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Ost und West · 1910-07-01 · Heft 7 (Juli 1910) · p. Seite 447 - 448

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 7 (Juli 1910)
Article
Elisa Orzeszko
Date
1910-07-01
Page
Seite 447 - 448 (sequence 3)
Language
German
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447 Binjamin Segel: Elisa Orzeszko. 448 len Pfad zu bewegen, der die Juden von ihrer Umwelt trennt, und das wichtigste Problem schien ihnen — man denke z. B. an Herrn Karl Emil Franzos — der Kampf zwischen Erotik und Religion, und daher drehten sich die meisten ihrer Romane um die Figuren eines verliebten Paares, dessen einer Teil m dem einen, der andere in dem anderen Lager stand; und war die Zeitstimmung liberal, so kriegten sie sich, sonst kriegten sie sich eben nicht. Elisa Orzeszko sagte sich, dass weit drinnen mitten im Lager der Juden es doch wohl auch Leiden und Freuden, Kämpfe, Siege und Niederlagen geben müsse, die zu beobachten und zu verstehen so menschlich, zu schildern künstlerisch so wertvoll sein dürfte. Im ,,Meir Ezofowicz" schildert sie einen dieser Kämpfe, und zwar einen von jener Art, die ihr selber am meisten am Herzen lag: der Kampf um Licht und Aufklärung. Und es muss gesagt werden, dass sie ihn mit viel grösserem Gerechtigkeitssinn schildert, als die jüdischen Aufklärer, die selber mitten im Kampfe stehend, in den Alten nur die Gegner sahen, die man mit allen Mitteln bekriegen muss, ohne an ihnen ein gutes Haar zu lassen. Doch ist das Wertvollste und Bleibende in diesem Roman nicht die Anekdote, sondern die Gestalten, die urwüchsig und voller Eigenart aus ihrem natürlichen Milieu lebensvoll und anschaulich herauswachsen. Elisas heller Blick, noch geschärft durch die ernsten Studien, vermochte sehr tief in die jüdische Volksseele einzudringen, das Spezifische und Eigenartige darin wahrzunehmen und im inneren Zusammenhang zu sehen — und der Welt zu zeigen. Je mehr sie sich in das Studium der jüdischen Vergangenheit und Gegenwart versenkte, desto mehr lernte sie die Unverwüstlichkeit und Lebenskraft des Judentums bewundern und lieben. Sie sagte sich : wie töricht, grausam und zwecklos ist doch der von allen feindlichen Mächten gegen dieses Volk und seine Weltanschauung geführte Vernichtungskrieg. Wäre es nicht besser, diese Kraft zu wecken und zu pflegen, auf dass sie zum Wohle der Gesamtheit wirksam werde? Für ihr eigenes Vaterland war die Frage für sie entschieden. Nicht durch Aufgeben ihres eigenen Ichs, durch Selbstvernichtung und Verkrüppelung ihrer Eigenart, nicht durch Auslöschung ihrer Erbtugenden, Verleugnung ihrer Tradition sollten die Juden den christlichen Mitbürgern näher gebracht werden; sondern durch Selbstveredelung, durch Entfaltung und Pflege der besten Kräfte, die in der Tiefe schlummern^ zum Licht empor und zur wahren Kultur, die in ernster, fruchtbringender Arbeit und in dem Streben nach der Harmonie des Lebens und der Pflichten beruht. Sie war überzeugt, dass auf diesem Weg des edlen Wettbewerbes die Kräfte der Juden und der Nichtjuden sich gegenseitig nur fördern und stärken, nicht aber paralysieren und hemmen würden. Sie war auch unerschütterlich überzeugt, dass die Juden, die seit Jahrhunderten in ihrem Lande lebten, ebensogut wie sie selber und die Ihrigen ein Recht haben, dieses Land als ihr Vaterland zu betrachten, es zu lieben und ihm zu dienen, und von ihm geschützt zu werden. An der moralischen, intellektuellen und ökonomischen Hebung der jüdischen Massen zu arbeiten waren nach ihrer Ansicht die Klugen und Aufgeklärten beider Völkerstämme, in erster Reihe aber die jüdischen, verpflichtet. Und hier erwartete sie eine der grössten Enttäuschungen ihres Lebens: denn sie ahnte anfänglich nicht, wie weit die dünne Oberschicht der sogenannten aufgeklärten Juden, der sie hohe sozialkulturelle Aufgaben zumutete, sich von den breiten Massen ihres Volkes entfernt hatte, wie sehr sie bemüht war, die Kluft, die sie von ihnen trennte, zu vertiefen, sich in Sprache, Sitte und Fühlen von ihnen zu scheiden und sie in allem ihrem Schicksal zu überlassen. Dieser Egoismus erfüllte Elisa Orzeszko mit schmerzlichem Staunen. Wo sie tiefes Verständnis und eindringliche Kennerschaft des jüdischen Volkes erwartete und sich Rat und Belehrung holen wollte, fand sie vollkommene Unwissenheit und kalte Teilnah mlosigkeit. Diese Scheinkultur, diese äusserliche Glätte, hinter der sich Hohlheit und Herzensroheit verbarg, erregte in ihr Widerwillen und Abscheu. „Nichts hasse ich so sehr, als Masken, Krücken, törichte Vergoldung und seichte Politur." Mit um so grösserer Liebe wandte sie sich allen Gebeugten und Mühbeladenen zu, allen, über die das sausende Rad des Lebens zermalmend hinweggeht, allen, die im Verborgenen das Leid des Daseins tragen. „Jeder brachliegende Boden, jede vorzeitig verwelkte Pflanze, alle vertrödelten Lebensstunden, verkümmerten Charaktere, verwahrlosten Gaben, misslungenen Strebungen wecken in mir immer eine tiefe Trauer." Sie suchte sich ihre Vorwürfe und Gestalten unter dem jüdischen Proletariat, dessen grosse Leiden und kleine Freuden sie mit tiefer Sympathie nachfühlte und schilderte. Besonders die Kinder und die Frauen schloss sie in ihr Herz. „Diese alte Chaita, die Fetzen sammelt und damit für sich und ihr Enkelkind den dürftigen Lebensunterhalt erwirbt, liebe ich sehr. So oft ich sie ansehe, fühle ich, dass zwischen mir und ihr eine unzerreissbare Verwandtschaft besteht. Sie und ich, wir gehören beide zu jener grossen, unglücklichen Familie, Menschheit genannt. Sie ist also meine Blutsverwandte, und — verzeihen Sie. meine Herrschaften! — auch eure Blutsverwandte. Und was ihre niedrige soziale Stellung betrifft, so versichere ich euch, dass, wenn die Höhe der sozialen Stellungen nach der Höhe der überstandenen Leiden und Mühen gemessen wrürde, die Fetzensammlerin Chaita einen sehr, sehr hohen Rang einnehmen müsste." Es gibt unter den armen Schichten der Juden in Polen und Littauen eine Klasse von Frauen, deren Leben und Empfindungsweise den Aussenstehenden fremd und unverständlich vorkommen muss. Das sind jene Frauen, die die ganze Last des Erwerbs auf sich nehmen, um dem Manne die Möglich keit zu gewähren, sich ausschliesslich der heiligen Thora zu weihen. Heisst es im jüdischen Ehekontrakt, der „Kethubba", es sei Sitte jüdischer Männer, ihren Frauen zu dienen, sie zu verehren und sie zu ernähren, so nehmen diese jüdischen Frauen in erstaunlichem, fast hochmütigem Kraftbewusstsein diese Rolle auf sich, sie dienen ihren Männern und ernähren sie durch ihrer Hände Arbeit, aber noch mehr verehren sie ihre Männer. Denn die Männer dienen einer höheren Welt, sie widmen alle ihre Zeit und Kraft dem Studium der heiligen Lehre, sie unterhalten und verbreiten das Licht der himmlischen Weisheit. Gibt es eine grössere Wonne, als zu wissen, dass man demütig und still schaffend in das Weben der höchsten Interessen eingreift, mit seiner bescheidenen, prosaischen Alltagsarbert das Räderwerk der obersten Sphären in Gang erhält? Denn das weiss ja seit unvordenklichen Zeiten jedes jüdische Kind, dass die Welt in das Chaos zurücksinken müsste, wenn das Feuer der Thora erlöschte und die Stimme der Lernenden verstummte. Die beiden stärksten Weibinstinkte, das Bedürfnis, zu dienen und das Bedürfnis, zu beschützen leben sich bei diesen Judenfrauen unter einem aus. Ihr Mann ist ihr Gott, den sie anbeten, das erhabene Wesen,

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