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Ost und West · 1910-07-01 · Heft 7 (Juli 1910) · p. Seite 467 - 468

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 7 (Juli 1910)
Article
Die Wirren in Sannah (Persien) und Hamadan
Date
1910-07-01
Page
Seite 467 - 468 (sequence 4)
Language
German
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467 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Wirren in Sannah (Persien) und Hamadan. 468 beraubt, die sie bei sich führten: Geld, Uhren, Kleider. Ein armer Jude erhielt zwei Yataganhiebe über den Kopf, wurde seiner Kleider beraubt, nackt und halbtot auf der Strasse liegen gelassen. Ein anderer wurde auf der Strasse umringt; die Elenden rissen ihm alle Haare vom Kopfe; ein Moslim setzte dem Juden den Lauf seines Revolvers auf die Brust. Zum Glück kamen gerade Beamte, die den Unglücklichen vom sicheren Tode erretteten. Ich habe diese Einzelheiten von den Verwundeten selbst, die ich in ihren Häusern aufgesucht habe. — Die Wirren hörten erst auf, als der Polizeichef Agha Taghi mit einer Handvoll Soldaten eingriff. Als ich gegen 11 Uhr morgens in der Klasse war, sah ich einige Juden zur Schule kommen, bleich, entstellt, kaum imstande, einige Worte zu stammeln. Sie teilten mir mit, was im Basar geschehen war. Die Eltern der moslemitischen Schüler kamen bald danach, holten ihre Kinder aus Furcht vor einem allgemeinen Massaker. Auch einige israelitische Mütter, halb wahnsinnig vor Furcht, stellten sich zu dem gleichen Zweck in der Schule ein. Ich antwortete allen diesen Leuten, dass, solange die Wirren andauerten, kein moslemitischer und kein israelitischer Zögling die Schule verlassen dürfe, wo die Sicherheit grösser wäre als irgendwo anders. Als um die Mittagsstunde die Lage sich noch nicht gebessert hatte, Hess ich Brot und Käse kaufen und verteilte das Frühstück an alle Schüler. Um 3 Uhr war die Ruhe wieder hergestellt, so dass ich die Kinder nach Hause schicken konnte. Ich telegraphierte an den französischen Residenten in Teheran, Herrn Raymond Lecomte, um ihn von den)Vorkommnissen zu unterrichten und ihn zu bitten, er möchte bei der persischen Regierung für unsere unglücklichen Brüder intervenieren. Auch die jüdische Gemeinde telegraphierte an den Minister des Innern, der die Behörden von Hamadan ^verpflichtete, das jüdische Viertel zu verteidigen. Seit Montag wird das jüdische Viertel ebenso wie der Basar von Polizei bewacht; aber unsere Glaubensgenossen sind nicht ohne Sorge. Sie wissen, dass die Polizei zu schwach ist, und dass bei eintretenden Wirrnissen die Menge die Polizei einfach wegschwemmt. Alle Tage ist davon die Rede, die Juden zu töten und zu berauben. Der Pöbel verlangt die Hinrichtung Ibrahims, Der Minister des Innern hat der „Adlie" den Auftrag gegeben, Erhebungen anzustellen. Ibrahim ist vor das Priestertribunal gebracht worden, das auf Grund falscher Zeugnisse ganz gewiss sich bemühen wird, den Unglücklichen^ um Tode zu verurteilen. Die Lage ist noch sehr undurchsichtig. Tag für Tag sind unsere Glaubensgenossen Opfer aller Arten von Verfolgung. Sie können nicht über die Strasse gehen, ohne belästigt zu werden oder ohne Gefahr zu laufen, dass man sie. steinigt. Die Juden fürchten sich, ihre Häuser zu verlassen und ihrer gewohnten Beschäftigung nachzugehen. Die Kaufleute haben ihre Arbeiten eingestellt; sie werden selbst von denen misshandelt, mit denen sie sonst in Geschäftsbeziehung stehen. Am 15. Mai hatte der Mob sich aufs neue in der Moschee versammelt, um die Hinrichtung Ibrahims zu verlangen. Auf Bitten der jüdischen Notablen habe ich Ihnen damals folgende Depesche geschickt: „Auf Grund falscher Beschuldigungen gegen einen Israeliten hat die fanatisierte Bevölkerung die Juden am 9. Mai angegriffen. 30 Juden verwundet. Der angeklagte Israelit ist in Gefahr. Das Volk verlangt seinen Tod. Die Gemeinde wird terrorisiert. Wir selbst sind gefährdet. Wir erwarten schwere Ereignisse. Handelt eilig." Auch die israelitischen Kaufleute haben an den*ottomanischen Botschafter in Teheran telegraphiert. Endlich haben die Direktoren der englischen und russischen Banken an die persische Regierung geschrieben, dass sie diese für die Verluste verantwortlich mache, die ihre Institute durch die Wirrnisse erleiden würden, da die Institute hauptsächlich mit den persischen und bagdadischen Juden arbeiten. Aus sicherer Quelle erfahre ich, dass an 100 russische Kosaken, von der Okkupationsarmee von Kasvin abgeteilt, in dieser Woche nach Hamadan kommen sollen, um die Ordnung wieder herzustellen. Der Minister des Innern hat soeben an den Gouverneur von Hamadan telegraphiert, er solle den Juden Ibrahim unter Geleit nach Teheran schicken, wo eine neue Untersuchung stattfinden soll. Man will auf diese Weise den Unglücklichen der Wut des Mobs entziehen, gegen die die Polizei ohnmächtig ist. Diese Nachricht hat die Israeliten mit Freude erfüllt. Die Verurteilung und der Tod Ibrahims wären für die ganze Gemeinde von den verhängnisvollsten Folgen gewesen. Indem sie den beschuldigten Juden nach Teheran kommen liess, zeigt sich die persische Regierung sehr geschickt. Sie rettet Ibrahim und^die ganze israelitische Gemeinde mit ihm. Die Anstifter der Unruhen sind aller Welt bekannt. Bisher hat man sie noch nicht belästigt. Die Juden wagen nicht, sie anzuzeigen, weil sie Repressalien fürchten. Die örtüchen Behörden sind ohnmächtig gegenüber diesen Elenden, die fortfahren, sich frei in den Basaren zu bewegen und von Tag zu Tag neue Schrecken unter unseren Glaubensgenossen zu erregen, die fortgesetzt für ihr Leben und für ihre Habe fürchten. M. H abib. Auszeichnung. Der Präsident der deutschen Con[ferenz-Gemeinsch aft der Alliance Israelite Universelle Herr Justizrat Timendorfer ist zum Geheimen Justizrat ernannt worden. Jubiläumsfonds der Deutschen Conferenz- Gemeinschaft der A. L U. Im vergangenen Monat ist nachstehender Aufruf erlassen worden: Freunde! Glaubensgenossen! Fünfzig Jahre der Tätigkeit unserer Alliance Israelite Universelle sind abgeschlossen. Im Jahre 1860 hat mit anderen Glaubensgenossen unvergänglichen Ruhms Adolphe Cremieux die Alliance Israelite Universelle ins Leben gerufen. Die Alliance Israelite Universelle hat die Gemeinbürgschaft aller Söhne unseres Glaubens verkündet, das Pflichtgebot aufgestellt, dass wir, die wir unter glücklicheren Verhältnisen leben, für die bedrängten Brüder zu sorgen haben, Bildung und Freiheit ihnen bringen müssen. Drei Ziele fasste die Alliance Israelite Universelle für die Glaubensgemeinschaft ins Auge: Verbesserung der Bildungs¬ und Erwerbsverhältnisse, Eintreten für ihre soziale und politische Gleichstellung, und Förderung der Wissenschaft des Judentums.

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