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Ost und West · 1910-07-01 · Heft 7 (Juli 1910) · p. Seite 439 - 440

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 7 (Juli 1910)
Article
Die Märtyrer von Berlin
Date
1910-07-01
Page
Seite 439 - 440 (sequence 5)
Language
German
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439 ß. Samuel: Die Märtyrer von Berlin. 440 Meyer gebracht, und diesem im Beisein des dortigen Rabbi übergeben. Am 24. Mai wurde die Hochzeit des Sohnes dieses Meyer, namens Isak, gefeiert, und bei dieser Gelegenheit ergötzten sich die anwesenden Gäste, nicht, weniger als vierundzwanzig an der Zahl, mit dem Spass, das aus Brandenburg herbeigeschaffte Stückchen der Hostie abermals mit Pfriemen und Messern zu stechen, und abermals sei daraus „mildiglich" Blut geflossen. Darauf sei die Hostie mitsamt dem Span vergraben, aber gleich wieder ausgegraben und nach Braunschweig zur weiteren Misshandlung und Schändung geschickt wrorden. Auffallend ist hierbei die Aehnlichkeit der zutage geförderten Resultate mit denen des Mecklenburger Prozesses vom Jahre 1492. Damals waren nämlich zu Sternberg im Mecklenburgischen fünfundzwanzig Juden lebendig verbrannt worden, weil sie ebenfalls eine Hostie ganz nach derselben Schablone gestochen, gemartert und verspottet hatten, und zwar gleichfalls gelegentlich einer Hochzeit, wobei dieselben Wunder geschehen waren, die Schuldigen auf dieselbe Weise gestanden haben. Und 17 Jahre darauf sollten die Juden der nächsten Nachbarschaft dieselbe Prozedur, genau nach der Schablone, wiederholt haben! Es war nun so ziemlich um alle Juden der Mark Brandenburg, soweit sie sich nicht durch die Flucht gerettet hatten, und solche waren nur wenige, das Netz geschlungen. Nun liess der Kurfürst alle Eingekerkerten nach Berlin bringen. Es waren ihrer etwa hundert Personen. Jetzt schien die Sache doch ein wenig zu hapern. So sehr man von der Wirklichkeit der Wunder über- MAX LEVI. Römerin. FRIEDENAU. zeugt war, das Volk war doch nicht mehr abergläubisch genug, um zu glauben, dass so viele Menschen auf eine talergrosse Oblate mehrmals mit Messern einbauen und stechen, sie vergraben und wieder ausgraben, sie tagelange Reisen machen lassen könnten, ohne dass die geweihte Hostie sich in Atome auflöste. Aber die Opfer mussten unbedingt belastet werden. Daher wurden, wie ein christlicher Forscher sich ausdrückt, „Verbrechen ersonnen, um überhaupt Verbrecher strafen zu können". Jetzt tritt nämlich die äusserlich nicht hierher gehörige, aber psychologisch mit den Glauben an Hostienschändung zusammenhängende Blutbeschuldigung auf. Obgleich nirgends Kinder vermisst worden waren, erheben die Untersuchungsrichter gegen eine Reihe der Angeklagten, denen man keinen Zusammenhang mit den angeblichen Hostienschändern nachweisen konnte, den Vorwurf, dass sie vor ungefähr neun oder zehn Jahren ein dreijähriges oder vierjähriges Christenknäblein von einem fremden Christen mit langem Barte für 10 Gulden gekauft, es in einem Keller auf einen Tisch gelegt, mit Nadeln nach den blutreichsten Adern gestochen und ihm zuletzt die Kehle abgeschnitten hätten. Andere sollen ein vierjähriges Christenkind, das ihnen ein Jude aus Böhmen gebracht, für 10 Gulden gekauft und ihm auf ähnliche Weise Blut abgezapft haben. Wieder andere hatten zu Ostern 1509 ein Kind seiner Mutter, einer Bäuerin, um 24 Groschen abgekauft und ihm den Hals abgeschnitten. Auf dieselbe Weise sollen noch ein paar Kinder, die von niemandem gesehen und von keinem vermisst wurden, durch die Juden umgekommen sein. Man sieht, damals, sieben Jahre vor dem Auftreten Luthers, war der Glaube an Hostienschändungen doch schon erheblich erschüttert und konnte eine Anklage nicht mehr tragen. Darum musste der noch immer zündende Blutglaube herbeigezogen werden, um die Anschuldigung zu stützen. Natürlich gestanden die Juden unter der Folter alles ein, was man von ihnen nur herauspressen wollte. Die gewissenhaften Untersuchungsrichter waren natürlich mit der zweifellosen Feststellung der nackten Tatsachen allein nicht zufrieden; sie hielten es für ihre hehre Pflicht, auch nach den Beweggründen der jüdischen Missetaten zu forschen. Und auch diese förderten sie an den Tag. „Etliche Juden gestanden, dass sie das Sakrament an sich brächten, um durch die Schändung desselben Christum und die Christenheit zu verhöhnen und zu verachten; auch wollten sie Wunderzeichen davon sehen, an welche sie, obschon dergleichen überliefert werden, nicht glauben könnten. Das Blut unschuldiger Christenkinder gebrauchten sie aber gegen ihre Krankheiten, namentlich den Fluss, und sei ihnen dasselbe so notwendig, dass sie es mit Paradiesäpfeln, Ingwer und Honig einmachten, um es zu erhalten und nie zu entbehren. Auch würden sie durch den Genuss dieses Blutes gegen die Christen grimmiger und hasserfüllter in ihrem Gemüte, und könnten demnach ihren bösen Willen gegen dieselben desto besser rollbringen, welcher darauf hinziele, dass die Christenheit ausgerottet werde und in allen Stücken Unglück habe. Aus diesem Grunde hätten sie auch die Ordnung

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