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Ost und West · 1910-07-01 · Heft 7 (Juli 1910) · p. Seite 445 - 446

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 7 (Juli 1910)
Article
Elisa Orzeszko
Date
1910-07-01
Page
Seite 445 - 446 (sequence 2)
Language
German
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445 Binjainin Segel: Elisa Orzeszko. 446 sich bei ihr, ins Weibliche übersetzt, verbunden mit der Milde der Pflegeschwester, auf dem Schlachtfelde sozialer Ideen. Das grosse Erbarmen mit allen Leidenden, Kämpfenden und Mühbeladenen weckte ihre ungewöhnliche Gestaltungsgabe, die in der Sonne einer reichen und gründlichen Bildung, von einer grossen und vielseitigen Menschenkenntnis, von einem feinen, durchdringenden Verständnis getragen, zu hoher Künstlerschaft hinanreifte. Sie diente aber nicht der Kunst um der Kunst willen allein, sondern der Kultur und der Menschlichkeit zuliebe. Ihre Darstellungsgabe und ihr Erzählertalent waren ihre Werkzeuge der Arbeit im Dienste des Idealen, ihr psychologischer Spürsinn ein Spaten, mit dem sie in den Tiefen der Menschenseele nach den Schätzen des Edlen und Guten schürfte. ,,Ich liebe die Wissenschaft, weil sie die Nebel zerstreuen hilft, die die Ideale und£die Arbeit verdunkeln, weil sie den Faden spinnt, 'der jene mit der Erde verbindet." . . . „Unbeugsame Gradheit, unerschrockene Aufrichtigkeit, tiefe Liebe zu jeder guten Sache und treue Arbeit in ihrem Dienst, Kampf wider alle bösen Mächte, die an uns und um uns herum existieren, Aufopferung im Falle der Not und Pflichterfüllung zu jeder Stunde, warme Verehrung für alles, was moralisch schön und kräftig ist, Ekel vor dem Bösen und 1 Nachsicht und Verzeihung für die Bösen, Anteilnahme |an \ der Arbeit für das Gemeinwohl mit allen Kräften der Intelligenz und des Willens, um den Familien und Völkern Festigkeit und Fortschritt zu bringen: das ist meine Religion des Ideals, und diese Religion meiner angestammten Gemeinschaft in Sinn und Herz zu pflanzen, wünsche ich mehr als alles auf Erden." — „Die Schätze,, welche tief in den Abgründen ruhen ans Tageslicht zu fördern, und die oben in den Höhen strahlenden Lichter zur Erde herabzubringen, das wird allezeit die stärkste Begierde und das beste Glück eines Teils der Menschheit ausmachen," sagt sie einmal. Und sie selber gehörte zu diesem Teil der Menschheit. Und sie hat ihr ganzes reiches Leben i nichts anderes getan. Schon in früher Jugend im Hause ihres hochgebildeten und aufgeklärten Vaters Benedikt Pawlowski gehörte ihre Sympathie den Armen und Unterdrückten, und das junge Mädchen war eine eifrige Fürsprecherin der Bauernbefreiung. Früh verwaist, genoss sie eine Pensionatserziehung in Warschau, wie sie jeder höheren Tochter zuteil wird. Sehr früh und nicht glücklich verheiratet, folgte sie gleichwohl dem ungeliebten Gatten nach Sibirien, wohin er wegen der Teilnahme an dem Aufstand von 1863 verbannt worden war. In jenen Jahren entfaltete sich ihre rezeptive sowie ihre schöpferische Begabung. Durch fleissige, uner- Elisa Orzeszko. müdliche Studien eignete sie sich eine erstaunliche, gediegene Bildung an, die sie unausgesetzt, bis an ihr Lebensende, zu erweitern und zu vertiefen bemüht war. Der Drang, sich zu äussern, erwachte. Als erste Frucht ihrer schriftstellerischen Tätigkeit erschien die. kleine Skizze „Aus den Hunger jähren", ein Bild aus dem Bauernleben. Dann kam eine Reihe grösserer Werke, von denen jedes ein anderes soziales Problem in Romanform behandelte, jedes zeugend von grosser Gereiftheit der Weltanschauung, völliger Vorurteilslosigkeit, tiefem sittlichen Ernst, aufrichtiger Menschenliebe, und überdies von einer Fülle hoher künstlerischer Qualitäten, die der Verfasserin bald einen berühmten Namen weit ausserhalb ihres Vaterlandes machten. Ihre Bücher wurden in die meisten Kultursprachen Europas übersetzt, und in Deutschland gehören sie bis auf den heutigen Tag i zu den meistgelesenen Werken fremder Autoren. Es konnte nicht fehlen, dass siet sich auch dem Judenproblem zuwandte. Sie hatte bereits einzelne Judengestalten ' in ihren Erzählungen eingeführt, jetzt fasste sie den Plan zu dem grossen Roman „M e i r Ezof owicz", der unzweifelhaft der beste aus nichtjüdischer Feder stammende Judenroman der Weltliteratur ist, ein edles Denkmal reinmenschlichen Mitgefühls, welches über 1 die engen Schranken des Nationalismus und Konfessionabsmus hinweg das Menschliche im Menschen, wenn es auch in fremder Gestalt auftritt, lieben und hochachten und vor allem — verstehen lehrt. Aeusserlich kannte sie den Juden in allen seinen Gestalten aus dem alltäglichen Verkehr sehr wohl. Aber sie wollte auch das Innere des Juden kennen lernen. Sie wollte wissen und nacherleben, wie die Gegenwart aus der Vergangenheit geworden ist. Zu diesem Zweck unternahm sie sorgfältige und 'ausgedehnte Studien, sie las (alle Uebersetzungen aus dem Talmud und alle Studien über ihn, deren sie habhaft werden konnte, was ihr [ihre vielfältigen Sprachkenntnisse ermöglichten; Ü| sie vertiefte sich sogar in die Kabbalah (vermittelst der Werke von Franck und Joel), studierte eifrig die jüdische Geschichte, führte eine|[ausgedehnte Korrespondenz mit jüdischen Gelehrten,* und eignete sich schliesslich ein jüdisches Wissen an~ von clem wenigstens ein geringer Teil so manchem berühmten jüdischen Verfasser von Judenromanen, so manchem jüdischen Vorkämpfer, Verbesserer und Retter der Juden von Herzen zu wünschen wäre. Dabei schützte sie ihr lebhafter künstlerischer Instinkt und die stetige Berührung mit der unmittelbaren Wirklichkeit davor, in die blasse, blutleere Theorie zu verfallen. Die meisten Judenromanciers pflegten sich auf dem schma-

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