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Ost und West · 1910-07-01 · Heft 7 (Juli 1910) · p. Seite 449 - 450

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 7 (Juli 1910)
Article
Elisa Orzeszko
Date
1910-07-01
Page
Seite 449 - 450 (sequence 4)
Language
German
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449 Binjamin Segel: Elisa Orzeszko. 450 das den höheren Inhalt des Lebens ausmacht, und zugleich ihr hilfloses Kind, welches sie mit starkem Arm vor der rauhen Berührung mit der gemeinen, herabziehenden Wirklichkeit schirmen. So können sie in dem Hochgefühl schwelgen, die Schutzgöttin eines Gottes zu sein. Dieses Verhältnis hat ausser Perez Smolenski niemand feiner und tiefer ergriffen, als Elisa Orzeszko: „Habt Respekt vor dieser einfachen kleinen Jüdin, die so unästhetisch und unbedeutend aussieht. Sie hat eine sehr wichtige Sache zuwege gebracht. Sie hat in der Praxis eine soziale Frage gelöst, die die ganze Welt als höchst schwierig betrachtet, nämlich die Frage der Gleichberechtigung der Frau auf dem Gebiete des Erwerbes. Gelöst in vollkommener, idealer Weise, denn seit 12 Jahren ernährt sie mit ihrem Erwerb den Mann und fünf Kinder, und dabei stützen sich alle ihre diesbezüglichen Unternehmungen auf ein Kapital von dreissig Rubeln." — „Was tut denn dein Mann sein ganzes Leben? Warum hilft er dir nicht?" fragt jemand Frau Gippa. Von Cippas Gesicht schwindet der Ausdruck der Ermüdung, und Entrüstung malt sich darin: „Mein Mann hat seine Arbeit," brummt sie abweisend, „er kann sich mit dem Handel nicht abgeben." — „Du bist also ein sehr unglückliches Geschöpf, da du einen solchen unbeholfenen Menschen zum Manne hast?" Cippa blickt verwundert auf: „Wenn ich zehn Töchter hätte, ich würde zu Gott beten, dass er jeder ein solches Glück schenkte, wie das meinige." Und ihre Augen strahlen, ein zärtliches Lächeln umspielt ihre Lippen und eine Röte bedeckt ihr Gesicht bis hinauf zur schwarzen Perücke auf ihrem Scheitel. — Elisa Orzeszko hat aber auch noch andere Männer gesehen. Da ist z. B. Reb Nochim (Nachum). „Er ist berühmt ob seiner Gelehrsamkeit, Frömmigkeit und Barmherzigkeit. Er ist ein mächtiger Talmudist und auch die Kabbala studiert er mit heissem Bemühen. Man behauptet, es gebe für seine Augen nichts Verborgenes im Himmel und auf Erden. Darüber weiss ich freilich nichts auszusagen, aber für seine grosse Barmherzigkeit habe ich unwidarlegliche Beweise, denn ich habe seine Taten und deren Folgen mit eignen Augen gesehen. Jüdische Kinder habe ich gesehen, arm, zerlumpt, hungrig, die er in ganzen Scharea zu sich nahm. Hilflose, gebückte Greise sah ich, denen er seine Arme als Stütze lieh. . . . Davon erzähle ich euch ein andermal." . . . Am liebsten erzählte sie von den Kindern. In ihren Erzählungen tummeln sich Scharen von armen, lieblichen Kindern; sie belauscht sie beim Spiel, wie sie lachen und weinen, wie sie hungern und darben. „Diese Kinder machten noch keinen Unterschied zwischen den Nationalitäten, welche diese Erde bewohnen, und wussten nichts davon, dass eine die andere hassen, und sich über deren Unglück freuen kann. Ihre Weisheit war noch nicht zu jener Stufe gediehen, wo die Wissenschaft vom Hass und von der Rache sich befindet." Und aus dieser kleinen Welt streifte ihr Blick unaufhörlich in jene grosse hinüber, wo die Wissenschaft vom Hass und von der Rache ihren Thron aufgerichtet hat. „Eine Unendlichkeit der Zeit und der Kräfte möchte ich besitzen, um sie im Dienste der Gerechtigkeit und der Harmonie unter den Menschen zu betätigen." „Die Solidarität der Völker untereinander und ihr gegenseitiges Mitgefühl, das ist die einzige Aufgabe und Daseinsberechtigung der Idee des Weltbürgertums." Dieser Idee in ihrer Auffassung zu dienen, mit ihrerganzen Kraft zu dienen, wurde sie ihr Leben lang nicht müde. Jener Kurfürst von Sachsen, der König von Polen wurde, sagte: mir scheint, in diesem Lande sind die Weiber die einzigen Männer. Das galt natürlich nicht der Tapferkeit und Kriegstüchtigkeit, sondern der politischen Einsicht und der sozialen Grossherzigkeit. Man könnte dasselbe von der gegenwärtigen Schriftstellergeneration in Polen sagen. Als in den 80er Jahren der moderne Antisemitismus als neuestes Erzeugnis deutscher Kultur in Polen einzudringen begann, koimten die männlichen Schriftsteller ihm nur mit Mühe widerstehen, und insofern ihre Parteizugehörigkeit es ihnen nicht verbot, Hessen auch die bedeutendsten ein wenig, und am stärksten die jungen und die jüngsten sich von ihm affizieren. Nur einige tapfere Frauen, und an ihrer Spitze Elisa Orzeszko wehrten der neuen Strömung mit Macht, Nur wenige haben die europäische und insbesondere die deutsche Kultur tiefer erfasst und höher geschätzt, als sie, aber die Unkultur für Kultur hinzunehmen, dazu war sie zu klug und zu gütig. Sie Hess sich nie irremachen vom Geschrei der Masse, vom Toben der öffentlichen Meinung. Und noch in der letzten Zeit, als in der allgemeinen Verwirrung, die über ihr Land hereinbrach, der Rassenhass, von aussen und von innen künstlich aufgepeitscht, eine Weile aufzuschäumen und ihr ganzes Lebenswerk zu verschlingen drohte, goss sie einen Krug Oel in die aufgeregten Wogen: sie sammelte 16 der schönsten Judennovellen polnischer Autoren, und sandte sie, gleichsam als Botschaft des Friedens und der Versöhnung, als eine Mahnung zum Verständnis und zur Eintracht in die Welt hinaus. „Wie verschieden unsere Namen, unsere Trachten, Gesichtszüge und Schicksalswege beschaffen sein mögen, uns alle auf Erden umschlingen die eisernen Bande des Leidens, des Kampfes, des unerbittlichen Todes. . . Nur wenn wir andere Ketten schaffen, die des Mitgefühls, der gemeinsamen Arbeit, der gegenseitigen Hilfsbereitschaft, werden jene viel von ihrer tragischen Macht einbüssen. Das scheint eine einfache und klare Wahrheit zu sein. Aber gerade solche einfache und klare Wahrheiten zu verstehen sind die Menschen am wenigsten befähigt. Jene Wahrheiten, die ihren gemeinen Interessen, ihren kurzsichtigen Begriffen, ihren blinden Vorurteilen und unbewussten bösen Trieben zuwiderlaufen. Das Schicksal, ein übermächtiger Werkmeister, schmiedet unaufhörlich seine fürchterlichen, unzerbrechlichen Ketten. Träge und unstät, dürftig und schwächlich kommen von der Hand des Menschen, des mühseligen und törichten, die einzigen Werkzeuge der Rettung. . . . Was soll man nun beginnen? Sich einbetten in Verachtung und Verzweiflung, und einschlafen? Nein! Ich will den Samen ausstreuen, und wenn er auch auf harten Boden fällt. Und durch die trübe Luft möge der Hymnus des Friedens und der Erlösung tönen." Binjamin Segel.

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