchen, das Gestohlene den Eigentümern zurückzugeben und die ganze Woche hindurch das jüdische Viertel bewachen zu lassen. Muschir-el- Divan selbst teilte mir diese Beschlüsse mit. Am Dienstag war das Gedränge in der Stadt weniger gross. Oeffentliche Ausrufer verkündeten, dass alle Inhaber der bei den Kuluris gestohlenen Gegenstände schwere Strafe zu gewärtigen hätten, wenn sie das Gestohlene nicht zurückgäben. Kommissionen bildeten sich bei Hadschi Scheich Abdullah, bei Vakil-el-Mulk, im Haus des Ermordeten und bei mir, um das Geraubte entgegenzunehmen. Viel Mobilien wurden herbeigebracht. Am Mittwoch geschah nichts Bemerkenswertes. Am Donnerstag wurde Faradsch Dschadid, der nach Bidschar fliehen wollte, gefänglich eingezogen. Das verstimmte die Menge, die, Gerüchten zufolge, das jüdische Viertel am Freitag nach Verlassen der Moschee plündern wollte. Ich ging zu den einflussreichen Scheichs und erlangte von ihnen das Versprechen, am andern Tage vor dem Gottesdienst Vermahlungen an das Volk zu richten. Am Freitag verliess kein Israelit sein Haus. In der grossen Moschee von Sannah hielt ein Scheich eine Ansprache, die nicht weniger als zwei Stunden dauerte und tiefen Eindruck auf die Hörer machte. Es geschah nichts Bemerkenswertes. Heute, am Sonntag, ist die Ordnung wiederhergestellt; die israelitischen Händler sind im Bazar. Nur die Hausierer zögern an die Arbeit zu gehen, denn sie haben meist muselmanische Frauen als Kunden und fürchten falsche Anschuldigungen. Ich bemühe mich, durch die Behörden die erforderlichen Massnahmen zu veranlassen, damit diese Leute frei ihrem Geschäft nachgehen können. Erst heute haben wir den Schulunterricht wieder aufnehmen können. M. Tarragano. Sannah, den 13. Mai 1910. Ich habe Sie von allen Vorkommnissen unterrichtet, die der Ermordung Daud Kuluris während der ersten Tage dieses Monats gefolgt sind. Da der 8. Mai (Sonntag) ohne Zwischenfall vorübergegangen war, glaubten wir alle Gefahr beseitigt, wollten wir den Unterricht wieder aufnehmen. Am Montag in sehr früher Stunde liess sich ein Spezialabgesandter Hadschi Scheich Abdullahs, des einflussreichen Priesters, von dem in meinem vorigen Brief die Rede gewesen ist, bei mir anmelden. Er teilte mir im Auftrag seines